Nicht ganz bei mir.

24. September 2021

Trigger Warnung: Mentale Gesundheit

Ich möchte hier gern Teile meiner Geschichte teilen und damit eine Plattform nutzen, die ich mir aufgebaut habe und später vernachlässigte. Ich möchte gern wieder über die Gedanken schreiben, die sich in meinem Kopf drehen, weil ich damit aus den falschen Gründen aufhörte. Die gewonnene Erkenntnis, dass es auf keinen Fall Schwäche bedeutet sich verletzlich zu machen – sondern ich viel mehr Stärke zeige, indem ich mein Innerstes teile, treibt mich dabei an. Ich bin nicht allein mit meinen Zweifeln, meiner Angst und meinen Problemen. Und ihr seid es auch nicht.

Im Moment, da stehe ich nicht ganz bei mir. Ich bin mir fremd geworden, in meinem eigenen Körper. Natürlich, schaue ich an mir herab, sehe ich immer noch die gleichen schlaksigen Gliedmaßen. Im Spiegel blicken mich immer noch die gleichen blauen Augen an, sie sind immer noch vorwurfsvoll und fragen. Seit einiger Zeit jedoch fühle mich bei ihnen nicht mehr zu Hause.

Dieser Zustand ist verwirrender geworden, seit er mir von einer Ärztin als Krankheit diagnostiziert wurde. Ich habe jetzt ein Problem, es trägt einen Namen und anscheinend besteht meine Aufgabe darin, dieses Problem zu lösen. Also gehe ich einmal die Woche in Therapie, setze mich in einen (leider) sehr unbequemen Sessel und versuche daran zu arbeiten.

Manchmal denke ich dabei zurück an die ersten Zeilen die ich auf dieser Seite veröffentlichte und frage mich, warum ich diese Hilfe nicht schon eher angenommen habe. Ich würde gern eine Zeitreise unternehmen und mich selbst umarmen. Später vielleicht, gerade fehlt mir die Kraft dafür, die brauche ich im Hier und Jetzt.

Ich möchte gern darüber schreiben, wie es sich anfühlt, als Fremde im eigenen Körper zu leben. Dabei frage ich mich oft, warum ich mit dem Schreiben aufhörte. Die schwarzen Buchstaben scheinen mir eine Art Trost zu spenden und sortieren meine Gedanken. Wahrscheinlich war mir der Spagat zwischen Sätzen, in denen sich auch andere Menschen, also ihr, verstanden fühlen, meiner eigenen Privatsphäre und die Wertung Fremder über mein Leben zu viel. Weil mein Problem noch keinen Namen hatte.

Nicht ganz bei mir, so fühlt es sich an. Als wäre ich nicht ganz bei mir. Wie ein Vogel betrachte ich mich von oben und schaue mir beim Leben zu. Finde mich in Situationen wieder, in denen ich nie gedacht hätte, dass ich mich einmal in ihnen befinden würde.
Letztens zum Beispiel, als ich mit einer Freundin im Restaurant asiatisch aß und mich fragte, ob mir schwindelig ist und ich mich übergeben muss. Oder auf der Busfahrt, ich dachte daran ersticken zu müssen, weil mir der Sauerstoff fehlte. Abends im Bett vor dem Einschlafen, wenn ich mich gemütlich zwischen meinen Kissen einkuschle und sich mir die Brust zuschnürt, während sich alles um mich herum dreht. Wenn mich morgens alles überwältigt und mich ohne Grund eine tiefe Traurigkeit überfällt.

Wie ein Kontrollverlust fühlt es sich an. Ich suchte beim Schreiben dieses Textes online nach dem geeigneten Wort und dieses war das erste Ergebnis, fällt es mir doch selbst noch schwer das alles zu beschreiben. Mein Körper macht auf einmal Dinge dich ich selbst nicht verstehe und mein Kopf kann keinen klaren Gedanken greifen, um die Kontrolle darüber wiederzuerlangen.
Ich höre Gesprächen nur halb zu, weil meine andere Hälfte sich damit auseinandersetzt, wie ich es schaffe keine Schwäche zu zeigen. Meine Freund:innen sitzen einem angespannten Muskelhaufen mit Kopfschmerzen gegenüber der sich nicht konzentrieren kann. Alles dreht sich, mein Körper zittert und ich sehe die reale Welt nicht mehr, ich fühle nur noch Angst.

Alles ist über mich zusammengebrochen und ich habe mich immer weiter zurückgezogen, bin ich keinen anderen Ausweg sah, als mir selbst gegenüber Stärke zu zeigen und mir Hilfe zu holen. Panikstörung und Somatisierungsstörung standen auf meinem Krankenschein, später sollte auch das Wort Depression auftauchen. Ich weinte, während ich aus der Praxis meiner Ärztin ging und versuchte zu realisieren.

Jeder Tag ist ein Kampf geworden. Um keine Fremde mehr in einer leeren Hülle zu sein, um mir langsam die Kontrolle wiederzuholen. Vermehrt gibt es sie wieder, die Momente in denen ich loslassen kann und kurz im Glück schwelge. Dann bin ich aber doch wieder nicht ganz bei mir und sinke zurück.

13.08.2021
Selbstporträt
Leipzig

Fotografiert mit:
Canon EOS 5D Mark IV
35mm f2,0

Studiobeleuchtung:
Studioblitz 1
Studioblitz 2
Videoleuchte
Softbox

Stativ

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