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Von unserer ersten Nacht im Zelt (West Highland Way, Schottland)

13.04.18

Die Tatsache wie schnell die eigenen Bedürfnisse in nur wenigen Stunden zurückgeschraubt werden können fasziniert mich immer wieder. In der Realität fühlt sich dieser Vorgang dennoch dann doch etwas beschissener an, um meine Gedankensprache der Situation zu übernehmen. Doch mit etwas Abstand betrachten sich gewisse Dinge sowieso etwas besser.
Mir gleitet ein zaghaftes Lächeln über die Lippen, wenn ich daran denke wie motiviert wir am ersten Tag mit unseren Rucksäcken losgelaufen sind und welche romantische Vorstellung von unserem Ausflug durch meinem Kopf schwebte.

Frei sein, das Leben genießen, Abstand von der Gesellschaft bekommen, ich könnte diese Aufzählung unendlich weiterführen, obwohl ihr euch den Rest wahrscheinlich auch selbst ausmalen könnt. Die Realität überholte mich persönlich schon auf den ersten Metern – „dieser Rucksack ist ganz schön schwer“, dachte ich mir noch.
Ein paar Kilometer weiter gewöhnte ich mich etwas daran, doch genau dann fing ich an das Gewicht in meinen Beinen zu spüren. Schritt für Schritt wurden sie immer schwerer und als wäre das alles nicht genug, beschlich mich erneut die Angst zu versagen. Vielleicht habe ich mich mit den 154 Kilometern zu Fuß doch etwas überschätzt?

Gegen frühen Nachmittag beschlossen wir dennoch einen Platz zum Zelten zu suchen, alles woran ich denken konnte war etwas Schlaf und Essen. Dieser Vergleich zwischen meinem warmen Zimmer zu Hause in Leipzig und der aktuellen Situation durch die ich mich gerade quälte war absurd. Wie viel Luxus wir uns doch jeden Tag gönnen, wenn unsere Grundbedürfnisse gedeckt sind. Eine Küche mit verschiedenen Töpfen, ein voller Kühlschrank, ein voller Kleiderschrank, ein Sofa, das alles lag mir in diesem Momenten so fern.
Aber genau deshalb wollte ich diese Strecke laufen, redete ich mir immer wieder ein, um mir selbst noch etwas näher zu kommen und genau diesen beschriebenen Luxus wieder genießen und würdigen zu können. Ich hatte noch keine Ahnung wie weit dieser kleine Test tatsächlich gehen sollte.

Unser Zelt war schnell aufgebaut, für ein Foto reichte meine Kraft auch noch gerade, bis wir Beide nur noch in die Schlafsäcke fielen. Ich hatte nicht einmal mehr Lust etwas zu essen , so sehr schmerzte mein Körper und nach ein paar Minuten schloss ich die Augen. Geweckt wurde ich eine Stunde später von der Kälte und dem Regen.
Ich sollte vielleicht dazu erwähnen, dass unser Zelt für den Sommer konzipiert wurde, bei dem Papa meiner Freundin im Keller lag und somit undurchdacht einfach in den Rucksack wanderte. Leicht sollte es sein, über den Regen machten wir uns vor der Abreise keine großen Gedanken, was naiver nicht hätte sein können. Wir verbrachten Beide eine Nacht ohne Schlaf, vom nächsten Tag und der Wanderung im Regen möchte ich gar nicht sprechen.

Die nächsten Tage sollten etwas besser werden, doch das Fazit dieses Textes soll ein ganz anderes sein als unsere ungeplante Naivität. Diese hat immerhin auch ab und zu ihre schönen Seiten.
Wir leben im Luxus und schwelgen im Konsum, was ich im gewissen Maße auch überhaupt nicht schlecht reden möchte. Alles worauf ich aufmerksam machen möchte ist die Tatsache, wie gut und gleichzeitig schlecht es sich anfühlen kann aus dieser Komfortzone aus Kissen und weicher Matratze auszubrechen. Was wir dennoch von Zeit zu Zeit tun sollten, um das alltägliche Leben mit seinen Kleinigkeiten und Schönheiten wieder etwas besser wertschätzen zu können. Einen Tee und frisches Gebäck im nächsten B&B zum Beispiel, was mir an diesem Tag vorkam wie der größte Luxus auf Erden.

Dieses perfekte Beispiel zwischen der eigenen romantischen Vorstellung und der Realität.

Dieses Leben zwischen einem Instagramfoto und uns mit klitschnassen Sachen. 

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