Weihnachten | 19

8. Januar 2020

Weihnachten ist das Fest an dem wir alle zusammenkommen und irgendwie hatte ich dieses Jahr das Gefühl, dass viele Dinge in unserer Familie das letzte Mal passieren. Wie wir Oma zu uns nach Hause holen und sie mit ihren faltigen Händen die Geschenke aufknotet. Der Kartoffelsalat in der Mitte des gedeckten Tisches, den wir langsam alle nicht mehr sehen oder schmecken können. Am zweiten Weihnachtsfeiertag die ewige Fahrt in die nächste Stadt, um am Ziel von meiner anderen Oma in den Arm genommen zu werden.

Das Fest lebt von seinen Traditionen und mich beschleicht immer wieder der Gedanke, dass sie nur erfunden wurden, damit wir uns verzweifelt daran festklammern können. Wenn in unseren Familien jeder mit seinem eigenen kleinen Paket an Vorstellungen und Wünschen am Tisch sitzt und wir dann doch wieder in unsere alten Muster zurück fallen. Wenn die Kinder wieder Kinder werden und sich belehren lassen müssen. Oder in ihren alten Kinderzimmern zwischen Teddybären und Puppen schlafen. Der Journalist Rhodri Marsden rief dazu auf, unter dem Hashtag #duvetknowitschristmas auf Twitter ihre Schlafplätze über die Weihnachtsfeiertage zu teilen. Eine Absurdität des wieder Kind seins bei den eigenen Eltern.

Ich frage mich, warum wieder zu Hause angekommen, niemand richtig ernst genommen wird. Anscheinend wurde in vielen Familien das richtige Zuhören verlernt. Egal was wir sagen, irgendein/e Angehörige/r hat schon eine vorgefertigte Meinung für uns parat.

Du lebst jetzt vegan? Das kann nicht gesund sein. Du weißt immer noch nicht richtig, was du nach deinem Studium machen möchtest? Bei uns hätte es das nicht gegeben. Achso, deinen Freund hast du auch nicht mehr? Ich mochte ihn wirklich gern, hättest du dir nicht mehr Mühe geben könnten?

Am Esstisch wird auch zu Weihnachten der Small-Talk in seiner höchsten Form zelebriert, denn nicht ohne Grund ist dieser Tisch der zentrale Treffpunkt vieler Familien. Wobei ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich diese belanglosen Gespräche und die Lästereien über nicht anwesende Familienmitglieder überhaupt so benennen möchte. Immerhin haben uns die gegenübersitzenden Personen schon in Windeln über den Fußboden krabbeln gesehen.

Ich bin dafür die Traditionen ein Stück weit zu öffnen und wieder mehr nach dem „Warum“ zu fragen. Warum lebst du jetzt vegan?, bietet immerhin eine bessere Gesprächsgrundlage und vielleicht verbirgt sich hinter der Entscheidung doch ein spannender Beweggrund, für den sich auch die Familie interessieren kann. Warum stressen wir uns mit den immer wiederkehrenden Abläufen am Weihnachtstag, anstatt einfach gemütlich in aller Ruhe beisammen zu sein? Können wir das Fest nicht in der Familie auf die Art gestalten, die für uns am besten funktioniert? Müssen wir Traditionen hinterherlaufen?

Während ich mich über all´diese Dinge aufregen möchte, beschlich mich dieses Jahr aber wie gesagt das Gefühl, vieles wird hier zum letzten Mal passieren. Später möchte ich alles anders machen, das sowieso, aber für den Moment wollte ich das hier und jetzt mit allen unsinnigen Traditionen noch einmal festhalten. Denn am Ende fahr ich doch immer wieder nach Hause und bin froh, ein Teil dieses kleinen Familienwahnsinns gewesen zu sein.

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