Jun
28
18

Sie saß mit ihrem Handy in der Hand auf dem Boden, während ihr der Schmerz der letzten Tage über die Wangen lief. Irgendetwas schien in ihr zerbrochen zu sein, es hatte sich wie eine Flut in ihr aufgebäumt und alles was noch übrig war mitgerissen.
Jetzt saß sie auf dem kühlen Holz direkt hinter der Tür, die sie mit letzter Kraft zugezogen hatte und blickte krampfhaft auf den flimmernden Bildschirm vor ihren Augen. Ihr rechter Daumen ließ verschiedene Anzeigen und Postings an ihr vorbeiziehen. „So habe ich es geschafft bewusster zu leben.“, stand da zwischen der neuen Sportleggins und dem Dankbarkeitstagebuch.

Ein weiterer kleiner Wassertropfen fiel ihr auf die Wange, während sie versuchte ihren Daumen immer schneller zu bewegen und durch die verschwommene Sicht noch ein paar Worte mehr zu erkennen. Sie wollte sich ablenken, nicht mit ihren eigenen Problemen beschäftigen und für einen Moment in dem Sog der perfekten Leben der Anderen verlieren.
Manchmal schien es ihr, als würde die gesamte Menschheit nur noch aus Selbstoptimierung bestehen. Tägliches Training für die gute Figur, gesundes Essen für ein ausgeglichenes Leben, Meditieren nicht vergessen, dabei nachhaltig einkaufen und am besten auch noch Freunde und Familie mit dem eigenen Glück anstecken. Alles sehnte sich danach noch perfekter und besser zu leben, jede noch so kleine Figur in diesem Spiel war sich selbst nicht genug.

Genau wie sie. Weshalb sie jetzt weinend in ihrem Zimmer saß und erschöpft feststellte, dass ihr auch ein weiterer Ratgeber nicht zum eigenen Selbstwertgefühl verhelfen konnte. Irgendwo hatte sie sich zwischen ihren Blicken nach links und rechts verloren und die eigenen Mitte nicht wiedergefunden.
Sie fühlte sich lächerlich, wenn sie daran dachte, dass sie nicht einmal in Ruhe einkaufen gehen konnte, ohne sofort nervös zu werden. Sie fühlte sich unwohl, wenn sie in der Einkaufsschlange stand und wich den Blicken anderer Menschen aus. Die schlimmste Situation für sie entstand, wenn sie unverhofft von jemanden angesprochen wurde und eine Antwort von ihr verlangt wurde.
Erst kürzlich unternahm sie einen kleinen Spaziergang durch den Park um die Ecke und zuckte zusammen, als eine ältere Dame sie stoppte und nach dem Weg zum Bahnhof fragte.

Das Problem war, dass sie sich selbst einfach nicht genug war. Sie hatte nicht das Selbstvertrauen, um an sich zu glauben und keine ihrer Ängste war größer, als die vor dem Scheitern. Schon damals in der Schule, bekam sie halbe Nervenzusammenbrüche, wenn sie einen Vortrag vor versammelter Klasse halten sollte.
Und wenn sie wieder verzweifelt hinter ihrer Tür saß und ihr Blick wie der einer Verrückten über den flimmernden Bildschirm flog, machte das alles nur schlimmer. Sie fühlte sich wertlos zwischen den Postings von Menschen die in ihren Augen etwas erreicht hatten und fragte sich, worin ihre Existenz bestand.

Sie war ein durchschnittlicher Durchschnittsmensch. Wie von ihren Eltern vorgeschrieben besuchte sie erst die Schule, nahm sich dann ein Jahr Zeit für sich und beschloss kurz darauf an die Uni zu gehen. Dort wechselte sie nach zwei Jahren den Studiengang, machte eines Tages ihren Bachelor und versuchte jetzt herauszufinden, wie es weitergehen sollte. Sie war nie besonders gut, aber auch nie besonders schlecht gewesen.
Vielleicht war es diese Tatsache, die sie immer wieder wertlos fühlen lies – im Gegensatz zu den perfekten Bildern die sie jeden Tag sah, war sie nur der Durchschnitt. Ohne besondere Fähigkeit sich selbst zu präsentieren, ohne ein größeres künstlerisches Talent, ohne jeden Morgen voller Motivation in den Tag zu starten, oder ein Workout vor dem Frühstück zu erledigen. Sie war einfach nur da und lebte.

Dieses besondere Gefühl, Achtsamkeit, unbeschreibliches Glück, wie auch immer es umschrieben wurde, stellte sich bei ihr selten ein. Nicht, weil sie unzufrieden wäre, einfach weil sie diese Momente für sich genoss und mit niemandem teilen musste. Sie führte ein gutes Leben und sehnte sich trotzdem wie der Rest der Gesellschaft nach mehr, ohne sich zufriedengeben zu können.
Das Streben nach einem Sinn und einer Art Selbstwertgefühl, vielleicht auch nach Anerkennung, ließen sie eines Tages aufstehen, um die Tür und ihre Tränen hinter sich zu lassen. Sie wischte sich ihre Verzweiflung aus dem Gesicht, hielt den flimmernden Bildschirm direkt vor ihre Augen und zwang sich zu einem lächeln. Es wurde ihr erster Post in der perfekten Welt, welche sie sich sonst nur von Weitem über ihr Handy angeschaut hatte.

Was sie noch nicht wusste war, dass sie in ein paar Jahren erfolgreich sein würde. Fremde Menschen würden ihr jeden Tag schreiben, was für eine tolle und motivierende Person sie sei, während sie ihnen täglich ein perfektes Bild vorspielte. Sie schrieb von ihren großen Träumen, davon wie sie für ihre Ziele kämpft und gab Ratschläge für ein besseres Leben. Jeden Tag lud sie ein neues Foto in die Weite des Internet und wartete auf Bestätigung. Als würden ihr Likes den Zuspruch geben, den sie so verzweifelt suchte.
Manchmal würde sie nach Hause kommen, mit Tränen in den Augen und sich mit letzter Kraft vor die Tür in ihrem Zimmer setzen. Sie würde sich wertlos vorkommen. Mit der Sinnlosigkeit ihres Daseins würde sie sich fragen, worin ihre Aufgabe bestand und sich dabei selbst nicht genug sein. Sie würde sich zurückwünschen in die Zeit, als sie noch vor ihrer Tür saß und das Schauspiel nur aus sicherer Entfernung betrachtete, weil sie sich damals noch nicht selbst angelogen hatte.

Ein wichtiger Grund für den Erfolg im Internet ist das Streben nach Perfektion. Die Masse möchte sich am Abend nicht auch noch damit befassen, dass es anderen Menschen ebenfalls schlecht geht, sie möchten Träume vorgelebt bekommen. Für einen Moment abschalten und sich in eine perfekte Welt wünschen. Dabei wird nur eine Sache immer wieder vergessen: Jedes Leben hat Höhen und Tiefen, das Letztere wird nur gern in der digitalen Welt ausradiert, als wäre es nie vorhanden gewesen und jeder Mensch fühlt sich manchmal leer und wertlos. Daran ändern weder Likes noch Ratgeber etwas, dafür müssen wir uns auch nicht selbst ständig optimieren.

Wann fangen wir endlich wieder damit an uns selbst zu schätzen wie wir sind, ohne ständig etwas daran ändern zu wollen? Warum können wir nicht einfach auch einmal genießen, anstatt mit einem Fuß schon wieder auf dem Weg zum nächsten Ziel zu sein?

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3 COMMENTS
Malvine

Sehr sehr guter Text! Habe mich in deinen Worten sehr wiedererkannt. Mit dem Thema habe ich mich in der letzten Zeit sehr viel beschäftigt. Ich bin auf folgendes Zitat gestoßen, was ich an dieser Stelle ganz passend finde: „They told me I have to find my way, my future, my place in this world. But I don’t have to find anything, because I am already everything that I could be.“

Das ist wirklich ein ganz wunderbares Zitat <3

Pauline Schirmer

So ein schöner und trauriger Text Katja und in deinen letzten Zeilen und den Fragen an uns selbst, kann ich mich teilweise so wiedererkennen… Perfektionismus ist leider ein sehr großes Problem für mich. Nicht mal unbedingt weil ich so „gut, toll, schön, perfekt“ sein will, wie die Menschen im Internet. Sondern eher, weil meine eigenen Ansprüche an mich selbst so hoch sind.
Ich habe einen Plan, eine Idee, eine Vorstellung und so möchte ich es umsetzen und so soll es werden. Das das im wahren Leben nicht funktioniert, weil ich keine Maschine bin, weil ich zwischendurch auch noch anderes machen möchte, weil ich nicht genug Kraft habe, weil der Tag nun mal nur 24 Stunden hat. Und das fällt mir ziemlich schwer zu akzeptieren…
Darüber habe ich auch schon einen Text geschrieben:
https://mind-wanderer.com/2018/06/21/no-time/
Vielleicht hast du ja Lust mal drüber zu lesen 🙂

Liebste Grüße
Pauline <3

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