Manchmal, da fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen. Dann wälzt man sich bis Mitternacht im Bett herum, zerbricht sich den Kopf, kann nicht einschlafen und fängt an, alle guten und alle schlechten Seiten in eine Liste zu schreiben, um sie dann doch wieder zu zerreißen. Aber dann, irgendwann, wie aus dem Nichts, wacht man auf und hat diese Sicherheit in sich die einem verrät, welchen Zweig der Kreuzung man jetzt wählen soll und dann weiß man auf einmal, was zu tun ist.
Ich fing schon vor einigen Monaten damit an, unendliche Pinterestboards mit meinen Ideen zu füllen und alte Bilder auf meinem Handy zu durchforsten, um den Tag des Geschehens nach unzähligen Gesprächen mit Freund*Innen doch immer weiter nach hinten zu verschieben. Bis ich schlussendlich aufwachte und mich bereit fühlte.

Ich weiß, dieser Text wird sich nur um eine Frisur drehen, doch irgendwo tut er gerade das auch nicht, denn die Dreads, die meinen Kopf seit fast 3 Jahren zierten, waren doch ein kleines bisschen mehr. Mit dieser Aussage zumindest, möchte ich mich immer wieder vor mir selbst rechtfertigen.
Die Angelegenheit des äußeren Aussehens nämlich, beschreibt doch schlussendlich nur oberflächliche Eigenschaften und Vorurteile, von denen ich mich abwenden möchte, bringen sie doch niemanden von uns vorwärts. Doch schaue ich dann wieder während der Arbeit aus dem Fenster heraus auf unseren Marktplatz und beobachte Menschen im vorbeigehen, fällt mir auf, dass sie mit ihrem Kleidungsstil und auch ihren Haaren, dass sie mit ihrer gesamten Erscheinung doch etwas sagen wollen und sich Schubladen zugehörig fühlen möchten, in denen sie sich wohlfühlen können.

Wem fallen zumindest bei dem Wort Dreadlocks nicht direkt mehrere Vorurteile ein?

Für mich war das Tragen der Dreads (für mein damals noch 18-jähriges Ich jedenfalls), ein Ausdruck der Rebellion. Ich hatte gerade mein Abitur bestanden, fühlte mich unglaublich reif und erwachsen, vielleicht ist euch dieses Gefühl der Freiheit nach der Schule ebenfalls bekannt, auf jeden Fall wollte ich mich von dem Lebensstil, den ich die letzten Jahre geführt hatte, abgrenzen.

Alte Freundesgruppen, die meiner Ansicht nach größtenteils aus dem Zweck heraus entstanden, die Sportschule mit seinem Leistungssport (ja, ich glaube es manchmal selbst kaum), das alles sollte hinter mir zurück bleiben, nachdem ich in meiner Naivität nach Neuseeland flüchtete.
Ich merke immer wieder, wie überstürzt und unreif meine Worte klingen, aber waren wir nicht alle einmal jung und haben uns gefühlt, als hätten wir die Welt und das Leben und das Erwachsenwerden verstanden, während wir den Backpack auf unseren Schultern festgezurrt haben?

In den nächsten Jahren jedenfalls, lernte ich allerhand Vor-, aber auch Nachteile meiner neuen Haare kennen, welche doch immer einfach nur Haare bleiben sollten.

Auf der Straße drehten sich auf einmal die Blicke zu mir, das Internet verliebte sich in diesen kleinen, reisenden Hippie, den ich darstellen wollte, ohne Dreadlocks hätte ich nie damit angefangen bei der Dreadfactory zu arbeiten und diese Tatsachen schenkten mir ein neues Selbstbewusstsein. Natürlich, werdet ihr jetzt diskutieren, hätte ich diesen Schritt auch ohne Dreads gehen können, aber für mich bleiben sie ein Ausdruck genau dieser Lebensphase und ich bin der festen Überzeugung, dass sie ihren kleinen Teil dazu beigetragen haben.

Nach Partys behielt man mich später oft aufgrund meiner Haare in Erinnerung, da waren immer wieder Situationen, in denen ich durch die Dreads ein Alleinstellungsmerkmal in den verschiedensten Räumen bekam. Genau diese Aufzählungen der letzten Zeilen geben mir selbst wieder ein Bewusstsein dafür, wie viel wir doch unterbewusst in das Aussehen einer Person interpretieren, weil das für mich alles nur bis zu dem Zeitpunkt funktionierte, an dem ich begann mich fragen, was ich denn überhaupt damit ausdrücke.

Was drücke ich durch Dreadlocks aus?

Auf die Vorurteile gegenüber dieser in vielen Augen doch immer noch „schmutzigen“ Frisur möchte ich an dieser Stelle nicht noch einmal eingehen, denn Dreadlocks symbolisieren in keinem Fall ein ungepflegtes Aussehen und ich habe aufgehört mitzuzählen, wie oft ich an sämtlichen Haltestellen nach Gras gefragt wurde. Viel mehr jedoch gibt es Tatsachen, welche mir vor allem durch meine Arbeit bei der Dreadfactory aufgefallen sind und sich für mich nicht vom Tisch wischen lassen, denn ich habe mehrere Stunden die Woche sehr intensiven und viel Kontakt mit anderen Dreadheads, auch wenn natürlich Ausnahmen wie immer die Regel bestimmen.

Viele Menschen erleben durch ihre Dreads eine Art von Freiheitsgefühl, nachdem sie sich für den Prozess einer Neuerstellung entschieden haben, ein bisschen wie der Ausbruch und die Rebellion, welche ich ebenfalls für mich empfunden habe. Dreadlocks symbolisieren Weltoffenheit, Nächstenliebe, Naturverbundenheit und oft entwickelt sich ein ganz anderes Bewusstsein für die eigene Umwelt, weshalb sich viele nachhaltig kleiden und vegan oder vegetarisch ernähren.

Damit möchte ich die Schublade auch schon wieder schließen, denn meine eigenen Beobachten sind in keinem Fall abwertend gemeint und treffen natürlich nicht auf jeden einzelnen Menschen mit Dreads zu. Ich habe einfach nur angefangen mich zu fragen, warum denn genau diese ersten Eindrücke entstehen, ob ich mich zugehörig fühlen kann und möchte, warum ich diese Dinge mit meinen Haaren ausdrücke, beziehungsweise nicht ausdrücke und ob das alles nicht auch ohne Dreads funktioniert?

Ihr merkt diesen Worten wahrscheinlich meine eigene Zerrissenheit an und ich bin immer noch nicht wirklich weitergekommen, mit meinen Überlegungen. Ich möchte mich von Oberflächlichkeiten entfernen und schreibe doch diesen Text über Schubladen und Haare, ich frage mich trotzdem (oder genau deshalb), was das Aussehen eines Menschen jetzt ausdrücken kann und ob es das überhaupt tun muss.

Nur ein kleiner Fakt bleibt am Ende dieses Textes noch übrig, ich bin eines Morgens aufgewacht und wusste was zu tun ist, so einfach war die Entscheidung, wobei dieser Schritt natürlich auch noch andere Faktoren vorausgesetzt hat. Ich empfand dieses Gewicht auf meinem Kopf nur noch als störend, unpraktisch und meine Ansätze hatten schon seit Jahren keine Pflege mehr gesehen, was meiner eigenen Zimperlichkeit zu schulden kommt.
Im Endeffekt fühle ich mich jetzt vielleicht 5 Kilo leichter, ein kleines Stück erwachsener und dieser neue Haarschnitt fühlt sich gut an, aber kommt es nicht einfach darauf an, sich in seinem eigenen Körper wohl zu fühlen? Macht mich das jetzt zu einer anderen Person?

Sind Aussehen und Kleidung nicht auf einmal egal, wenn ein Mensch aus seinem Inneren strahlt?

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KOMMENTARE

Ja, so kommt es halt! Ein bisschen schade ist es ja schon, einen Dreadhead weniger auf dieser Welt zu haben. Sie standen dir nämlich echt gut!

Ja, was kommt nun? Du ohne Dreads!

Wie du schon geschrieben hast…Naturverbundenheit, Weltoffenheit, Nächstenliebe…alles Eigenschaften, die auch zu mir passen. Habe ich deswegen auch seit Jahren schon Dreadlocks? Ich weiß es nicht so wirklich!
Eigentlich habe ich sie, weil ich sie an anderen Menschen immer schon schön fand und bewundert habe. Und vor ein paar mehr Jahren dann den entscheidenden Schritt gegangen bin, und selbst welche bekam.
Ja, die Dinger sind echt lang geworden! Hängen mir mittlerweile bis zum Hintern. Und wie es auch dir schon so ergangen ist, sie sind ein äußerliches Merkmal.
Was ich von mir aus sagen kann ist, dass alle die sich bisher wirklich für meine Haare interessierten, all dem gegenüber sehr positiv gestimmt und im Grunde genommen erst einmal einfach nur sehr neugierig waren (ich arbeite in einem Unverpackt-Laden, habe derher täglich Kontakt zu hunderten Menschen und werde wirklich sehr oft danach gefragt).

Was ich über andere Menschen mit Dreads denke, dir mir begegnen? Ich muss gestehen, ich finde gerade diese Menschen erst einmal interessanter als viele andere. Vielleicht auch, weil ich trotz mittlerweile eigener beachtlicher Haarpracht nie aufgehört habe, Dreadhead zu bewundern. Klar ist das erst einmal wieder etwas schubladig angehaucht, aber so ticke ich nun mal.

Für dich war es wieder ein weiterer Schritt in deinem Leben, dich von deinen Dreads zu trennen. Wenn du dich damit gut fühlst, dann war es richtig! Was wirst du mit den abgeschnittenen Dreads machen? Vielleicht verschenken? Oder in eine Kiste packen, zusammen mit vielen anderen Erinnerungen?

Auch mit deiner neuen Frisur, du bist irgendwie doch ein kleiner Wuschelkopf geblieben 🙂
Und sobald du ein Grinsen auf den Lippen trägst, finde ich dich – egal ob mit oder ohne Dreads – doch ziemlich niedlich! 😉

Mit diesen Worten…es ist spät…oder eher früh! Gute Nacht!

Liebe Katja,
ein Aspekt, der mir immer wieder auffällt, ist, dass ich Weiße mit Dreads nur mit großer Anstrengung aus der Schublade der privilegierten Ignoranten rausholen kann. Ich bin bei ihrem Anblick häufig sofort empört und frage mich, ob die Leute schon Mal was von kultureller Aneignung gehört haben oder ihnen diese Struktur der Unterdrückung einfach des Styles wegen egal ist. Dabei sieht man einer Person ja nicht an, ob sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder nicht. Trotzdem komme ich da nicht umhin. Denn eine Frisur ist ausschließlich für die weiße Mehrheitsgesellschaft “nur” eine Frisur. Für People of Colour hat alles, auch Haare, einen politischen Aspekt. Deshalb war ich neulich sehr positiv überrascht, als ich dich ohne Dreads gesehen habe. Ich würde gerne sanfter darüber denken können, denn ich bin viel umweltpolitisch aktiv – ein Bereich in dem viele Weiße Dreads tragen. Ich koche trotzdem jedes Mal vor Wut, wenn ich durch Connewitz laufe und gefühlt jede*r Zweite Weiße Dreads trägt. Das heißt nicht, dass ich jeder*jedem die Dreads eigenhändig abschneiden möchte, der Haarschopf ist schließlich jeder*jedem selbst überlassen. Es regt mich trotzdem wahnsinnig auf, dass nicht mehr Leute verstehen, dass mensch als Weiße Person eher positive Erfahrungen mit dieser Aneignung macht, als Schwarze. Der Diskurs ist natürlich noch intensiver im nordamerikanischen Raum. Ich würde mir aber so sehr wünschen, dass sich vor allem die “Ökos” in meinem Umfeld eingehender mit der politischen Dimension ihrer Haare auseinandersetzen. Bei diesen sonst extrem weltoffenen, liebevollen und gerechtigkeitsliebenden Menschen scheint der Horizont nämlich schlagartig bei der eigenen Frisur zu enden. (Sorry about the long rant.)
Wie war das für dich? Wurdest du zur Abwechslung auch Mal nicht nach Gras, sondern zu kultureller Aneignung gefragt? Hast du dich damals mit der Geschichte von Dreads auseinandergesetzt und dich dennoch bewusst für die Frisur entschieden oder war es wirklich reine Teenie-Rebellion? Ich möchte da die Motivation echt besser verstehen. Ich würde auch gern die Leute im meinem Umfeld mal direkt fragen, aber habe Angst, dass es zu keiner konstruktiven Unterhaltung kommt, aus Gründen der #whitefragility.
Ich freue mich auf deine Antwort!

Hey Kai,
genau diese Gedanken habe ich in letzter Zeit auch im Kopf – eine Lösung darauf habe ich allerdings auch noch nicht gefunden, weshalb für mich unter anderem der Schritt dazu gehörte, meine Dreads auszukämmen.
Im Endeffekt bin ich sehr zwiegestalten, weil ich es als unfair empfinde, Menschen aufgrund ihrer Haare anzugreifen, aber genauso gut die Gedanken der kulturellen Aneignung nachvollziehen kann, von denen ich vor meiner Entscheidung mir die Dreads erstellen zu lassen, auch noch nichts gehört hatte. Das Wissen darüber kam alles erst später und natürlich kann ich jetzt argumentieren, dass ich vor allem auf Reisen immer wieder lässige Kommentare von Menschen bekommen habe, die eben dieser Kultur angehören, mich aber im Gegenzug auch nie wirklich mit ihnen auseinander gesetzt habe. Deshalb finde ich diese Diskussion auch so schwierig, denn in meinem Umfeld zum Beispiel wird sie immer nur unter hellhäutigen Europäer*Inmen geführt.

Wichtig finde ich es dennoch, jedem Menschen ohne Vorurteile zu begegnen und ihm die Chance zu geben, seine Ansichten und Beweggründe zu erklären, ohne dabei seine Person anzugreifen.

Liebe Grüße,
Katja

Lieber Kai, find ich echt gut, dass du das ansprichst, denn da drehen sich auch oft meine Gedanken. Ich finde es ebenso wichtig, dass sich mit dem Thema -Dreadlocks/Rastas- auseinandergesetzt wird, bevors als Weiße*r getragen wird… (Lest euch gern diesen Artikel dazu durch) : https://maedchenmannschaft.net/schwarze-widerstandssymbole-auf-weissen-koepfen/
Liebe Katja, danke für deine Gedanken. Ich finde es vor allem schwierig ein bestimmtes Bild von sich für die Menschen zu schaffen… Manchmal will ich einfach ich selbst sein und dann auch wieder jemand anderes… eine Kombi wäre gut, — an „guten“ Tagen gelingts. <3

Ich finde nicht, dass eine Frisur, was dreads nunmal sind, einer bestimmten Herkunft zuzuordnen sind. Das, was du meinst, sind Rastas. Die in der Glaubensgemeinschaft der Rastafari oft getragen werden. Das hat aber nichts mit den Dreads zu tun, die hier viele tragen. Jemanden anhand seiner Haare so zu beurteilen oder sauer auf den Menschen zu sein, der zu den Haaren gehört, finde ich nicht richtig. Man kann halt doch nicht hinein schauen.
Ich denk ja auch nicht, dass alle mit ner Glatze zum Buddhismus gehören oder die keinen Respekt deren regeln gegenüber haben 😉

Ich finde diesen Kommentar und den Vergleich zum Buddhismus tatsächlich ein bisschen schwierig, da sich der Vorwurf bei Dreads auf eine (leider) immer noch unterdrückte Kultur bezieht und manche Menschen auch einfach Haarausfall haben – während hinter Dreads (vor allem auch durch die Schmerzen der Erstellung) eine bewusstere Entscheidung liegt.

Wichtig ist es in jedem Fall, sich dieser Vorwürfe anzunehmen und sich eine eigene Meinung dazu zu bilden. Ob man diese Frisur dann mit sich vereinbaren kann oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen – damit hast du vollkommen recht. Man sollte sich nur nicht komplett vor dieser Diskussion verschließen, denn auch wenn sie in jedem Fall das eigene Aussehen und damit auch die eigene Identität angreift, sie ist es wert geführt zu werden.