Mai
22
16

Was würde passieren, wenn du einem fremden Menschen deine Geschichte erzählst?

Samstagabend. Eine Sommerwiese. Sie lag in der Sonne, ein Buch in ihren Händen, der Wind wehte durch ihr Haar. Hinter ihr färbte sich der Himmel langsam rot, wurde immer dunkler. Aber das interessierte sie nicht, hektisch blätterte sie durch die Seiten, verschlang die schwarzen Buchstaben auf dem weißen Papier.
Um sie herum lachten die Leute, bauten ihren Grill auf und genossen die letzten Sonnenstrahlen. Überall roch es nach Sommer, Grillabend und frischer Wiese. Und während sie vertieft in ihr Buch auf ihrer Decke lag, baute sich direkt neben ihr eine kleine Gruppe junger Leute das Lager für die kommenden Stunden auf.

Auch sie waren gekommen, um den Sommer zu genießen. Ein Mädchen in bunter Hose, Sandaletten und weißem T-Shirt schien das Sagen zu haben. Immer wieder rief sie ihren Freunden Verbesserungsvorschläge zu und wollte alles besser wissen. Neben ihr ein kleiner Hund der bestätigend bellte. Zur Gruppe gehörten außerdem ein weiteres bildhübsches Mädchen mit Kurzhaarfrisur, ein junger Mann mit Schmalzlocke und Sonnenbrille, der sich vor lauter Schönheit kaum auf die Wiese getraute und ein etwas unheimlich aussehender Mann mit dunklen Haaren.
Die Gruppe lachte und das Mädchen in bunter Hose verteilte wertvolle Ratschläge. Trotzdem schienen sie ein Team zu sein geprägt vom tarken Zusammenhalt.

Der etwas unheimlich aussehende Mann musterte sie von Zeit zu Zeit mit seinen Blicken. Er war wirklich hübsch. Als sie jedoch aufblickte und ihre Blicke sich trafen, bekam sie Gänsehaut. Etwas in seinem Blick irritierte sie, lies sie erschaudern. Er lächelte ihr zu, sie senkte schnell den Blick und vertiefte sich wieder in ihr Buch. Immer wieder hob sie den Kopf um einen Blick auf ihn zu erhaschen, mehr über ihn zu erfahren und immer wieder hatte auch er seine Augen auf sie gerichtet. Blaue Augen trafen auf tiefbraune und erzählten sich eine Geschichte.

Irgendetwas an seiner Erscheinung hatte sie beeindruckt und in den Bann gezogen. Sie wusste nicht genau was es war, aber der unheimlich wirkende Mann strahlte eine beängstigende Ruhe auf sie aus. Es war fast schon eine vertraute Nähe.
Sie konnte sich kaum noch auf ihr Buch konzentrieren und setzte sich aufrecht auf ihre Decke. In Gedanken fuhr sie sich durch ihre langen Haaren und schaute verträumt in die Ferne. Für einen kurzen Moment konnte sie den starrenden Blick auf ihren Rücken ignorieren, aber dann konnte sie nicht länger. Er machte ihr Angst, verunsicherte sie und gab ihr trotz aller Geborgenheit das Gefühl nicht willkommen zu sein.

Sie musste weg. Immer verunsicherter packte sie ihre Sachen zusammen, schnell die Decke zusammengerollt und das Buch in ihrem Beutel verstaut. Auf dem Weg an der Gruppe vorbei stolperte sie, das Anführermädchen lachte, die Gruppe lachte mit. Ihr Kopf lief immer röter an und als die braunen und blauen Augen sich erneut trafen und er ihr Hilfe anbot keimte Wut in ihr auf.
Sie war wütend über ihre Ungeschicklichkeit, die lachende Gruppe und über ihn. Weil er sie verunsicherte, verängstigte und trotzdem helfen wollte.Natürlich mussten genau in diesem Moment dunkle Wolken aufziehen. Die dunkle Wand schob sich über den Himmel und erste Tropfen erreichten ihre Haut. Das Wasser kühlte ihren immer noch roten Kopf und veranlasste sie schneller zu laufen. Sie rannte vorbei an blühenden Kirschbäumen und da es immer heftiger donnerte stellte sie sich unter. Innerhalb weniger Sekunden schüttete es eimerweise Regen auf die Erde und auch die Gruppe packte schnell ihre Sachen zusammen.
Sie beobachtete die panische Menschengruppe von ihrem sicheren Platz aus. Jetzt von der Ferne wirkte sie nicht mehr sonderlich einschüchternd und fast schon ein wenig lächerlich, wie sie über die Wiese stolperten. Ein lautstarkes Lachen drang aus ihrer Kehle. Sie lachte über das Anführermädchen, welches versuchte nicht nass zu werden, über ihren verklemmten Sturz vor einigen Minuten vor ihnen und über den Mann, welcher ihr Angst eingejagt hatte.

Der Regen plätscherte weiter auf die Blätter des Baumes, unter welchem sie Schutz gesucht hatte. Ihr wurde kalt und zitternd hielt sie ihre Arme eng gepresst an ihren Körper. Die Gruppe war mittlerweile verschwunden und auch die anderen Menschen waren vor der dunklen Wolke geflüchtet. Die Wiese war wie leer gefegt, einzig und allein sie stand unter den schützenden Ästen eines Kirschbaums und bibberte. Aber das war ihr in diesem Augenblick egal, denn sie genoss ihre Freiheit, hörte dem Regen leise zu, schloss ihre Augen und träumte sich an einen fremden Ort.

Etwas raschelte auf einmal hinter ihr und lies sie zusammenzucken. Als sie sich umblickte, sah sie eine dunkle Gestalt langsam auf sie zukommen. Die Augen der Gestalt waren starr auf sie gerichtet, dunkles Braun traf auf helles Blau und wieder wurden lauter Geschichten voller Angst, Wärme und Liebe erzählt. Ein Schaudern lief ihr über den Rücken und diesmal war es nicht die Kälte.


Er war jetzt fast bei ihr angekommen und blickte sie weiter mit ernstem Gesicht an. So wie man schaut, wenn man eine schlechte Nachricht überbringt. Als er direkt vor ihr stehen blieb, hielt sie den Atem an. Da standen die Beiden und schauten sich tief in die Augen. Die Angst war verschwunden, alles was blieb, war der Moment. Vorsichtig nahm er ihre Hand und zog sie an sich. Etwas schüchtern und zurückhaltend umarmte sie den fremden Mann, vertraute ihm immer mehr und ließ sich fallen.

Die Last der letzten Wochen und Monate schien von ihr abzufallen, fast, als hätte er ihre Gedanken gelesen und genau gewusst, wie sehr sie sich nach einer Umarmung, einer kleinen Geste gesehnt hatte. Dem Mann mit den unheimlichen Augen gelang etwas, was keiner ihrer Freunde, nicht ihrer Familie und auch sie selbst nicht geschafft hatte. Er schenkte ihr Aufmerksamkeit, Vertrauen und obwohl sie kein Wort miteinander sprachen, hörte er ihr zu.

Sie hatte ihr Zeitgefühl komplett verloren, aber nach einigen Minuten löste er sich aus ihren Armen und die Beiden setzten sich unter den Baum. Sie lehnten sich an und er gab ihr seine Jacke gegen die Kälte. Der Regen hatte immer noch nicht aufgehört, davon blieben die Zwei jedoch unbeeindruckt.
Der Mann stellte sich vor, sie stellte sich vor. Und obwohl sie nichts weiter voneinander wussten als ihre Namen, redeten sie wie beste Freunde miteinander.

Er erzählte seine Geschichte. Als kleiner Junge waren seine Eltern gestorben, seine Kindheit verbrachte er im Heim zwischen anderen Kindern und gewaltbereiten Pflegefamilien. Mit 18 dann war er geflüchtet und in die Stadt gezogen, seitdem wohnte er allein und hatte immer wieder versucht sich das Leben zu nehmen. Dicke Narben zierten seinen Unterarm und sie schauderte erneut nicht wegen der Kälte. Er erzählte von seiner inneren Leere, seinem Bedürfnis auszubrechen und seinen oberflächlichen Freunden, welche nicht einmal die Hälfte seiner Geschichte kannten.

Dann war sie an der Reihe. Auch sie erzählte über Gewalt, Wutausbrüche und den Wunsch dieses Leben endlich zu beenden. Im Gegensatz zu ihm hatte sie in ihrer eigenen Familie erfahren, was Schmerz ist und versuchte ihre Selbstzweifel wegzuhungern. Am Ende landete sie in der Klinik, brauchte professionelle Hilfe und wurde von ihren Eltern abgeschoben. Er nahm sie in den Arm, als Tränen über ihr Gesicht liefen, während sie über ihre Vergangenheit sprach.

Von außen gaben die Zwei ein komisches Bild ab. Ein Mädchen, eingehüllt in eine riesige Jacke, welches von einem Mann vorsichtig umarmt wurde. Beide  weinten zusammen und versprühten das Gefühl engster Verbundenheit. Obwohl sie vor wenigen Stunden noch Fremde gewesen waren.
Alles was sie verband waren ihre Geschichten, Erlebnisse und die Worte, welche beide miteinander austauschten. Sie wussten genau voneinander wie es dem Anderen damals erging und was er fühlte. Weil sie beide keine schöne Kindheit hatten und lernen mussten, allein zu überleben.

Wie ist es, wenn man einen Fremden trifft, der ähnliche Sachen durchlebt hat wie man Selbst? Schweißt einen die Vergangenheit zusammen, teilt man seine Gefühle und Erlebnisse miteinander? Oder hat man Angst, alte Zweifel und kann kein Vertrauen fassen?
Redet man zusammen und versucht seine Gedanken gemeinsam zu ordnen und hegt man Abscheu gegeneinander? Kann man sich verstehen? Entwickelt sich eine vertraute Atmosphäre? Erkennt man seine eigenen Fehler besser und hört auf im Mitleid zu baden?
Ist es gut einfach einmal einem fremden Menschen seine Gedanken und Probleme zu erzählen und sich eine fremde Meinung einzuholen, oder gibt man dadurch zu viel seiner Privatsphäre auf?

Die Zwei haben sich immer wieder getroffen und redeten viel miteinander. Sie unternahmen Ausflüge an Orte ihrer Kindheit gemeinsam und versuchten die Vergangenheit aufzuarbeiten. Sie lernten zu verzeihen, vertrauen und lachten wieder gemeinsam. Sie fanden gemeinsame Freunde und bauten sich ein neues Leben auf. Ist das die wahre Geschichte?


Outfitdetails:
Kleid: Mango
Schuhe: Birkenstock

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4 COMMENTS

Du bist so toll und deine Bilder so schön. Ich bin ein riesen Fan von deinem Blog und auch die Art wie du schreibst ist super! 🙂

Die Geschichte hast du wirklich super schön geschrieben 🙂

http://petitepia.blogspot.com.au

Ich finds toll, dass du deine Texte veröffentlichst 🙂 Wirklich tolle Geschichte, schön unterstrichen mit passenden Bildern ♥

Liebe Grüße,
Kiamisu

Ein richtig schöner Text und das Kleid steht dir wirklich gut.
Liebe Grüße Michelle von beautifulfairy

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