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        Mein Sonntag sollte gemütlich werden, der erste entspannte Tag seit langem. Sturmfrei, nur relativ wenig Arbeit für die Uni, die perfekten Voraussetzungen für etwas Entspannung – nun ja.
        Nachdem ich fast bis 11 ausschlief, bekam ich Lust auf einen selbstgepressten Orangen-Saft. Also schlurfte ich noch etwas verschlafen in unsere selbstgebaute Küche und entsaftete die Orangen in der Saftpresse. Dabei habe ich mir angewöhnt diese Presse sofort wieder auszuspülen, da sich, meiner Erfahrung nach, angetrocknetes Fruchtfleisch nur so semi gut abwaschen lässt.

        Im Nachhinein bin ich wirklich froh, dass ich nicht den Stöpsel ins Waschbecken gesteckt habe und auf die Idee gekommen bin, mit 20 Liter Wasser abzuwaschen. So waren es im Endeffekt „nur“ ca. 5 Liter, die mit einem gewaltigen Klatschen auf dem Boden und in dem Schubfach unter der Spüle landeten. Tatsächlich konnte ich das Geräusch erst zuordnen, als meine Socken nass wurden.

        Etwas entgeistert tapste ich daraufhin einen Schritt zurück und zog die Schublade auf: Begeisterungsstürme meinerseits – der Siphon lag mitsamt seines leicht bis stark gegärten Inhaltes auf, über und in Mülleimern, Plastiktüten, Boden und restlichem Kleinkram der so unter der Spüle lebt.

        Tief Luft holen. Schaden begutachten.

        Meine gute Laune sank drastisch als mein Hirn realisierte das ich verdammt nochmal ALLEIN zuhause bin! Vielleicht sind mir auch noch einige andere Schimpfwörter entflohen. Wer weiß? Das kann eben nur der Gummibaum bezeugen.

        Nachdem ich dann mit angehaltenem Atem, mit dem Versuch möglichst wenig zu tropfen, das Rohr auf den Balkon gelegt hatte (danke, dass es dich gibt), räumte ich die Schublade aus und sperrte das Waschbecken provisorisch ab. Mit meinem Können wäre mir bestimmt der Wischeimer direkt im Becken ausgekippt, bevor es repariert ist.

        Wahnsinn, mein schöner Sonntag schwamm dahin, mitsamt Dreck und anderen ekligen Dingen. Kurzzeitig war ich drauf und dran alles so stehen zu lassen, aus Frust und Wut auf den Baumeister, weil er gerade jetzt für eine Woche im Urlaub ist und ich in der Küche eigentlich für meine nächste Klausur lernen müsste.  

        Geht das überhaupt zusammen? Stört mich das nicht, wenn das Geschirr da steht und Zeug rumliegt, die Schublade ausgeräumt ist und alles so wüst aussieht? Warum passiert sowas eigentlich immer mir? Ich hab da gerade echt keine Lust drauf. Wo ist denn jetzt der Wischeimer, haben wir noch Bodenputzkram? 

        Um es kurz zu machen: Ich hab dann gewischt. Fast zwei Stunden lang. Ich habe mehrmals an mich halten müssen (und wer mich kennt weiß, dass meine Ekelgrenze sehr niedrig ist), einmal überlegt meine Mama anzurufen und kurz Tränen in den Augen gehabt.
        Ganz ehrlich, ich war überfordert. Das hat meinen Tagesplan dermaßen durcheinander gewürfelt und mich an Grenzen gebracht von denen ich nicht wusste, oder dachte, dass sie überhaupt existieren.

        Im Nachhinein muss ich über meine Reaktion schmunzeln, denn mittlerweile weiß ich, dass es keine große Sache ist, ein Abwasserrohr für eine Spülbecken anzuschließen. Wenn man das, wie ich an diesem Sonntag, allerdings noch nie gemacht hat und keine Vorstellung hat, wie das überhaupt funktionieren soll, kann doch eine kurze Belastungsprobe daraus werden.

        Kleiner Tipps: Manchmal muss man den Siphon (also diese U-förmige Rohrleitungsführung unter der Spüle) einfach so reinigen, spätestens aber dann, wenn kein Wasser mehr abläuft. Falls euch das mal passieren sollte hab ich euch kurz zusammengefasst wie das funktioniert.

        1. Die meisten Anschlüsse bestehen aus 3 Teilen: vom Spülbecken nach unten weg ein gerader Teil = das Tauchrohr, dann ein Krummer Teil = der Krümmer und danach das Anschlussrohr (das kann auch beweglich sein), welches bis in die Wand reicht.
        2. Immer zuerst: Eimer unter dem Übergang von Rohr in Spüle platzieren! (tut ihr das nicht ergeht es euch wie mir…)
        3. Am Übergang vom Krümmer sind zu beiden Seiten Schraubverschlüsse, diese müssen jetzt gelöst werden, sodass sich das Wasser in den Eimer ergießt.
        4. Im Eimer lässt sich dann auch wundervoll der Krümmer reinigen und nach getaner Arbeit wieder anschließen (dazu einfach rückwärts lesen).
        5. Noch ein kleiner Tipp: Eimer während der ersten Nutzung nochmal unter stellen, falls irgendwas nicht ganz richtig sitzen sollte.

        Die richtigen Ansprechpartner sind in diesem Fall Anlagenmechaniker/in für Sanitär-, Heizungs-, und Klimatechnik.

        Wozu erzähle ich jetzt aber von meinem doch nicht mehr ganz so entspannten Sonntag? Im Jahr 2014 wurde eine Statistik mit dem Namen „Anteil der Frauen unter den Beschäftigten im Baugewerbe […]“ veröffentlicht. Allein in Architektur- und Ingenieurbüros sind nur 35% der Angestellten weiblich, im Baugewerbe kommt die Frauenquote auf 13% und im Bauhauptgewerbe (das sind Unternehmen für Rohbebauungen im Hoch- und Tiefbau, sowie für Straßen und Landschaftsbauarbeiten), sind es sogar nur noch 10%!

        Woran liegt das? Warum arbeiten nur so wenig Frauen in handwerklichen Berufen?

        Ich habe nachgelesen und bin erstaunt: von 1952 bis 1994 gab es in den alten Bundesländern ein gesetzliches Beschäftigungsverbot für Frauen im Bauhauptgewerbe, welches ursprünglich zum Schutz ebendieser entstand – jedoch leider genau das Gegenteil bewirkte: es machte die Branche zur Männerdomäne. Im Gegensatz dazu förderte Ostdeutschland die Frauenquote aktiv, das Berufsverbot galt nur für die ehemalige BRD.
        An diesem Punkt habe ich mich gefragt, inwiefern die DDR Frauen im Baugewerbe gefördert hat, fand dazu aber leider nichts Explizites gefunden. Für ein grobes Gefühl, wie der Gegensatz zustande kam, empfehle ich diesen Artikel zur Frauen- und Familienpolitik in der DDR.

        Heutzutage gilt Unwissenheit als der Hauptgrund für die geringe Ausbildungszahl von Frauen.  Im Wesentlichen scheint es einfach an der Kenntnis über die einzelnen Berufe zu fehlen. Viele von uns haben bei dem Gedanken an einen Job im Bau direkt einen Zementsack schleppenden Maurer im Kopf und nur wenige Frauen kennen kleine Nischentätigkeiten, wie zum Beispiel die der Trockenbaumonteurin. Wahrscheinlich findet man genau deshalb kaum Frauen in diesen Ausbildungsberufen. 

        Zwischen rauem Umgangston und körperlich doch sehr schwerer Arbeit, finden Frauen nur schwer ihren Platz. 

        Leider kommt auch noch ein weiterer Fakt dazu: Zwischen rauem Umgangston und körperlich doch sehr schwerer Arbeit, finden Frauen nur schwer ihren Platz. Auch die Vereinbarkeit des Berufes mit der Familienplanung lässt das Arbeitsfeld nicht gerade attraktiver werden, denn es besteht kaum eine Chance auf Teilzeitarbeit und die Arbeitstage sind lang.

        Der raue Umgangston erinnert mich immer an den Klischee „Eckhardt“, der in Jeans im Sommer oberkörperfrei mit Zigarette im Mund Frauen auf dem Fahrrad hinterher starrt und unangebrachte, frauenfeindliche Sprüche ruft. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man da als Frau ein dickes Fell braucht, wenn so das Kollegium aussieht. Tatsächlich hatte ich überlegt Bauingenieurswesen zu studieren, weil mich das immer interessiert hat, hab mich aber am Ende dagegen entschieden – eben genau aus den Gründen, dass ich im Vornherein schon das Gefühl hatte mich immer wieder beweisen zu müssen, dass „eine Frau das auch kann“. Darauf hatte ich dann keine Lust, so einfach ist das (traurig eigentlich), denn ich glaube tatsächlich, dass ich nicht die einzige bin die so empfindet, dafür sprechen zumindest die Zahlen. 

        Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat als Gegenmaßnahme schon 2001 einen speziellen Tag eingeführt, der wohl vielen etwas sagt – den „Girls´ Day“. Er soll „dazu beitragen, den Anteil der weiblichen Beschäftigten in sogenannten „Männerberufen“ zu erhöhen und einen angenommenen bzw. für die Zukunft prognostizierten Fachkräftemangel in der Industrie zu verringern“. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich in meiner Schulzeit an einem dieser Tage teilgenommen habe, wir mussten uns damals selber eine Firma aussuchen, und ging mit meiner Mutter in eine Zahnarztpraxis.

        Rückblickend finde ich es schade, dass wir nicht aufgefordert wurden in einen Handwerksberuf reinzuschnuppern. Ich weiß allerdings noch genau, dass meine Freundin, die eine  Realschule besuchte, in einem Maurerbetrieb war und gemauert hat. Leider habe ich keine neuen Zahlen gefunden, die belegen ob diese Maßnahme nun helfen oder nicht.

        Seit 2011 findet parallel dazu der „Boys´ Day“ statt, welcher mit Rollenstereotypen für Jungen aufbrechen soll.

        Das Problem hat bereits im Schulsystem seinen Ursprung, denn schon hier schrecken Mädchen oft vor mathematischen, wissenschaftlichen und technischen Fächern zurück. Wie meistens wird auch darüber heiß diskutiert: einige vertreten die Meinung, dass geschlechtsgetrennter Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern Mädchen mehr fördert die Initiative zu ergreifen und ihr Selbstwertgefühl stärkt. Doch leider könnte gerade diese Trennung mögliche Geschlechter-Stereotypen eher fördern als vermeiden, meinen die Kritiker*Innen.

        Meiner Ansicht nach sollte das Ziel vielmehr eine Umgestaltung des Unterrichtsinhaltes sein, sich den Schüler*Innen individuell anpasst. Ich habe meinen Physik und Bio Leistungskurs sehr genossen, aber jetzt wo ich darüber nachdenke erscheint es mir schon auffällig, dass alle Jungen aus der Klasse lieber Physik als Französisch gewählt hatten und wir nur drei Mädchen mit ihnen im Kurs waren.

        Hab ich nach dem ganzen Geschreibe jetzt einen vernünftigen Lösungsansatz? Nicht wirklich, eher eine Idee auf die man aufbauen könnte: mehr Informationen und mehr Förderung, sowie praktische Tage. Den Grundgedanken des Girls´ Day/Boy´s Day finde ich super, allerdings nur, wenn auch wirklich handwerkliche Betriebe besichtigt werden – egal welchen Bildungszweig der Schüler besucht. Es sollte mehr Werbung für Seiten wie Bauhandwerkerinnen,  ZDB für Bauunternehmerinnen oder den Berufsverband unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker geben.

        Was ich mir noch Wünschen würde? Mehr Rollenvorbilder an denen man sich orientieren kann, die Interesse wecken und aufklären: Frauen die ihr Handwerk stolz (zum Beispiel) in den Sozialen Medien zeigen, denn nur so wird auch eine jüngere Zielgruppe erreicht.

        Ich weiß, dieser Text war sehr lang, deshalb hier noch einmal kurz zusammengefasst:

          • Frauen sind in handwerklichen Berufen leider immer noch schrecklich unterrepräsentiert, was verschiedenste Gründe hat.
          • Sowohl Mädchen, als auch Jungen sollten in die jeweiligen Stereotypen-Berufe noch tiefergreifende Einblicke bekommen, um mit der alten Rollenverteilung aufzubrechen.
          • Junge Menschen brauchen Vorbilder und ihre Neugier muss geweckt werden.
          • und auch nicht ganz unwichtig: Ich kann jetzt Waschbecken anschließen, säubern und reparieren und um ehrlich zu sein ist das einfacher als man denkt.

        Manchmal muss man Dinge einfach einmal machen und die eigenen Bedenken und Stereotypen aus dem Weg räumen. 

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        3 COMMENTS

        Ich war an meinem ersten Girls-Day in einer Maler-und-Lackierer- Schule und fand den Beruf an sich ganz cool, aber das einzige Mädchen da fand ich damals komisch, desshalb habe ich mich gegen den Beruf entschieden. Habe dann BTA gelernt, was mitlerweile schon fast einen 50%igen Frauenanteil hat. Voll gut!
        In Moment arbeite ich in der Baumpflege. Hier ist die Frauenquote seeehr niedig.. Vielleicht 1 Frau auf 20/30 Männer? Klar, es ist anstregend, aber auch für Frauen aufjedenfall machbar! Volle empfehlung also für Frauen, die gerne anpacken und draußen arbeiten wollen. Und die Männer sind alle links und super nett 😉
        Finde gut, dass du das Thema angesprochen hast!

        Ich habe letztes Jahr mit meinem Architekturstudium begonnen und habe in Vorbereitung darauf ein sechswöchiges Baustellenpraktikum bei einem Steinmetz gemacht. Im Nachhinein kann ich in diesem speziellen Fall verstehen, dass es ein “Männerberuf” ist. Die Arbeit hat Spaß gemacht, keine Frage, allerdings war ich körperlich überhaupt nicht in der Lage einen Grabstein oder ähnliches zu tragen. Statt den üblichen zwei Arbeitern, mussten wir zu dritt auf die “Baustelle” bzw. den Friedhof. Das wäre, falls ich in diesem Beruf arbeiten würde, für den Chef natürlich auch eine Geldsache. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich relativ zierlich bin, bei “kräftigen” Frauen ist das wahrscheinlich auch nochmal was anderes.
        Was ich allerdings interessant fande war, dass mein Chef meinte, dass es ihm “verboten” ist, einen weiblichen Azubi abzulehnen, nur weil er bzw. sie eben weiblich ist.

        Was mich auch zum Nachdenken gebracht hat: Während meiner Bewerbung, haben mich ungefähr 10 Betriebe mit der Begründung “Was sollen wir denn mit einem Mädchen anfangen?” abgelehnt.

        Und um die Ehre der Frauen zu retten: Mein Chef während meines Praktikums meinte, ich wäre der perfekte Azubi, trotz der Tatsache, dass ich weiblich bin.

        Dein Text hat mich auch zum Nachdenken gebracht. Beruflich habe ich erst Mediengestalterin gelernt, dann Germanistik studiert. Wieso keinen „Männerberuf“? Ich war ja eigentlich naturwissenschaftlich recht begabt gewesen (Mathe & Chemie Leistungskurs)… Nun, tatsächlich war ich nach dem Abi recht verloren und habe mich für alles mögliche beworben. Als Chemikantin auch, aber das hatte nicht geklappt – schlau genug, aber nicht geschickt genug. Wir mussten beim Bewerbertest Rohre zusammenschrauben. Nun… Letztlich würde ich mir auch mehr handwerkliches Geschick wünschen, aber was nicht ist, kann trotzdem noch werden. Vor drei Jahren habe ich mir das Nähen an der Nähmaschine angeeignet – und das ging ja auch. Man kann immer noch dazu lernen; ich hoffe, bei dir ist wieder alles trocken 🙂

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