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        Es ist 8:47 und ich habe mal wieder meinen Wecker überhört. Das passiert mir dauernd und vielleicht sollte ich mir langsam mal Gedanken machen. Stattdessen stehe ich jetzt aber schnell auf, ziehe mir etwas an und mache mich auf den Weg ins Büro. Eigentlich will ich meinen Arbeitstag um 9 Uhr beginnen, das werde ich heute aber nicht mehr schaffen.

        In einem anderen Job wäre mein Chef (oder mein Abteilungsleiter? Ich habe nicht viel Ahnung von eher konventionellen Unternehmen) vermutlich angepisst. Zum einen, weil ich mal wieder zu spät bin, zum anderen aber auch, weil ich schon wieder meine komplett zerrissene Hose und meinen gammeligen alten Second Hand Sweater anhabe. Nicht besonders repräsentativ. Wie gut also, dass ich nicht in einer anderen Firma arbeite, sondern bei Purefood.

        Purefood – eine soziale Dachmarke

        Ich arbeite jetzt seit 9 Monaten (inklusive 6 Monate Praktikum) als „Content Marketing Managerin & Producerin“ oder auch „Creator of creative Creations“ fest bei Purefood. Purefood ist eine Dachmarke für soziale Lebensmittel, im Moment Lycka und Stark. Wir arbeiten mit der Welthungerhilfe zusammen und spenden mit jedem verkauften Produkt an ein soziales Projekt in Burundi oder der zentralafrikanischen Republik. Auch Nachhaltigkeit, Transparenz und Veganismus sind hier Thema.

        Ich kümmere mich bei beiden Marken um die Social Media Accounts und erstelle die Fotos und Videos. Außerdem bin ich in die Kampagnenplanung involviert. Ein Job, den ich mir selbst ausgesucht habe, denn er war nie so ausgeschrieben.

        Schon an meinem ersten Tag im Praktikum wurde mir gesagt, dass ich das machen kann, was ich machen möchte, wenn ich nur die Eigeninitiative habe und mich gut einbringe. Ich hatte also nach gut zwei Wochen meinen eigenen kleinen Bereich und habe mich seitdem täglich weiterentwickelt. Aber was ist das Besondere an meiner Arbeit in einem sozialen Lebensmittel Startup?

        Die Arbeit in einem sozialen Lebensmittel Startup

        Fotos: Julia Bischoff

        Goodbye Hierarchie, goodbye Vorschriften

        Wenn ich Bekannten oder Freund*Innen von meiner Arbeit erzähle, dann sind sie meistens skeptisch. „Ja wie, du kannst einfach Urlaub nehmen wann du willst?“ oder „Echt jetzt, du kannst einfach mal so eine Woche ins Home-Office gehen?“, sind nur zwei der Fragen, die ich regelmäßig gestellt bekomme. Und ja, genau so ist es. Ob das wirklich so gut funktioniert, dazu kommen wir später.

        Wir haben keine Urlaubsregelung und feste Arbeitszeiten gibt es auch nicht. Auch die Hierarchien sind so flach, wie die Witze meiner Kollegen. Oder dieses Wortspiel. Manchmal frage ich mich selbst, ob ich wirklich so mit meinem Chef reden kann, aber dann fällt mir wieder ein, dass es Felix ist und ich muss kurz darüber lachen. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir keinen Respekt voreinander haben oder unsere Freiheiten ausnutzen. Gar nicht.

        Der chilligste Job ever?

        Definitiv nein. Denn ja, ich kann nach Hause gehen, wenn ich Kopfschmerzen habe, oder mir einen Tag frei nehmen, wenn eine Freundin in der Stadt ist. Doch ich habe auch viel Verantwortung, denn ich habe meinen eigenen Bereich, der funktionieren muss. Und ich will ja nicht nur, dass er funktioniert, sondern richtig, richtig gute Arbeit abliefern. Meine Erwartungen an mich sind also sehr hoch und genau diese Einstellung finde ich auch bei meinen Kolleg*Innen wieder.

        Manchmal gehe ich früher nach Hause und nehme mir frei, manchmal habe ich aber auch eine 50 Stunden Woche. Oder arbeite am Wochenende. Die meiste Zeit haben wir Spaß in der Arbeit und machen Witze, doch oftmals diskutieren wir auch hitzig über Themen wie Gehälter oder unsere Produkte. Wir sind alle sehr reflektiert und jeder kleinste Fakt wird ausdiskutiert. Wir haben alle zu wenig Zeit für die Aufgaben, die wir erledigen müssen. Und wir haben definitiv nicht gerade hohe Gehälter.

        Und wie funktioniert das so, mit den Kolleg*Innen befreundet zu sein? Vermutlich wie in jedem anderen Unternehmen auch – wenn mir auch der Referenzwert fehlt. Mir persönlich fällt es schon noch schwer, Entscheidungen nicht auf zwischenmenschlicher Ebene zu treffen und wirklich so offen Feedback zu geben, denn ich möchte ja niemanden verletzen oder niemandem zu nahe treten. Offenes und ehrliches Feedback ist schließlich erwünscht und letzten Endes habe ich es auch noch nie erlebt, dass jemand deswegen eingeschnappt war.

        Ich würde diesen Job niemals als chillig bezeichnen. Denn was ich hier wirklich erst lernen musste, oder auch immer noch lernen muss, ist, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für meinen Bereich, sondern auch für mich. Denn so schön es auch ist, super wenige Vorschriften zu haben, so helfen eben diese Vorschriften manchmal auch, sich zu orientieren. Mein Beruf bringt mit sich, dass ich täglich unsere Produkte, unsere Strategie, unsere Kultur und vor allem mich selbst kritisch hinterfrage.

        Kann ich meine Arbeit noch besser machen? Habe ich ein gutes Zeitmanagement? Wie optimiere ich meinen Bereich? Schaffe ich meine Arbeit noch, wenn ich jetzt früher gehe? Bin ich gut genug?

        Die Arbeit in einem sozialen Lebensmittel Startup

        Ich würde nicht tauschen wollen.

        In den letzten paar Monaten habe ich mehr über mich gelernt, als in meinem ganzen Studium, davon bin ich überzeugt. Es gibt so viele Ups and Downs und auch so viele Glücksmomente und „Hilfe mir wird alles zu viel“-Tage, dass eigentlich nie so richtig Ruhe einkehrt. Aber ich liebe meine Arbeit. Ich liebe es, diese Freiheiten zu haben, mich reflektieren zu müssen und zu wissen, dass ich einen Beruf habe, der bei Menschen, denen es nicht so gut geht, etwas bewirkt. Denn ich könnte einfach nicht mehr in einem Konzern arbeiten, dem es nur um Profit und Erfolg geht.

        Und ja, ich glaube fest daran, dass Unternehmen mit einer alternativen Kultur und Philosophie funktionieren. Ich glaube nicht, dass es Urlaubsregelungen braucht, wenn man motivierte Mitarbeiter*Innen hat. Und ich glaube nicht, dass es einen Big Boss braucht, vor dem alle erzittern, wenn er den Raum betritt. Stattdessen glaube ich an eine offene Feedbackkultur, flache Hierarchien und Vertrauen.

        Und so ist das Leben in einem sozialem Lebensmittel Startup wirklich.

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