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        Wie selten ich doch von einem dieser Rundgänge durch die verschlafene Stadt nach Hause komme, mich auf den warmen Holzfußboden meines kleinen Zimmers lege, tief Luft hole und der weißen Decke über mir ein zufriedenes Lachen schenke.
        Wie ich da auf dem Boden liege und sich mein Brustkorb langsam nach unten und dann wieder nach oben senkt, ich dem Rhythmus meines eigenen Atmens verfalle und meine schweren Augenlieder mir verraten, dass es Zeit wird, endlich in der weichen Matratze meines Bettes, unter der viel zu großen, viel zu warmen Decke zu versinken, da fällt mir auf, wie glücklich ich doch gerade bin.

        Was für ein Zufall, denke ich mir, denn das Glück beschäftigt mich schon seit mehreren Jahren beständig. Immer wieder liege ich auf den Holzdielen verschiedener Räume und frage mich, was es denn überhaupt zu bedeuten hat, dieses Glücklich Sein. Und gerade jetzt, an diesem unspektakulären Abend, da scheint es einfach wie aus dem Nichts über mich zu kommen.

        Ich kann mich nicht beschweren gerade, denn selten beschränkt sich mein Gefühlschaos auf reine Zufriedenheit. Da lauert diese schwarze Dunkelheit in mir, sie kraucht immer wieder aus mir hervor und legt ihre schwarzen Hände um meine Brust, bis ich mich nicht mehr bewegen kann und mich verzweifelt an ihr festklammern muss. Woher genau sie kommt, kann ich auch nicht ganz beurteilen, aber sie ist eine Art treuer Freund von mir geworden, einer von denen die man nicht ausstehen kann und die einem trotzdem nicht von der Seite weichen wollen.

        Für diesen zufälligen Abend jedoch, hat sie sich zurückgezogen, diese schwarze Blase und mich allein mit meinen Gedanken lassen – und die fallen in genau dieser Sekunde ganz wunderbar aus.
        Ich sehe mich zum ersten Mal richtig ankommen, nicht nur in der verschlafenen Stadt, in welcher das Leben hinter den beleuchteten Fenstern und den zugezogenen Gardinen statt findet, sondern ganz und gar vollkommen in einem gemütlichen Raum, hinter meinen eigenen Fensterscheiben. Manchmal wird von innen an meine Tür geklopft, dann öffne ich sie, mit Grübchen auf den Wangen, so tief, dass sie kleine Krater auf meinem Gesicht hinterlassen und begrüße meine Gäste mit aufgeregten Blicken. Obwohl ich sie nicht einmal Gäste nennen möchte, sie sind viel mehr Freund*Innen, eine Familie geworden und ich habe endlich diesen Raum mit festem Boden unter den Füßen gefunden, durch dessen Decke ich nicht mehr hinab fallen kann.

        Sicherheit und Stabilität sind Eigenschaften, mit denen ich meine Situation vor wenigen Monaten noch nicht beschreiben wollte und konnte, verrückterweise sind sie jetzt jedoch ein fester Bestandteil geworden und ich möchte sie in keiner Minute mehr missen. Wie gut es doch tut, Menschen um sich zu scharen, auf die man sich in jeder verzwickten Lage verlassen kann, lerne ich bis heute jeden Tag mehr zu schätzen.
        Das sind die Momente, in denen ich den schlauen Büchern, welche ich sorgfältig in dem kleinen Regal neben meinem Bett aufgestapelt habe, Glauben schenken möchte, wenn sie mir davon erzählen, dass in jedem Menschen ein soziales Wesen steckt, das Zuneigung, Wertschätzung, vielleicht sogar einfach ein offenes Ohr und Aufmerksamkeit, zum überleben braucht.

        Wie unglaublich traurig sich diese Zeilen trotz des von mir beschriebenen Zustand des Glücks in mir anhören, merke ich an dieser Stelle selbst und ich möchte eine kleine Bemerkung einfügen.
        Natürlich hatte ich auch schon vor ein paar Monaten immer wieder Besucher*Innen in meinem kleinen Raum und natürlich habe ich ihnen auch vor ein paar Wochen schon mit Grübchen im Gesicht meine Tür geöffnet. Doch fragt mich nicht, woher dieser Wandel kam, es scheint mir, als könnte ich erst jetzt meine Privilegien richtig erkennen und wertschätzen.

        Ich glaube ein großer Bestandteil dieser Erkenntnis, war mein Umzug vor genau einem Monat, der Tag an dem ich mein Hab und Gut in mehreren großen Kisten verstaute und an das andere Ende der Stadt fuhr, um sie dort vor einem hübschen Altbauhaus wieder auszuladen. Natürlich ist es absurd, den eigenen Lebensstandard und das eigene Glück von Gegenständen oder gar Dingen abhängig zu machen, vielleicht schreibe ich auch gar nicht von genau diesen Dingen und Gegenständen, sondern eher von dem Gefühl anzukommen.

        Die letzten Monate waren hart für mich, nicht nur wegen einer blöden Wohnsituation, sondern auch noch aus ganz anderen Gründen, die ich hier aber aus privaten Gründen unter den Tisch fallen lassen möchte. Ich bin hier und da an mehrere meiner Grenzen gestoßen, wodurch ich mich in keinem Fall unterkriegen lassen wollte, sondern ganz im Gegenteil – daran gewachsen bin.
        In mir drin, tief versteckt unter mehreren freundlichen Gesichtsausdrücken und einstudierten Small-Talk-Phrasen, lauert nicht nur Dunkelheit, nein, sie wird von einer Unsicherheit begleitet, die ich mir selbst nicht richtig erklären kann.

        Sie macht mir Angst in den absurdesten Momenten, in denen ich doch eigentlich Spaß haben sollte und lässt mich verstummen an Tagen, an denen ich mich wohlfühlen möchte. Erst letztens habe ich wieder Bekanntschaft mit ihr gemacht, ich war gerade dabei auf ein Date zu gehen, solche merkwürdigen Angelegenheiten schreibe ich mir manchmal in den Terminkalender, da kam sie über mich und ließ mich in einer doch sehr unangenehmen Situation zurück.
        Ich werde dann immer ruhiger, beobachte die mir gegenüber sitzende Person mit hektischen Blicken, obwohl ich sie nicht einmal richtig wahrnehmen kann, bin ich doch viel zu sehr mit meinen zitternden Händen beschäftigt, stelle nervöse Fragen und höre die Antworten darauf nicht.

        Um jetzt aber endlich den großen Bogen zu spannen und den Sinn dieses Textes zu erklären, kurz zusammengefasst bin ich umgezogen und habe endlich verstanden, dass ich sich viele Menschen um mich herum befinden, denen ich etwas Wert bin, die mich verstehen, aufbauen und auf die ich mich verlassen kann.
        Ich habe erfahren müssen, vielleicht auch können, wie wichtig es ist nicht nur nach Hause zu kommen und eine schwere Wohnungstür mir einem lauten Knall hinter sich zuzuschlagen, sondern sich tatsächlich auch etwas heimisch zu fühlen, zwischen Grünpflanzen und Holzfußboden.

        Gerade zum Ende des letzten Jahres hin, sprach ich deshalb viel über Veränderung und beim Rückblick auf diese Zeit, fiel mir immer wieder auf, wie sehr ich an diesem Fortschritt gewachsen bin. Denn nur, wenn sich immer alles weiter dreht, habe auch ich die Möglichkeit voranzukommen und mehr über mich selbst herauszufinden. Denn wer ist schon diese Person, welche sich hinter der Fassade meiner blauen Augen und der Kurzhaarfrisur versteckt, wer ist die Person, die sich in ihrer weiten Jeans und dem übergroßen Pullover unbeobachtet fühlt, als könnte sie durch die reine Masse an Stoff unsichtbar werden?

        Ich kann es euch auf jeden Fall noch nicht mit Sicherheit verraten, aber genau diese Person, meine Wenigkeit also, um es einmal mit anderen Worten auszudrücken, scheint gerade etwas erwachsener zu werden. Sie erkennt auf einmal Zusammenhänge, schafft es eigene Entscheidungen zu treffen und hat, um den Satz mit der schönsten Umgangssprache zu beenden, gewisse Dinge einfach nicht mehr nötig, wenn sie keinen Bock darauf hat. 
        Genau diese Veränderungen, Erkenntnisse und auch Tiefschläge scheinen also dazu führen, dass ich meine Lunge mit tiefen Atemzügen auf dem Holzfußboden meines kleinen Zimmers füllen kann und dabei Freude auf das Kommende verspüre. Fast so, als würde ich mich an diesem zufälligen Abend noch einmal mit Energie auftanken, denn auch die nächste Zeit wird auf keinen Fall eine einfache werden, um dann noch einen Schritt und noch einen Schritt vorwärts zu gehen.

        Und vielleicht bedeutet das in diesem Moment Glück für mich, zu wissen, dass es immer weiter gehen wird und die Freude genau darüber zulassen zu können, die Sicherheit, zu wissen, dass ich immer Unterstützung in meinem Rücken haben werde, die immer wiederkehrenden Übungen, in denen ich lerne mit dieser Dunkelheit und auch mit der Angst nicht gut genug zu sein.
        Vielleicht bedeutet das Glück gerade aber auch den Versuch, genau diese Gedanken in 1.278 Wörter zu packen und dabei einfach den Moment zu genießen, ohne Ablenkung, ganz in mich gekehrt und bei mir, wie unsere Generation es doch eigentlich nur noch in hippen Yoga-Studios genießen kann.

        Wer weiß das schon, wer kann schon diese komplexen Gefühle aus dem Inneren in Worte packen, wie oft habe allein ich mich schon genau an diesem Versuch blamiert. Möchte ich doch eigentlich auch nur endlich etwas Freude in die Welt hinaus brüllen, was schon längst überfällig gewesen ist und die Tatsache, dass ich meine Augen nur öffnen muss, um Wertschätzung zu erkenne, schwarz auf weiß festhalten, damit ich mich morgen noch daran erinnere und nicht wieder vergessen habe und meine Hände nach genau diesem Gefühl noch einmal ausstrecken kann.

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        ONE COMMENT

        Danke für diese tiefen, mit Frieden gefüllten Worte :)! Bei diesem Satz:”Denn nur, wenn sich immer alles weiter dreht, habe auch ich die Möglichkeit voranzukommen und mehr über mich selbst herauszufinden.” ist mir noch folgendes eingefallen. Es ist wichtig zu erkennen, dass man nicht selbst die Kraft aufbringen muss, um die Welt am drehen zu halten. Nein, sie macht das selbst, zum Glück. Denn es ist Aufgabe genug die kleinen, aber entscheidenden Schritte zu tun, die einen näher zum Leben und zu sich selbst bringen.

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