Aug
31
17

Vom Erbsen-Eintopf und der Frage warum man eigentlich vegan wird

// Vor gut zwei Wochen schrieb Pauline in ihrem Gastbeitrag auf meinem Blog, dass sie versuchen möchte vegan zu leben. Jenni hat das schon geschafft und berichtet normalerweise auf ihrem Blog Mehr als Grünzeug vom nachhaltigen Leben und veganen Rezepten. Heute allerdings verrät sie uns ihre Geschichte und am Ende vom Beitrag gibts noch ein leckeres Rezept dazu. Hättet ihr Lust vielleicht einmal in einem Livestream auf Instagram zusammen zu kochen und über das Thema zu reden? Hier kommen auf jeden Fall erst einmal Jennis Gedanken zum Thema veganer Ernährung. //

Als ein guter Freund im Klassenzimmer der Unterstufe damals verkündete, jetzt vegan leben zu wollen, hielt ich ihn (wie der Rest der Klasse) für einen großen Spinner. Er war ohnehin bekannt, alles Mögliche und Unmögliche auszuprobieren, Grenzen auszuloten und zu schauen, wohin ihn das bringen könnte. Meistens hat es ihn – in der Retrospektive – weitergebracht. Heute ist er immer noch so – grenzenauslotend. Aber nicht mehr vegan. Das bin jetzt ich. Und ich halte das nicht mehr für Spinnerei, sondern für eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem zugegebenermaßen bisher nicht besonders langen Leben getroffen habe.

Wenn ich zurückschaue – noch weiter zurück als bis zur Klassenzimmeratmosphäre in der Unterstufe -, dann stelle ich fest, dass ich mich schon immer für das, was uns umgibt, interessiert habe. Als Kind verschlang ich WAS-IST-WAS-Bände, konnte nicht genug von den farbigen Tierzeichnungen in den alten, schon vergilbten Büchern meiner Mutter bekommen und versuchte mit der ganzen Macht meines kindlichen Verstandesapparats zu begreifen, was unbegreiflich ist: Wer wir sind und wie wir uns zu den anderen Lebewesen und allgemein zu unserer Umwelt verhalten.

Von dieser Mission, auf der ich mich schon seit damals insgeheim befand, ahnte ich freilich nichts – und heute erscheint sie mir umso präsenter, jeden Tag, bei jeder Handlung, die ich ausführe, bei vielen Gedanken, die sich aus den Nebeln meines Kopfes ins Bewusstsein drängen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was tue ich hier eigentlich?

Das sind zutiefst philosophische Fragen, auf die es selbstredend so viele Antworten wie Menschen auf der Welt gibt. Aber ich glaube für mich, mit dem vor ungefähr zwei Jahren getroffenen Entschluss, vegan leben zu wollen, meinen ganz persönlichen Lösungen einen großen Schritt näher gekommen zu sein.

Die Entscheidung, die ich nächtens nach der Lektüre von „Tiere essen“ (wer es noch nicht kennt – unbedingt lesen! Wer den Autor noch nicht kennt – seine Romane hinterherlesen!) mit einem Gemisch aus wilder Leidenschaft und tiefster Empörung traf, habe ich seitdem nicht eine Sekunde bereut. Es wäre gelogen, wenn ich nicht sagen würde, dass sie mir einige Konflikte beschert hat und das Leben aus gewissen Perspektiven nicht unbedingt leichter gemacht hat.

Aber: Es geht nicht immer um den Weg des geringsten Widerstandes. Genauer gesagt: Gerade der ist das Problem, das wir in der heutigen Überflussgesellschaft haben. Wir wollen alles – kompromisslos und sofort. Wir sind begierig, alles und jeden zu konsumieren, zu verbrauchen, anzueignen und wieder auszuwerfen (praktisch-physisch wie metaphorisch). Das kann nicht gutgehen auf Dauer – sowohl für uns als Individuen als auch als Gesellschaft.

Als ich begann, mir ernsthaft Gedanken zu machen, wo das herkommt, was da den Großteil meiner Ernährung ausmacht (zu diesem Zeitpunkt war ich Vegetarierin und liebte Frischkäse und Milch) und mir ohne Vorurteile Dokumentationen anschaute und die richtigen Bücher las, wurde mir klar, dass in dem Verzicht (der ein viel zu böse konnotiertes Wort ist – ich finde Verzicht nämlich richtig gut, aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr) nicht nur ein optionaler, sondern ein für mich zwingender Lösungsweg liegt.

Denn das, was da passiert, abgeschirmt von den Augen der Massen, in aus der Vogelperspektive sauber aussehenden, silbernen Verarbeitungsbetrieben, das ist nichts, was sich noch in irgendeiner Weise menschlich schimpfen noch den Anspruch erheben darf, für unsere Ernährung einen essentiellen Bestandteil darzustellen. Das ist milliardenfache Ausbeutung, das sind kleine und große Höllen für Lebewesen, die nachweislich fühlen, denken und einen Begriff von sich selbst als Individuum haben.

Schlachten ist immer Ausbeutung, Tierprodukte zu konsumieren ist immer ein Akt der Aneignung von etwas, das eigentlich nicht für uns bestimmt ist. Aber ich glaube, meine Worte würden nicht so hart ausfallen, wenn es um den idyllisch propagierten Kuhmilchbauern mit Erna und Berta auf der Weide gehen würde, der sich nur nimmt, was er zum körperlichen Überleben braucht und den Rest des Tages die Tiere machen lässt, was sie wollen. Dass wir von diesem Bild denkbar weit entfernt sind, ist klar – aber im Unterbewusstsein tragen viele von uns eben genau dieses falsche Bild von der Tierprodukteindustrie mit sich herum.

Man könnte noch weit ausholen und Kälbertötungen, Kükenschreddern, entzündete Euter, die Haltungsbedingungen in den Hühnerställen, totgedrückte Ferkel in der Schweinemast, misslungene Betäubungen bei der Schlachtung von Kühen und so weiter thematisieren. Aber das ist an anderer Stelle schon zu genüge getan worden und es gibt wirklich ausgezeichnetes Doku-Material diesbezüglich – auch wenn solche Dinge nicht unbedingt zu dem bereits erwähnten Weg des geringsten Widerstandes gehören.

Denn selbst, wenn das Argument, es gehe „nur“ (!) um die Tiere, nicht zieht: Auch aus sozialer, gesundheitlicher und umwelttechnischer Perspektive gibt es eine ganze Reihe von Argumenten, die gegen einen derart massenhaften Tierproduktekonsum sprechen, wie er heutzutage stattfindet und von den entsprechenden Stellen fleißig weiter beworben wird.

Man muss nicht gleich vollkommen vegan werden – es ist eine Typfrage, wie und in welchem Umfang man wirklich zur Tat schreiten möchte und das ist vollkommen okay so. Ich bin eher der Hardcore-Typ und ziehe Dinge entweder ganz oder gar nicht durch, das war schon immer so. Wenn du eher der Schritt-für-Schritt- Typ bist, ist das genauso richtig. Ein Schritt wäre vielleicht, Fleisch auf einen Tag die Woche zu begrenzen. Und dann dasselbe beim Käse zu versuchen. Nächste oder übernächste Woche dann bei der Milch. Es gibt so viele schmackhafte Alternativen! (Deswegen kann man auch wirklich nicht von „Verzicht“ sprechen – auch, wenn man zunächst das überwältigende Gefühl bekommen kann, auf einmal nichts mehr essen zu dürfen.)

Und damit du siehst, wie einfach das gehen kann, habe ich euch ein Rezept für einen wirklich leckeren und wirklich einfachen und wirklich tierproduktefreien und trotzdem superleckeren Erbsen-Eintopf mitgebracht. Obacht!

Das Rezept – Ein Erbsen-Eintopf

Portionen: 4
Zubereitungszeit: 40 Minuten
Schwierigkeit: einfach

Ihr braucht:

–  1 Zwiebel, rot
–  2 Knoblauchzehen
–  1 Handvoll Mandeln, geschält
–  3 Tassen Erbsen, grün
–  1 Karotte
–  2 Handvoll Baby-Spinat
–  Saft von 1⁄2 Zitrone
–  2 TL Kokosmus
–  1 1⁄2 Handvoll Salz
–  Etwas Pfeffer
–  2 Tassen Wasser
–  1 EL Tahin
–  Optional: 1⁄2 TL Kreuzkümmel (macht das Ganze herbstlich-deftig)

So geht’s:

–  Schneidet alle Zutaten, die man kleinschneiden kann (außer den Mandeln), in kleine Würfel zurecht.

–  Gebt nun das Kokosmus in einen großen Topf und erhitzt es, bis es geschmolzen ist.

–  Fügt den Knoblauch und die Zwiebel hinzu und bratet beides gut an.

–  Gebt nun die Karottenstückchen, die Mandeln und die Erbsen dazu und bratet fröhlich weiter.

–  Löscht nun alles mit dem Wasser ab und würzt den Eintopf anschließend mit Salz, Pfeffer, Tahinund Zitronensaft. Immer gut umrühren währenddessen.

–  Dreht die Hitze herunter, lasst den Eintopf 10-15 Minuten vor sich hinköcheln und gebt erst danach– kurz vor dem Servieren – den Spinat hinzu. (Wenn der nämlich totgekocht wird, war’s das mit den Vitaminen – und schön schaut er dann auch nicht mehr aus.)

–  Noch ein paar Minuten köcheln lassen, vielleicht das letzte Mal abschmecken – und ab auf dieTeller mit dem Erbsen-Eintopf!

Anmerkung: Wir nutzen keine Dosenprodukte – selbstgekocht schmecken die Erbsen sowieso vielbesser. Dafür ein bisschen mehr Zeit einplanen und die Erbsen über Nacht einweichen, das Einweichwasser wegschütten und mit neuem Wasser (am besten im Schnellkochtopf) bis zum gewünschten Weichheitsgrad kochen.

Wir lieben Rezepte wie diese hier – denn selbst, wenn man noch total an Fleisch und Käse und so weiter gewöhnt ist, wird man hier wenig vermissen. Eintöpfe sind die heimlichen Stars der veganen Küche, die auch (Noch-)Allesfutterer überzeugen können. Denn noch nie haben sich unsere Gäste beschwert, wenn wir ihnen sowas vorgesetzt haben, niemals hat irgendjemand etwas vermisst darin. (Und ja – wir haben sehr ehrliche Freunde.)

Man kann wichtige und ernste Themen wunderbar mit Freude und Offenheit angehen – das alles kann weit entfernt von verbitterter Salatblattkauerei stattfinden (pssst: genau das ist der Gedanke hinter meinem Blog) und im wahrsten Sinne des Wortes Horizonte eröffnen. Und wenn es nur der Aaaaah!-und- Hmmmmh!-Horizont ist. Immerhin, das ist ein Anfang – ein ziemlich guter.

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5 COMMENTS
Annika

Über dieses Thema kann man so viel schreiben.
Es gibt einfachs so viele Aspekte, aber ich finde du hast es gut hinbekommen.
Ich fand es schön, dass du nicht zwanghaft versucht hast, uns davon zu überzeugen, alle vegan zu werden, sondern eher deine Geschichte erzählt hast.
Ich krieg das leider niht hin.
Bin selbst vegetarisch, mit dem Ziel zum Veganismus.
Leider kenne ich micht noch nicht so gut mit der vegetarischen Küche aus, deswegen werde ich gerne mal auf deinem Blog vorbeischauen 😉

Liebe Annika,

danke dir für deine liebe Rückmelung – ich freue mich sehr, dass du den Text positiv aufgenommen hast.
Natürlich musst du nicht von heute auf morgen vegan werden – jeder kleine Schritt ist einer in die richtige Richtung. Es gibt für viele Dinge mittlerweile ausgezeichnete (und sogar gesunde) Alternativen – du musst nur herausfinden, was genau deine persönlichen Baustellen sind, um sie effektiv angehen zu können. 🙂

Ich freue mich auf jeden Fall auf deinen Besuch bei mir und hoffe, du findest ein wenig Inspiration!

Liebe Grüße
Jenni

Der Eintopf sieht so so lecker aus! Und diese Food Fotografie *-* einfach perfekt! Ich hoffe irgendwann auch mal so tolle Bilder machen zu können, das sieht einfach wahnsinnig toll aus 🙂
Ich finde es auch sehr schön wie betont wird, das vegan sein ganz sicher kein Verzicht ist. Die meisten Menschen ernähren sich sowieso von ihrem Comfort-Food und Essen oft die selben Gerichte. Veganer hingegen sind meist viel Experimentierfreudiger und benutzen Produkte, von denen andere noch nie gehört haben 😀

Liebe Grüße
Pauline <3

http://www.mind-wanderer.com

Ein toller Artikel, der mir aus dem Herzen spricht!
Als Vegan lebender Mensch hat man soviele persönliche Gründe für diesen Schritt und ich finde es immer wieder interessant, was andere dazu bewegt hat.
Liebe Grüße
Stephanie von http://www.plantifulskies.com

Liebe Jenny, vielen Dank dass du deine Beweggründe mit uns teilst. Ich finde es immer sehr spannend, was andere zum veganen Lebensstil bewegt. Bei mir war es eher der ökologische Gedanke. Deinen Blog lese ich sowieso schon lange und gerne – weiter so 🙂
Alles Liebe
Pascale

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