Mai
22
18

Und was isst du so?

„Ich nehme die Nudeln mit Tomatensoße bitte“, 

sage ich zum Kellner, nachdem ich mich in den letzten 10 Minuten zwischen 2 Gerichten auf der Karte entscheiden konnte. Mein Gegenüber nimmt das Rindersteak und beäugt mich komisch von der Seite. Ich hole instinktiv tief Luft und bereite mich auf die vorhersehbare Diskussion vor.

„Du bist aber keine Vegetarierin?“, fragt sie.
„Doch.“, antworte ich kurz.
„Also du isst kein Fleisch und keinen Fisch.“, stellt sie kurz darauf fest. Ich schüttle nur mit dem Kopf.
„Das könnte ich gar nicht.“, plaudert sie weiter und ich lehne mich mit verschränkten Armen zurück. „Vor allem die Veganer“, geht es weiter „wie kann man nur ohne Käse, Milch und Eier kochen? Da isst man ja nur noch Salat!“

Und während sie versucht einen Witz zu reißen, um von ihrer eigenen Unsicherheit abzulenken, überlege ich wie sinnvoll es wäre ihr mein Essverhalten zu erklären. 

Das ich zwar in diesem Moment vegetarisch esse, aber zu Hause versuche vegan zu leben und Käse nur selten zu besonderen Anlässen in den Kühlschrank kommt. Und ich, Überraschung, immer noch lebe und tatsächlich nicht nur Salat zu mir nehme. Doch irgendwie ist mir die Lust daran vergangen.
Ich lache also kurz über ihren Witz und hoffe, dass der Kellner schnell wieder kommt und mich aus dieser Situation erlöst. Weit gefehlt.

„Naja, ich bin ja auch gegen Massentierhaltung und esse nur Bio-Fleisch.“ Ein weiteres tiefes Luft holen von meiner Seite, welches ich versuche gekonnt zu vertuschen. „Jetzt geht es richtig los“, denke ich mir.
„Achja?“, frage ich aus Höflichkeit.
„Ja, so etwas möchte ich nicht unterstützen. Und ich versuche ja auch meinen Konsum einzuschränken.
„Aber ein totes Tier ist ein totes Tier, egal ob es vorher glücklich auf der Wiese stand oder nicht.“, sage ich.

Keine Antwort.

Der Kellner erlöst mich nun doch endlich und wir essen schweigend. Ich meine Nudeln, sie ihr Rindersteak.

„Schmeckt richtig gut, oder?“, versucht sie die Situation irgendwie verschwinden zu lassen, aber mir fällt darauf keine Antwort ein.

Ich bin es satt und damit möchte ich in diesem Fall keinen schlechten Wortwitz schreiben. Ich möchte keine Rechtfertigungen mehr hören, weil sich jemand vor mir schlecht fühlt und seinen eigenen Fleischkonsum nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Genauso wenig, wie ich mich dafür rechtfertigen möchte keins mehr zu essen. Nein, ich war auch schlank als ich noch Fleisch und Fisch gegessen habe und ja, ich ernähre mich auch ab und zu von Salat.
Wann ist diese Diskussion über das Essen überhaupt entstanden? Warum kann ich meine Oma nicht mehr besuchen, ohne vorher eine Einkaufsliste zu schreiben? Seit wann wird darüber geurteilt was bei unserem Gegenüber auf dem Teller liegt?
Kann uns das nicht egal sein und müsste sich die Person nicht selbst damit befassen?

Anscheinen kann man es nicht mehr richtig machen. Isst man Tierprodukte wird man schief angeschaut, isst man keine wird ausgefragt und ausgelacht. Was denn nun?

In unserer Gesellschaft wird gestempelt und in Schubladen gesteckt, was das Zeug hält. Überall muss ein Etikett, ein Label drauf, wir verurteilen Menschen sowieso schon viel zu schnell. Häufig genug werde ich verdutzt angeschaut, wenn ich von meiner Geschichte mit dem Essen erzähle.

Wie ich es mit mir vereinbaren kann in Restaurants ein Ei zu essen und zu Hause nicht. Warum ich Milch nicht trinke, aber Käse gern mag. Kann ich nicht einfach mein Bestes geben? Muss ich mich „vegetarisch“ oder „vegan“ nennen, mir selbst Regeln auferlegen und darf diese dann nie wieder brechen? Warum darf ich nicht einfach mein Essen schätzen und gewisse Dinge dadurch in Maßen essen und wer verbietet mir das überhaupt?

Ich wünsche mir diese Zeit zurück, in der wir uns zur Grillparty verabredet haben und jeder einfach etwas eingekauft hat. Ohne Diskussionen darüber, dass Tina jetzt vegetarisch isst und wir gar nicht mehr wissen, was Max eigentlich überhaupt noch zu sich nimmt. Er isst nämlich jetzt vegan.

Ich habe diese Rechtfertigungen satt die GesprächspartnerInnen gern anfangen, sobald sie sich vor mir ein Steak bestellen. Ich sehe genau, ob ihr tatsächlich ernsthaft darüber nachdenkt, oder einfach nur gut dastehen wollt. Warum fühlt ihr euch schlecht? Müsst ihr mir gerade etwas beweisen, oder versucht ihr gerade eurem eigenen Gewissen gut zu zusprechen?

Schaut über den Tellerrand, beschäftigt euch auch mit anderen Meinungen, brüllt unsere Generation gern und ich kann da nur mit einstimmen. Aber können wir bitte beim Essen einfach bei unserem Gericht bleiben? Mit vollem Mund spricht man sowieso nicht.
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10 COMMENTS
Pauline

Hey Katja,
ich finde es super wichtig und gut, dass du auf diese Weise mal das Thema angesprochen hast und von deiner Situation berichtet hast. Ich ernähre mich eigentlich ähnlich wie du – wenn möglich vegan, aber wenn es mal nicht passt oder der Appetit zu groß ist nur vegetarisch.
Ich muss allerdings sagen, dass ich ziemlich gerne über das Thema rede. Auch mit meinen Tischnachbarn die Fleisch essen. Ich stoße sie gerne dazu an mal von meinem „veganen Klops“ zu probieren oder erzähle warum ich das mache.
Denn leider ist es auch oft so, dass viele Meschen von alleine nicht über das Thema nachdenken. Wäre eine Freundin aus der Schule nicht vegetarierin geworden und hätte mich dadurch auf das Thema gebracht, hätte ich mich nie damit beschäftigt. Denn leider ist es einfach zu „normal“ und man isst ohne darüber nachzudenken (zumindest wenn man sich noch nie damit beschäftigt hat)
Aber ich kann auch voll verstehen, dass das manchmal ein sehr anstrengendes und nerviges Thema ist… vor allem mit manchen Menschen…

Liebste Grüße
Pauline <3

https://mind-wanderer.com/category/food/

Lisa

Ein sehr schöner Text! Ich halte das so ähnlich wie du, kein Fleisch, kein Fisch, keine Milch, aber Käse ab und zu und Eier, wenn ich weiß, wo sie herkommen (vom Nachbarn). Zum Glück musste ich mich dafür noch nie rechtfertigen bzw. habe ich noch kein Gespräch – so wie du jetzt – erlebt. Ich bin einfach der Ansicht, dass es niemanden angeht, was ich esse und wie viel, und ich finde diese ständige Kritik an verschiedenen Ernährungsweisen nur noch anstrengend. Vielleicht sollten wir bei diesem Thema einfach mal nicht so weit über den Tellerrand gucken.😜

Franzi

Mal wieder sprichst du mir total aus der Seele. In der Hinsicht haben wir viel gemeinsam und ich habe diese elendigen Diskussionen und Rechtfertigereien auch satt. Mein Freund und ich leben zu Hause im privaten auch vegan. Aber wenn wir mal ausgehen weichen wir auf vegetarisch aus. Man muss es mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren und das ist das wichtigste. Und Fakten sind nunmal Fakten (im Sinne von Fleisch-, Milch-, und Eiindustrie)
Liebe Grüße!

Mmametsi

Hej Katja,
sehr gelungener Text! Mich nervt es auch immer total, wenn Menschen es nicht aushalten, dass sie Fleisch/Tierprodukte essen und man selbst nicht. Meistens kennen sie ja sogar die Moralischkeit (?) der Tierprodukte und deren Folgen, schlecht fühlen würde ich mich dann auch. Das ständige Gefrage und Einmischen, ist auch super nervig, am Schlimmsten finde ich aber wirklich die Vorurteile. Ich kaufe keine Tierprodukte und trotzdem bekomme ich alle meine Nährstoffe und bin mit meinem Essen glücklicher als je zuvor. Die Leuts sollen sich einfach um ihre eigenen Probleme kümmern und sich nicht aus Schutz vor Kritik und Selbstzweifeln an den Gewohnheiten anderer aufreiben. Ich kann auch ein wenig verstehen, woher die Fragen kommen, warum man denn im Restaurant mal ein Ei isst. Schließlich passt es ja eigentlich nicht ganz rein. Manchmal denke ich mir, dass ich/du einfach nur allergisch darauf reagieren, weil es uns selbst ein wenig stört, dass wir nicht so konsequent sind, wie wir es manchmal wollen (so ist es zumindest bei mir). Ich hätte damals wahrscheinlich sogar dasselbe gefragt.
Auf der anderen Seite hat das ganze Gefrage ja auch was positives. Viele sind ja aufrichtig interessiert an Veganismus etc. und wollen wirklich neues lernen, dem ist ja absolut nichts entgegenzusetzen, im Gegenteil. Ich habe total viel Freude daran, mit Menschen darüber zu reden und sich auszutauschen.
Es ist wunderbar, dass sich die Essensgewohnheiten verändern, aber ein bisschen Umbequemlichkeit ist doch bei solch einem Wandel unumgänglich, oder nicht?
In der Hoffnung, dass dir dieser Kommentar nicht zu blöde ist,
Mmametsi

Jessica

Oh mit dem Text triffst du bei mir genau den richtigen Nerv! Ich war einige Jahre Vegan und hab mich wie der schlechteste Mensch der Welt gefühlt, als ich beschlossen hab ab und zu wieder Käse und Eier zu essen! Dieses Labeln hat mich selbst irgendwann so sehr gestört! Ist doch egal was ich (und andere) esse und wie und wie viel, warum wird daraus so ein Thema gemacht? Bzw warum identifizieren wir uns so sehr über unser Essverhalten? Klar kann man vom Essverhalten auch ein Stück weit ableiten wie die Person denken/leben könnte und welche Einstellungen sie hat, aber ich hab schon genug Veganer/Vegetarier kennen gelernt, die ganz anders gedacht haben als ich, was für eine Überraschung 😀 aber irgendwie scheint das Essverhalten wie eine Charaktereigenschaft geworden zu sein: ich bin kreativ, neugierig, ungeduldig und vegetarisch? Wow. Ich möchte mich einfach nicht mehr über die Dinge definieren, die meinen Körper ausmachen (wie Essen, Sport usw.) sondern eher über die Dinge, die meinen Charakter und meine Person ausmachen! Und da würde ich eher sagen: ich bin ein Mensch der sich darüber Gedanken macht, was ich konsumiere…

Jecky

Ich finde es klasse wie du die sache angehst. Ich habe ähnlich angefangen wie du, heute lebe ich seit 5 Jahren Vegan ohne ausnahmen. Ich sage immer es bringt nichts mit den Fingern auf andere Leute zu zeigen. Man muss es ihnen nur schmakhaft machen. Auf Diskusionen lasse ich mich nicht mehr ein.
Die Leute wollen so viel aber selbst etwas dafür zu unternehmen möchten sie nicht. Sie verurteilen lieber die, die es rischtig machen.
Schade aber leider wahr.

Ganz liebe grüße 🙂

Michelle

toller Beitrag! Mir geht es genauso…ich lebe seit ungefähr 8 Jahren vegetarisch (teilweise auch vegan) und werde von Verwandten beim Grillen immer noch komisch angeschaut da kein Fleisch auf meinem Teller liegt

Alison

Interessant mal wieder, dass alle Kommentare von Vegetariern/ Veganern kommen (auch dieser). Ich hab sehr viel Empathie für deine Worte, aber diese Dinge werden immer nur von Menschen gehört, die sich ohnehin selbst schon damit befassen.

Jill

Ich bin seit 5 Jahren Vegetarierin und musste mich letzten Sonntag wieder rechtfertigen, warum ich solch ein Essverhalten hab. Der gegenüber meinte jedoch mit Argumenten wie: „man benötigt die Proteine für den Körper“, „die Menschen konnten damals nur wegen des Fleisches überleben“ oder „manche Tiere müssen einfach geschlachtet werden, dafür sind sie da“ mich von
dem Fleischkonsum zu überzeugen. Dass ich mich vegetarisch wegen den Tieren zu Liebe ernähre, konnte er jedoch nicht verstehen. Ich bin es satt mich ständig dafür rechtzufertigen. Ich akzeptiere es, wenn man Fleisch ist, aber da erwarte ich ebenso für mein Essverhalten Toleranz.
liebe grüße!

Lena

Oh hi, wow richtig gute Worte gefunden. Ich verstehe es ebenso nicht, warum man ständig über das Essverhalten diskutieren muss. Ich sage es gleich und direkt ich ernähre mich nicht vegetarisch und vegan, habe dafür aber auch wie jeder einfach seine Gründe und muss mich deswegen nicht verurteilen lassen. Und das ist das größte Problem, dass unsere Gesellschaft hat: man urteilt sofort oder steckt jemanden in eine Schublade ohne sich darüber Gedanken zu machen. Kaum verzichte ich auf Plastik, bin ich die größte Ökotussi, die hier rum läuft. Aber was solls, jeder hat seine eigene Vorstellung zu leben und das sollte verdammt nochmal toleriert werden.
Liebe Grüße
Lena

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