Gedankenbaustelle: Selbstzweifel

26. April 2020

Warum können wir uns selbst nicht gut genug sein?

Der Schnee peitschte draußen stürmisch gegen das Fenster, als ich das erste Mal auf einer dreckigen Yogamatte saß. Ich hatte meine Beine eng an die Brust gezogen, die Stirn auf meinen Knien abgelegt. „Bedanke dich bei dir selbst“, hallte die Stimme des Yogalehrers aus der Entfernung zu mir, „du bist gut genug.“
Ich glaube jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Baustellen, manchmal größer und manchmal kleiner, überall in seinen verschiedenen Lebensphasen verteilt. Ein paar von ihnen lassen sich schneller wieder beheben und einige bleiben eine Zeit lang immer an seiner Seite.

Meine Baustelle begleitet mich, seit ich mir Gedanken über meine eigene Persönlichkeit machen kann und lässt sich in einem einfachen Satz gut zusammenfassen: Ich bin mir selbst nicht gut genug.
Immer taucht ein Selbstzweifel vor mir auf, der mich anhalten lässt. Aber statt mit klarem Kopf darüber nachzudenken, urteile ich zu schnell über mich selbst. Ich suche die Fehler bei mir, auch wenn überhaupt keine vorhanden sind. Ich stelle mich selbst in Frage, ohne selbstbewusst hinter dem zu stehen, was ich mir allein aufgebaut habe.

Woher kommen diese Zweifel?

Ich beschäftige mich immer wieder damit herauszufinden, warum mein Selbstvertrauen nur in dieser lächerlich winzig kleinen Menge vorhanden ist. Wem möchte ich etwas beweisen und warum ist es mir wichtiger, andere Menschen von mir zu überzeugen (und mich dabei auch noch zu verstellen), als einfach ich selbst zu sein?
In mir scheint ein großes Bündel voller unverarbeiteter Erlebnisse zu stecken, welches ich das erste Mal auf dieser schmutzigen Yogamatte antastete. Mit Tränen in den Augen saß ich in dem kleinen Raum und brachte zögerlich die Worte über meine Lippen: „Ich bin gut genug.“

Seitdem bin ich immer tiefer in das Bündel eingedrungen und habe mich oft selbst darin verloren. Manchmal erscheint es mir, als würde ich nach Anerkennung suchen, die ich früher nie erfahren habe. Dafür müsste ich jetzt an dieser Stelle wieder über andere Geschichten schreiben.
Zum Beispiel darüber, wie ich als Kind in den Leistungssport gerutscht bin und dort nie gut genug sein konnte. Es wäre eine Geschichte über den ständigen Vergleich mit anderen in meinem Alter, über das Scheitern und schließlich am Ende über das Aufgeben.

Ich bin sehr gut darin wegzulaufen, wenn mir Dinge zu kompliziert werden. Dann macht mein Kopf dicht, ich höre nicht mehr richtig zu und lasse alles fallen und liegen. Als würde ich laut brüllen wollen: „Lass mich doch in Ruhe!“ und mich dann doch leise davonschleichen, ohne für mich selbst einzustehen.
Vielleicht könnte ich auch eine Geschichte über den Einfluss anderer Menschen schreiben. Wie mein unsicheres Ich nach Anerkennung lechzt und jedes einzelne Wort auf die Goldwaage legt. Du findest meine Hose heute nicht schön? Wahrscheinlich werde ich sie nie wieder in deiner Anwesenheit tragen. Ich war dir zu ruhig gestern Abend, weil mich andere Dinge beschäftigt haben und ich nicht richtig bei der Sache war? Deine Worte werden mich noch Wochen beschäftigen. Ich werde mich dafür niedermachen und schlussendlich doch im Selbstmitleid versinken.

Meine Unsicherheit ist eine Baustelle, die mich jeden Tag, manchmal mehr und manchmal weniger, verfolgt.

An den weniger guten Tagen werden soziale Kontakte für mich keine entspannte Runde am Abend, an der man gemütlich ein Glas Wein trinken geht. Alles fühlt sich dann oft so an, als wären die Augen nur auf mich gerichtet und würden darauf warten, dass ich scheitere. Ziemlich egoistisch, richtig?

Um den Wirrwarr aus meinem Kopf einmal kurz zusammenzufassen, lässt sich also folgendes feststellen: Jeden Tag predige ich darüber, wie sich jeder Mensch in seinem Körper wohlfühlen sollte, versuche mit gutem Beispiel voran zu gehen und komme am Abend doch wieder mit mir selbst nicht klar.


Deshalb möchte ich in diesem Text ein paar offene Fragen formulieren, über die gern diskutiert werden kann.

Warum kommen wir mit uns selbst nicht klar? Wer hindert uns daran, Dinge einfach zu tun und dabei selbstbewusst zu sein? Wie können Selbstzweifel aus den eigenen Gedanken gelöscht werden? Wieso vergleichen wir uns tagtäglich mit anderen Menschen, um dann festzustellen, dass wir ihnen nicht gerecht werden können?

Natürlich ist es eine steile These, diese Fragen im Wir zu formulieren. Nicht alle Leser*innen werden wie ein kleiner Klumpen auf einer dreckigen Yogamatte gesessen haben, um sich das erste Mal ein Kompliment zu machen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein bin und auch andere die Baustelle der Unsicherheit mit mir teilen.

Gerade die Selbstisolation der heutigen Tage, verschuldet durch die Coronakrise, hinterlässt viel freie Zeit. Sie gibt uns den Raum, mehr oder weniger freiwillig, die eigenen Gedanken wieder zu ordnen. Wer bin ich und wer möchte ich sein, wenn ich wieder in die Freiheit trete?
Ich verbringe gerade sehr viel meiner freien Zeit damit, auf einem Fensterbrett zu sitzen und einfach nach draußen zu schauen. Die Blätter beim leisen Rascheln durch den Wind zu betrachten und alles einfach einmal treiben zu lassen.
Stück für Stück entfalte ich dabei mein Bündel, meine eigene Baustelle, aber komme dabei nur langsam voran. Was vielleicht auch ganz in Ordnung ist, schließlich passiert das Sortieren meiner Gedanken nicht von heute auf morgen. Und wahrscheinlich habe ich noch ein paar mehr Tage als vermutet, um die Zeit auf diese Weise an mir vorbeiziehen zu lassen.

Umso schöner ist es, auch immer wieder kurz innezuhalten und mich an die kleinen Fortschritte zu erinnern.

An das Shooting mit Laura zum Beispiel. Die Bilder entstanden in einer Zeit, in der ich es endlich geschafft habe, für mich selbst einzustehen und um Hilfe zu fragen. Die nächste Geschichte könnte von dem Abend handeln, an dem wir gemeinsam ein Glas Wein zu viel tranken, fotografierten und uns dabei auf eine sehr schöne Weise selbst reflektierten.
Die Frau vor dem Spiegel ist stark, verletzlich und war in diesem Moment ziemlich selbstsicher. Und wenn ich ihr hinter der Kamera dieses Gefühl geben kann, ist das doch auch ein Beweis für meine Stärke, oder nicht?

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Wie löschen wir Selbstzweifel aus unseren Gedanken? Sag ja zur Liebe, denn du bist frei. Die Liebe zu dir selbst kann dir niemand nehmen, du musst dich nur für sie entscheiden. Ihr werdet gemeinsam wachsen. Körper und Seele Hand in Hand, für immer vereint. Die Liebe beschützt dich und zeigt dir stehts den richtigen Weg, denn sie ist alles was dir am Ende bleibt. Du bist alles was dir am Ende bleibt. Sag einfach Ja.

Jeden Tag.man will das beste für sich erreichen und entfernt sich von sich selbst,oder den anderen, je nachdem..

Du sprichst mir absolut aus der Seele mit all dem was du schreibst. Kenne diese Abende so gut. An denen man sich so beobachtet fühlt, als müsse man sich beweisen. Man predigt, dass alle sich selbst lieben sollten und schlägt bei sich selbst so oft fehl. Gerade in Corona Zeiten überfordern solche Gedanken total. Danke fürs teilen und diesen Beitrag!

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