Dez
01
17

Rette mich doch jemand vor mir selbst.

Noch ein Glas Wein mehr, ich bin wieder im dunkeln nach Hause gelaufen und habe versucht die Haustür hinter mir möglichst leise zu schließen, um niemanden aufzuwecken. Es wäre doch eine Schande, wenn sie wegen mir Gleichgesinnte werden und mit offenen Augen durch die Dunkelheit an die Decke über ihren warmen Betten starren und keine Ruhe finden.
Also bemühe ich mich wie ein kleiner Perfektionist darum leise zu sein, um den Schlaf der Anderen nicht auch zu stören, setze mich in die dunkle Küche, schenke mir noch ein Glas ein und schreibe ein paar Zeilen. So, wie man sich das bei einem der großen Schriftsteller vorstellt, wenn man sie vor seinem inneren Auge dabei sieht, wie sie traurig versuchen die richtigen Worte zu finden, Seiten herausreißen, Sätze durchstreichen und dann später mit zusammengefalteten Händen über dem Kopf zusammensinken.

Noch ein Schluck Wein für mich, es wird schon besser werden, meine Handschrift wird immer verschmierter und Sinn ergeben meine Worte schon seit einer Weile keinen mehr, also beschließe ich es lieber morgen noch einmal zu versuchen, tapse diesmal unabsichtlich etwas lauter in das Bad, stoße mir noch fluchend den Zeh an dieser blöden Kante unter der Tür und falle nach einer kurzen Katzenwäsche erschöpft ins Bett.
Die dunkle Decke über meinem Zufluchtsort dreht sich schon ein bisschen, ich liege dort im Kalten, eingewickelt nur in ein dunkles Tuch, während ich die Wand über mir mit weit aufgerissenen Augen durch die Dunkelheit anstarre und mich überkommt jenes Schicksal, was ich den Leuten durch meine leisen tapsigen Schritte ersparen wollte.

Mein Kopf macht mich fertig und meine Gedanken bringen mich zur Verzweiflung, während ich versuche das Zeitlimit von 15 Minuten hinter mich zu bringen, um endlich einschlafen zu können. Bringt alles nichts, die Decke dreht sich weiter, die Gedanken kreisen um alles und nichts und ich versinke immer weiter in dem Strudel, meine Hand weit nach oben ausgestreckt, aber keiner kommt und greift sie, niemand bietet sich als Retter an.
So geht das eine Weile, Tränen laufen mir über die Wangen, dieser Lärm soll endlich aufhören. Mir ist schwindelig, ich will schlafen und bis morgen meine Ruhe von dem Leben haben, bis ich die Augen wieder öffnen muss, um über alles nachzudenken, Entscheidungen gegenüberstehe die getroffen werden wollen und die glückliche Fassade aufrecht erhalten werden muss. Ich denke an die Menschen die ich enttäusche, Freunde die mir nahestehen und an dich, dem ich das Herz gebrochen habe. Alles bewegt sich in diesem Strudel über mir, einzelne Gesichter schauen heraus, als würden sie anklagend mit dem Finger auf mich zeigen. Keine Hilfe, nur Einsamkeit und Unverständnis.

Benommen von den Tränen, oder von dem Wein, wer weiß das schon und könnte das in diesem Stadium noch erkennen, klettere ich noch einmal aus dem Bett in die Küche, auf Zehenspitzen selbstverständlich, um später mit einer heißen Tasse Tee und einem Löffel Honig zurückzukehren, in der Hoffnung nach ein paar Schlucken endlich zur Ruhe zu kommen. Bis morgen, zumindest.

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8 COMMENTS
Marlena

Wow. Was für ein unglaublich toller Text. Wunderschön erzählt.

Sehr stimmungsvoll geschrieben. Du hast wirklich Talent!:)

Liebe Grüße,

Arunika von quarterlife.blog

Clara

Du bist wirklich so talentiert im schreiben – Mega schön!

Ich weiß nicht so recht, was ich auf diesen Text schreiben möchte und doch habe ich das Bedürfnis einen Kommentar zu verfassen. Viel lieber würde ich dich aber einfach mal in den Arm nehmen. Einfach so. Ich weiß nicht genau, was in deinem Kopf gerade vor geht oder warum oder was. Aber ich finde persönlich eine Umarmung macht alles für einen kleinen Augenblick einfacher..
Ich wünsche dir ganz viel Kraft bei was auch immer du gerade durchstehst Katja!

Und auch wenn es gerade nicht so in die Stimmung passt wollte ich dir noch sagen, dass ich mich sehr freuen würde, wenn du die Zeit findest bei meinem letzten Beitrag:

https://mind-wanderer.com/2017/11/29/denk-erstmal-nach-unsere-konsumwelt/

vorbei zu schauen. Dort habe ich zum ersten mal meine Gedankenwelt zu unserem Konsum in einen Text gepackt und du hast mich maßgeblich zum überdenken und umdenken angeregt. Auch wenn ich früher schon mal darüber nachgedacht habe, warst du es doch, die mir richtig vor Augen geführt hat was für ein Schwachsinn das alles ist, wodurch ich letztendlich auch etwas an meinem eigenen Verhalten und meiner Einstellung geändert habe.
Darüber bin ich unglaublich froh, auch wenn ich noch nicht weiß, wohin es mich führt 🙂 Danke!

Liebe Grüße
Pauline <3

Danke <3
Ich habe deinen Beitrag gerade gelesen und freue mich, dass du dir auch Gedanken um deinen Konsum machst und deine LeserInnen dazu anregen möchtest. Auf jeden Fall ganz viel Erfolg dabei 🙂
Liebst, Katja

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