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        „Was denkst du jetzt von mir?“, fragt er mich zögernd. In meinem Kopf rasen die Gedanken. Wie fühlt man sich nachdem man mit einer Wahrheit konfrontiert wurde die man besser nicht wissen wollte? Ja, wie bitte fühlt man sich nachdem das gegenseitige Vertrauen innerhalb von 3 Minuten zerstört wurde? Verzweifelt, vielleicht. Hintergangen. Enttäuscht. Und wütend.
        Ich muss unwillkürlich daran denken was er alles zerstört hat. Wir hatten so vieles und doch haben wir jetzt nichts. Was hat er sich dabei gedacht aufzugeben?
        Meine Gedanken werden nicht langsamer, ich schaffe es nicht sie zu sortieren, dabei schaut er mich immer noch fragend an, als könnte er mich verstehen. Als wüsste er welches Leid durch meinen Körper fließt, welche Enttäuschung. Als könnte er dieses Schmerz fühlen den er meinem Herzen zugefügt hat. Er versteht nicht einmal die Hälfte davon. Ich schaue ihn verächtlich an. Er kommt mir so klein vor, in diesem Moment, so jämmerlich und je länger ich darüber nachdenke, desto schneller möchte ich ihn mit meiner aufkeimenden Wut anbrüllen. Ihm die Wahrheit hämisch ins Gesicht schreien.

        „Was hast du dir dabei gedacht?“, forme ich mir die Worte in meinem Kopf zurecht. „Warum, erkläre mir doch bitte warum?“ Obwohl ich eigentlich keinen Erklärungsversuch hören möchte. „Ich bin enttäuscht von dir, es gibt Dinge die hätte ich einfach nicht erwartet. Taten die ich dir nie zugetraut hätte.“ Ein schmerzerfüllter Blick von mir und dann wäre ich weg.
        Aber die Situation wird immer unangenehmer, er starrt mich immer noch erwartungsvoll an. Ich werde noch wütender, noch enttäuschter. „Es tut mir wirklich leid.“, versucht er es noch einmal, aber ich kann nicht mehr. Ich schlucke meine Worte hinunter, behalte meine Gedanken für mich und sage – nichts.

        Diese Situation ist nur eine von vielen. Viel zu oft schlucke ich meine Gefühle einfach hinunter und schaffe es nicht die wohlgeformten Wörter aus meinem Mund zu lassen. Und viel zu oft liege ich am Abend im Bett und gehe in meinen Gedanken Dialoge durch. Ich lasse Gespräche in meinem Kopf ablaufen, manchmal geht es darum jemanden auf eine angemessene Art einfach die Wahrheit zu sagen, manchmal aber auch darum Dinge zu beenden oder neu zu beginnen. Ich liege stundenlang wach und überlege mir die richtigen Worte – doch am Ende sage ich nichts.
        Wie oft schon habe ich meine Wut einfach hinuntergeschluckt oder mich einfach nicht getraut ehrlich zu sein. Wie oft bin ich vor Konfrontationen weggelaufen. Ich weiß nicht wie oft. Zu oft. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Das ist es doch was sie uns beibringen. Aber es fühlt sich falsch an.

        Die verdammte Wahrheit zu sagen fällt schwer. Gefühle zu verletzen und dem Gegenüber immer noch in die Augen zu blicken. Es fällt auch schwer den ersten Schritt zu wagen. Das erste „Ich liebe dich“ kommt nicht umsonst so schwer von unseren Lippen, wir sind feige. Und deswegen liegen wir lieber am Abend im Bett und malen unsere eigenen Geschichten, sprechen unsere ganz persönlichen Dialoge. Allein. Wie oft standen wir schon voreinander und haben nichts gesagt?
        Es erfordert Mut den Mund aufzumachen und laut seine Meinung in die Welt zu brüllen. Eine Auseinandersetzung in der Bahn, wie oft sind wir aufgestanden und haben geholfen? Ein unfaires Verhalten anderer Menschen gegenüber uns, wie oft haben wir uns gewehrt? Ein verletzender Scherz von guten Freunden, wie oft spricht man am Ende darüber? Dabei kennen wir doch die richtigen Worte, wir haben sie doch schon so oft in unseren Gedanken gesehen.

        Eine Woche später stehen wir wieder voreinander. Wir schauen uns gegenseitig in die Augen, aber keiner kennt die Gedanken des Anderen bevor ein paar Worte fallen. Nicht jedes Gefühl lässt sich aus dem Gesicht ablesen, wir sind nicht alle offene Bücher. Ich erwarte gar nichts mehr und frage mich innerlich ob er sich überwinden wird.
        „Es tut mir leid, was geschehen ist. Ich weiß wie sehr dich meine Taten verletzt haben und ich weiß, dass ich dein Vertrauen, dass ich uns zerstört habe.“ Ich sehe ihm an, wie sehr diese Worte auf seiner Zunge liegen und auch wenn sie nicht wirklich etwas an der Situation ändern würden, ich wüsste endlich was in ihm vorgeht. Ich wüsste, dass er uns noch nicht aufgegeben hat. Aber er trägt sie nicht zu mir. Er behält sie für sich, vielleicht hat er uns schon lange vor mir aufgegeben.

        Ich wurde schon oft von der Stille enttäuscht und habe auch selbst schon viel zu oft den Mund gehalten. Deswegen soll dieser Beitrag an alle Worte gehen die wir in einsamen Nächten durchdacht, aber später nicht gesagt haben. Er geht an die Poesie die in uns allen wohnt und nicht nach außen getragen wird. An all´die „Nächstes Mal, dann rede ich bestimmt.“- Ausreden, obwohl wir die Wahrheit doch innerlich schon auswendig kennen. Er geht an die Gespräche die wir nicht erleben durften, Menschen die wir nicht kennengelernt haben und Situationen in denen wir zu feige waren. Dabei könnten die unausgesprochenen Worte so vieles verändert.
        Aber während ich am Abend wieder allein im Bett liege und darüber nachdenke, warum ich nicht gesprochen habe, warum er nicht gesprochen hat, warum wir nicht gesprochen habe, fällt mir auf einmal die passende Antwort ein – wie immer. Morgen sage ich sie ihm, bestimmt.


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        4 COMMENTS

        Wenn ich deine Texte lese, bin ich manchmal wirklich überrascht, wie identisch deine Worte mit meinen Gedanken sind. Als würde ein Teil von einem selbst noch irgendwo anders sein, damit man sich wiederfinden kann, um sich nicht alleine zu fühlen. Zu wissen, anderen geht es genauso. Das ist sehr beruhigend.

        Danke, genau das Gefühl möchte ich bei euch erreichen.
        Liebst, Katja

        Als könntest du Gedanken lesen.
        Ich lese so gerne deinen Blog, denn du sagst so oft genau das was ich denke oder fühle oder sprichst Themen an die mich zum grübel brigen.
        Danke für deine Offenheit und deine Ehrlichkeit! Es hilft und tut gut deine Texte zu lesen.
        Ich würde wirklich nur zu gern ein Buch von dir lesen!

        Nein, Gedanken lesen kann ich leider nicht. 😉 Aber ein Buch über meine Neuseelandreise ist tatsächlich schon in Arbeit.
        Liebst, Katja

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