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        Was macht es mit einem Menschen, wenn er dieses eine Erlebnis von damals seit Jahren mit sich führt und niemandem darüber erzählt? Was macht es mit ihm, wenn er sich beim Gedanken daran schämt und sich selbst nicht wieder erkennt? Wenn er diesen einen Moment in der hintersten Ecke seines Kopfes versteckt und sich immer wieder einredet, dass er zu jung war um zu begreifen?

        Ich war damals vielleicht gerade 15 geworden, als ich mit angezogenen Beinen auf dem Fußboden einer fremden Wohnung saß und nicht mehr weiter wusste. Ein Telefon wurde mir in die Hand gereicht und am anderen Ende hörte ich die wütende Stimme meiner Mama. Tränen liefen mir über die Augen, denn ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Ich war genauso wütend und enttäuscht von mir selbst.
        Und trotz aller Geschehnisse und dieser Wut war ich froh, dass nach kurzer Zeit die Türklingel läutete und meine Mama mich trotzdem abholte. Ich wusste genau was sie fühlte. Diese Enttäuschung von einem Menschen den man sehr liebt und gleichzeitig das Bedürfnis ihm trotzdem zu helfen. Weil man nicht anders kann. Weil man immer noch den Beschützerinstinkt fühlt. Und weil es seine Pflicht ist.

        Als ich die fremde Wohnung verließ und die Autotüren mit einem lauten Knall hinter uns zufielen, herrschte großes Schweigen zwischen uns. Bis sie mich fragte: „Warum?“ Ich wollte ihr alles erklären. Ich wollte ihr die gesamte Geschichte erzählen und diese unangenehme Situation endlich auflösen. Aber ich konnte nicht. Denn ich wusste selbst keine Antwort auf diese einfache Frage.
        Kurze Zeit später saßen wir im Wartezimmer einer Arztpraxis und nachdem mein Name aufgerufen wurde lief ich mit zitternden Beinen den Gang entlang bis zu dem Zimmer. Das Zimmer war das Schlimmste für mich. Ihr müsst verstehen, ich war 15. Schon in der Tür verängstigte mich dieses grelle leuchtende Licht des Arztzimmers und während mein Blick über einen Schreibtisch flog konnte ich es nicht mehr ausblenden. Ich hatte Mist gebaut.

        In der linken Ecke stand er, unschuldig und klein. Einer von diesen Stühlen auf denen man nicht sitzen möchte, einer von diesen Stühlen vor denen man Angst hat, einer von diesen Stühlen der mir noch völlig unbekannt war.
        Die Stimme der Ärztin riss mich aus meinen Gedanken und ich war wirklich froh ihre beruhigende, weibliche Stimme zu hören. Auch wenn ihr Satz lautete, dass ich mich auf den Stuhl begeben sollte.
        Also setzte ich mich und lies eine fremde Frau an eine meiner intimsten Stellen blicken. Immer wieder sagte sie zu mir, dass ich mich entspannen muss damit sie arbeiten kann, aber verdammt ich konnte nicht! Ich weiß nicht mehr welche Gedanken mir damals durch den Kopf gingen, aber ich weiß auf jeden Fall noch wie froh ich war endlich wieder meine Hose anzuziehen.

        Nach dem Besuch der Ärztin folgte ein kurzer Besuch in der Apotheke und dann lag sie vor mir auf dem Küchentisch. Die Pille Danach. Meine Mama schenkte mir einen letzten Blick und verließ das Zimmer. Zurück blieben nur ich und dieses runde kleine Ding.
        Ich rede nicht gern darüber und nur wenige Menschen aus meinem Leben wissen überhaupt davon. Weil ich mir diese Tatsache, dieses Gefühl versagt zu haben selbst nicht gern eingestehe. Weil ich dieses Erlebnis im hintersten Winkel meines Kopfes verstecke und am liebsten nie wieder anrühren würde. Weggeschoben. Vergessen.

        Was macht es mit einem Menschen, wenn er dieses eine Erlebnis von damals seit Jahren mit sich führt und niemandem darüber erzählt? Was macht es mit ihm, wenn er sich beim Gedanken daran schämt und sich
        selbst nicht wieder erkennt? Wenn er diesen einen Moment in der hintersten Ecke seines Kopfes versteckt und sich immer wieder einredet, dass er zu jung war um zu begreifen?


        Ich nahm die Pille Danach am Ende ohne groß darüber nachzudenken. Ich war jung, ich war verängstigt, ich fühlte mich wie ein Versager und ich wusste nicht, dass die kleine Pille kein Lebewesen tötet, sondern einfach nur den Eisprung verschiebt und dadurch eine ungewollte Schwangerschaft verhindert. Und im Endeffekt zählte für mich nur das – nicht schwanger zu werden. Ich dachte gar nicht darüber nach, dass ich diese Tat vielleicht später einmal bereuen könnte. Ich wollte einfach raus aus dieser Situation. Ich schlucke Selbstzweifel, Angst und Pille Danach einfach mit einem großen Schluck Wasser hinunter und hoffte nie wieder einen Gedanken daran verschwenden zu müssen.
        Es war wie ein innerliches Zusammenzucken, ein innerliches Aufwachen, als ich vor einigen Wochen in mein Mailfach blickte und nach einer Kooperation für die Pille Danach und eine zugehörige Kampagne gefragt wurde. Denn ich hatte es tatsächlich geschafft dieses Kapitel zu schließen und wegzusperren. Ich hatte es geschafft diese dunkle Zeit aus meinem Kopf zu verbannen.

        Als die Gedanken jedoch alle wieder hochkamen, begann ich mich damit auseinanderzusetzen. Ich dachte lange darüber nach, wie es mir heute geht, wie ich heute über die damaligen Geschehnisse denke und ob ich diesen einen großen Schluck bereue. Und ganz ehrlich? Ich schäme mich immer noch. Ich bin immer noch wütend auf mich selbst, ich bin immer noch enttäuscht und ich glaube diese Mail hat mir richtig gut getan – denn ich bereue meine damalige Entscheidung nicht.
        Nur wenn ich es will heißt die Kampagne und genau darum geht es doch.
        Ich will nur angefasst werden, wenn ich es auch wirklich will.
        Ich will nur Sex haben, wenn ich es auch wirklich will.

        Und ich will nur schwanger werden, wenn ich es auch wirklich will.

        Aus heutiger Sicht denke ich mir: Unfälle passieren. Daran kannst du nichts ändern, auch wenn du vorsichtiger gewesen wärst. Ich hätte mir damals gern etwas mehr Verständnis für mich selbst gewünscht, mehr Reife und vor allem mehr Alter. Um das Ganze auch zu verstehen und nicht einfach als dunklen Teil meines Lebens aus meinem Kopf zu sperren.
        Ich kann nicht mehr genau sagen, welche Umstände mich damals dazu brachten alles verdrängen zu wollen und die Pille Danach zu schlucken. Aber ich bin glücklich mit dieser Entscheidung.

        Ich schäme mich immer noch etwas, aber trotzdem schreibe ich diesen Beitrag und stelle mich selbstbewusst hinter meine Taten. Denn irgendwann muss auch ich mit diesem Fehler abschließen und ich denke das kann ich am besten, wenn ich euch darüber berichte und ermutige selbstbestimmt zu handeln.
        „Ich bin der Mensch mit dem Ich am längsten leben muss und deshalb sollte Ich auch immer machen was Ich für gut befinde.“ Diesen Satz schrieb eine Leserin unter einem meiner älteren Beiträge und er ist mir seitdem nicht aus dem Kopf gegangen. Er sagt so vieles von dem was ich in letzter Zeit empfinde und mit euch teilen möchte.
        Vielleicht war ich damals zu jung um alles zu verstehen und begreifen, aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Und das nächste Mal weiß ich, dass Unfälle passieren und ich mit erhobenem Kopf in die Apotheke gehen kann – weil ich es will.

        Ich habe gelernt selbstbewusst hinter mir zu stehen und weiß mittlerweile wie wichtig es ist, dass dieses Thema nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte wie ich es getan habe. Denn wie gesagt, Unfälle passieren, dafür kann man nichts. Man kann allerdings etwas für den Umgang mit der Situation. Wir sollten mehr darüber reden, mehr Verständnis zeigen und endlich damit anfangen stolz und selbstbestimmt zu handeln. Genau das, was ich damals auch getan habe. Mir war es bloß nicht bewusst.

        Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Zusammenarbeit von der Kampagne #nurwennicheswill. Ich bedanke mich dafür ein Teil dieser Kampagne zu sein, denn sie hat auch mir geholfen mit der
        Situation besser umzugehen. Sie ist außerdem auch eine der ersten Kooperationen die ich nach meinem Ausstieg und den Spenden annehme, weshalb ich mich freue über solch ein persönliches und ernstes Thema
        schreiben zu dürfen. Authentisch zu bleiben. Ich hoffe, dass ich auch euch damit erreichen konnte und würde mich über eure Meinung freuen – über die Art der Kooperation, das Thema der Kooperation und natürlich
        eure persönlichen Erfahrungen zur Pille Danach und der Selbstbestimmtheit. Weitere Informationen über die Pille Danach findet ihr hier




        27 COMMENTS

        Toller und sehr aufrichtiger Beitrag! Deine Texte klingen immer lange nach und sind für das Leben total inspirierend. <3
        Danke und allerliebste Grüße,
        Franzi

        Dein Post hat mich daran erinnert, wie ich das selbe mit meinem Vater durchmachen musste, als ich mit 17 Angst hatte schwanger zu sein und die Pille danach brauchte. Er hat mich so enttäuschend angeschaut und auch mein 1. Freund schaute mich anders an. Genau wie du es sagt…man ist mit der Situation nicht vertraut, hat Angst und Fehler passieren. Toll geschrieben!!

        Ich hoffe es ist alles wieder gut bei euch!

        Liebe Katja,
        auch ich war schon mal in dieser Situation und ich finde, es ist nichts, wofür man oder speziell Frau sich schämen müsste. Finde es gut, dass du damit ein wenig „Frieden“ schliessen konntest. Vielleicht hilft dein Beitrag auch noch amderen Menschen, sich dafür nicht so sehr zu stressen.
        Ich umarme dich. ❤

        Ich bin gerade über zig Umwege (einer davon zu deinem Online-Shop – ich freu mich auf mein Päckchen) auf deinem Blog gelandet und kann gar nicht aufhören, deine Beiträge zu lesen. Vor allem dieser hier hat mich sehr berührt, weil ich in haargenau der gleichen Situation war, aber all die Gefühle, die du hier beschreibst, schon fast vergessen hatte. Du hast meinen größten Respekt für deine Offenheit und Ehrlichkeit – und dafür, dass du es schaffst, Menschen mit deinen Texten so sehr zu berühren. Mach weiter so!
        Liebe Grüße, Nina

        Deep toughts, thanks a loooot. #sayhej

        Ich habe schon viele deiner Blogposts gelesen und muss sagen das hier gefällt mir am besten. Die Ehrlichkeit, mit der du jedes Mal schreibst, macht es so viel einfacher zu verstehen und auch mal anders zu denken. Es regt zum nachdenken an.
        Ich bin immer wieder erstaunt darüber wie es nie langweilig wird hier auf deinem Blog zu sein.
        Dein Eintrag könnte vielen Menschen helfen mit Dingen aus der Vergangenheit besser klarzukommen und Frieden mit sich selbst zu schließen. Schweigen kann nämlich große Schäden anrichten..
        Du bist mir eine echt große Inspiration und wann auch immer ich mal eine Blockade zu haben scheine komme ich einfach hierher und schon fließen die Worte auf Papier. Ich danke dir!
        #sayhej

        Danke, das bedeutet mir wirklich viel. Und nein, langweilig wird es bei mir (hoffentlich) nie 🙂
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        Ich finde es inspirierend wie ehrlich und echt du bist. Bitte bleib dir immer treu! #sayhej

        Danke dir 🙂
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        Ich denke es ist eine starke Leistung über ein Thema, das einen schon lange beschäftigt und mit welchem man auch lange noch nicht abgeschlossen hat zu schreiben. Deine Worte sind einfühlsam und passend gewählt, was mich immerwieder überwältigt 🙂 Definitiv eine gute Campagne mit richtiger und wichtiger (meiner Meinung nach) die du dir ausgewählt hast! Ich sehe das Selbstbestimmungsrecht wie du und bin daher der Pille Danach auf keinen Fall abgeneigt, da jeder für seinen Körper entscheiden darf.

        #sayhej Ich habe vor einiger Zeit, bzw. schleichend und immer bewusster mein Lebensbewusstsein „umgestellt“ oder „aktiviert“ und da mir noch Kosmetikprodukte für diese Umstellung fehlen, bin ich sehr angetan von den #hejorganic Produkten und würde diese gerne testen.
        PS.: Mache weiter so, zieh dein Ding durch und ich liieeeebe deinen Schreibstil ! (E-Mail: leamarie.diringshoff@gmx.de)

        Ich hatte ehrlich gesagt schon abgeschlossen, nur auf die falsche Art und Weise. Und ja, die Kampagne hat mir wirklich geholfen 🙂
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        Hey. 🙂
        Ich mag deinen Schreibstil. Man sieht direkt die Bilder vor seinen Augen und hat das Gefühl selbst dabei zu sein. Ich finde es mutig über das Thema zusprechen.
        #sayhej

        Dankeschön <3
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        Wow… das hat mich echt zum nachdenken gebracht! Ein wunderbarer Text der bei mir peröhnlich echt unter die Haut ging, da ich so etwas ähnliches auch erlebt habe… Danke… jetzt habe ich das Gefühl nicht mehr alleine zu sein… mit diesen Gedanken und Gefühlen. 🙂

        Genau das wollte ich erreichen, danke <3

        Woah, toller Blogeintrag! Ich finde es gut, wie du schwierige Themen ansprichst, sie mit Worten umpackst, es lässt sich einfach gut lesen. Mach weiter so! 🙂 #sayhej ( email: tine@immoweisel.de )

        Auf jeden Fall und danke 🙂
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        Ui, was für ein toller und authentischer Text! Ich finde es wirklich bemerkenswert wie offen du über dieses Thema sprichst. Klasse, dass du diese Kampagne unterstützt!
        Liebe Grüße und mach weiter so!
        Anna
        P.S #hejorganic

        Danke dir so sehr!
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        Liebe Katja,
        Was fr ein toller und mal so ganz anderer Artikel. Zumindest vom Thema her, denn auch sonst habe ich das gefühl, dass dein Geschriebenes total ECHT und authentisch ist.
        Gerade, dass du dieses Thema ansprichst und deine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse offen in die Netzwelt hinausträgst zeugt von ganz viel Mut und ich habe gemerkt, dass dir dieses Thema sehr am Herzen liegt!
        Toll, dass es so eine Kampagne gibt und du sie unterstützt, da du (denke ich) hauptsächlich Mädchen erreichst, hier auf deinem Blog, und jeder wissen sollte, dass es nichts verwerfliches ist oder man sich sogar schämen müsste.
        Mach weiter so und denk immer dran, das zu tun was dir gut tut und dich in der Situation glücklich macht. Ich mag das Motto ,,Do whatever is good for your soul“ sehr schön 🙂
        Freue mich schon auf weitere Beiträge! Liebste Grüße aus Hamburg
        Paula
        Ps. Wo ich schon dabei bin vonwegen ,,tu das, was dir gut tut“, ich wäre sehr interessiert die #hejorganic Produkte auszuprobieren, da ich auf tierversuchsfreie Kosmetik umstellen möchte aber bisher noch nicht das Richtige für mich gefunden habe. Vielleicht habe ich ja Glück 🙂

        Weil es das auch ist, ich könnte nie lügen 🙂
        Danke für deine Worte und ja, leider bin ich eher ein Mädchenblog (das ärgert mich manchmal sehr, aber was solls).
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        Was für ein wundervoller Post. So ermutigend und gefühlsvoll. Bei deinem Schreibstil hat man immer das Gefühl zu wissen, was du beim Schreiben gefühlt hast, obwohl das ganz sicher nicht möglich ist, wenn man nicht schon ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Ich bin sehr froh, dass ich mich noch nie in einer ähnlichen Situation befunden habe wie du und deswegen auch noch nie die Pille Danach schlucken wollte. Trotzdem finde ich es sehr wichtig, dass darüber so ehrlich und authentisch wie du es tust, informiert wird und finde es auch schön, dass du wieder Kooperationen annimmst, aber nur wenn du es willst 😀
        Wahnsinnig mutig von dir, dass du von diesem Erlebnis berichtet hast!

        Liebe Grüße
        Pauline <3

        http://www.mind-wanderer.com

        P.S: Ich würde mich riesig freuen das Pflegeset von hejorganic zu gewinnen, da ich meine Pflegeroutine gerne auf natürliche und nicht an Tieren getestete, vegane Produkte umstellen möchte und diese Pflege sehr vielversprechend aussieht 🙂 #sayhej #hejorganic mind-wanderer@gmx.de

        Ich hoffe natürlich, dass dir ähnliches nie passiert, aber wenn doch mal ein Fehler passiert, sollte man sich immerhin nicht dafür schämen und du weiß jetzt, was auf dich zukommen würde 🙂
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

        #hejorganic
        Toller blogpost mal wieder. Regt mich immer zum nachdenken an. Weiter so.

        Danke!
        Liebst, Katja
        PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

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