Jul
06
17

Verlorene Seelen

Es ist so verrückt, dass ich schon vor der Abreise Gefühle für diese Reise hatte. Ich vermisste die Berge, die Natur und sogar ein kleines bisschen die langen Wanderungen, weshalb ich schon vor der Abreise eine Erwartungshaltung aufbaute.
Genau diese wird mir eigentlich immer zum Verhängnis und lässt mich am Ende enttäuscht zurück. Erwartungshaltungen führen dazu, dass ich mir in meinem Kopf wunderschöne Bilder ausmale, enttäuscht bin und genau dadurch die wirklich schönen Momente verpasste. Deswegen hatte ich vielleicht ein kleines bisschen Angst davor endlich loszufahren und ein kleines bisschen Angst enttäuscht zu werden.

Und das wurde ich ehrlich gesagt auch für ein paar kurze Augenblicke. Insgesamt 5 Stunden Autofahrt lagen hinter mir und meiner Familie, als ich das erste Mal die Berge erblickte. Ich freute mich unheimlich endlich wieder die großen Schatten über mir zu haben und bemerkte, wie absurd der Gedanke an ein paar große Felsen ist und wie sehr sie mich beeinflussen können.
Schon nach kurzer Weiterfahrt allerdings, sollte nicht die Erwartungshaltung mein Fehler machen (oder ist es genau diese?), sondern das ständige Vergleichen.

Ich weiß gar nicht warum und ich habe versucht mit aller Kraft dagegen anzukämpfen, aber Neuseeland hat mich immer noch nicht losgelassen. Also saß ich im Auto und verglich die Landschaft sinnlos mit der neuseeländischen Landschaft, auch, wenn mir bewusst war, dass sich zwei Orte die jeweils auf der anderen Seite der Erde liegen, nicht sonderlich gut vergleichen lassen.
Schon allein die Straßen und Häuser machen Österreich einfach zu einem völlig anderen Ort und ich brauchte ein paar Tage um endlich richtig anzukommen. Ohne Vergleiche.

Verurteilt mich nicht, wenn mein Gedankenchaos spätestens an dieser Stelle keinen Sinn mehr ergibt, aber die Wanderung von der ich heute schreiben möchte, wurde genau deshalb so schön.
Nachdem wir am ersten Tag ziemlich viele Höhenmeter zurückgelegt hatten, fuhren wir an diesem Tag ein kleines Stück zum Ende des Tals, um es etwas ruhiger angehen zu lassen. Schon nach einem kurzen Aufstieg waren wir an einem Ort angekommen, an welchem ich wirklich zweimal mit den Augen blinzeln musste.

Nur das Gras hatte keine gelbe Farbe, aber ansonsten fühlte ich mich zwei Monate zurückversetzt an das andere Ende der Welt. Alles war surreal und ich kann immer noch nicht beschreiben, was sich in mir abspielte. Es waren ein feiner Schmerz des Vermissen und der Sehnsucht, gleichzeitig aber eine unendliche Freude über das Wiedersehen und die Verwirrung über das was gerade passierte.
Auf jeden Fall merkte ich dort oben in den Bergen, dass es okay ist ständig in eine Schwärmerei zu verfallen und sich zurück zu wünschen. Das alles erscheint mir ziemlich verständlich, nach einer solchen Zeit. Aber es ist ebenfalls wichtig einen kleinen Teil seines Herzens frei zu geben, um neue Orte zu entdecken.

Wahrscheinlich ließ mich gerade die Ähnlichkeit zwischen den zwei Orten dazu bewegen, endlich einen kleinen Schritt weiterzugehen und die Lücke meines Fernwehs ein bisschen zu schließen. Auch, wenn zwei Wochen Urlaub mit der Familie noch lange nicht dieses Reisegefühl von damals wieder aufleben lassen können. Aber immerhin lässt sich der Schmerz lindern.
Ich glaube verstanden zu haben, worüber all´die verlorenen Reiseseelen immer sprechen. Wenn sie über den Drang reden immer wieder neue Plätze zu entdecken und neue Abenteuer zu erleben, sich aber gleichzeitig täglich an ihre erste aufregende Reise zurück erinnern und nicht wirklich loslassen können.

Da ist dieses große klaffende Loch in unseren Herzen, welches sich nicht mehr bis zum Rand befüllen lässt. Vielleicht in kleinen Schritten, aber nie wieder vollständig. Denn diese erste große Reise bleibt immer in unseren Gedanken und wird uns immer begleiten. Wir werden immer rastlos sein, auf der Suche, uns für ein paar kleine Momente erfreuen, aber immer das große Ganze suchen.

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10 COMMENTS
Milena

Du sprichst mir so aus der Seele. Das ist verrückt. Bin genau in der selben Situation und kann einfach nicht abschalten, weil ich mehr oder weniger immernoch in Südafrika hänge. Tut gut zu lesen, was du schreibst. 🖤

Südafrika, das klingt auch richtig toll. Und es ist immer schön ein paar Gleichgesinnte zu treffen 🙈

annika

deine bilder lösen in mir so starkes fernweh aus…

Isabelle

Hey:)
Sehr interessanter Text!:) ich kann mich noch gut an den Text erinnern in dem du geschrieben hast, wie enttäuscht du von Neuseeland bist und es freut mich, dass es dir am Ende doch so gut gefallen hat (auch wenn das den Abschied natürlich schwer macht). Mir geht es gerade eher so wie dir vor ein paar Monaten… ich bin seit kurzwm in Kanada und mache ich auch Work and Travel, bin aber noch nicht so richtig angekommen und hatte vor allem am Anfang Probleme. Bin sehr gespannt ob es mir auch mal so schwer fällt, mich von Kanada zu verabschieden.

Tia

#willhaben ! 😻

Lilli

#habenwollen 🙈🌸🌸
außerdem ich finde dich und deinen ganzen blog supercool und total inspirierend! nur deinetwegen habe ich angefangen mir in letzter zeit total viele gedanken zu fairer mode und kosmetik zu machen und möchte auch selber anfangen auf solche dinge zu achten 🙂
ich finde dich wirklich total super, mach weiter so 🌞💜

Pauline

Dein letzter Absatz hat in mir richtig Gänsehaut ausgelöst. Ich liebe es wie du mir Worten umgehen kannst und obwohl ich in Deutsch auch gut bin, ist es nichts im Vergleich zum dem, was du mit deinen Zeilen für Gefühle auslösen kannst. Das ist wirklich ein wahnsinns Talent! Deswegen liebe ich es deine Texte zu lesen und hoffe dabei vielleicht ein wenig von einem so schönen und besonderen Schreibstil lernen zu können 🙂

Alles Liebe
Pauline <3

http://www.mind-wanderer.com

Was für ein Kompliment von dir <3 Dankeschön!

Michelle

Die Art wie du über die Berge und die Natur geschrieben hast, lies mich gleich aus dem Fenster schauen. Denn ich lebe in Österreich (Vorarlberg) und sehe die Berge gar nicht mehr. Das erste was ich vor der Nase habe wenn ich das Haus verlasse sind Berge, Berge und noch mehr Berge 🙂
Komisch aber auch schön zu lessen, das diese für andere Menschen sehr besonders sind.

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