Feb
04
18

Nur eine Zahl

46,621, ich starre auf das Handydisplay, aktualisiere die Seite mit einem kurzem Wisch nach unten. 46,622 steht jetzt da und ich starre sie weiter an, diese Zahl nach der so viele Menschen zu streben scheinen, diese Zahl die mir Glück versprechen soll, Zufriedenheit, Anerkennung, Selbstbewusstsein und im besten Fall sogar einen Job.
46,623, manchmal frage ich mich bei der Auswertung sämtlicher Statistiken, wie mein Leben ohne diese Zahl aussehen würde. Ich wäre doch immer noch der gleiche Mensch, oder nicht?
Es ist die Tatsache die wir immer wieder verdrängen, weil wir Vorbilder suchen, Personen denen wir nacheifern können, weil ihr Leben eine perfekte Fassade ist die wir auch haben wollen. 46,624. Hinter jeder Zahl steckt nur ein Mensch.

Nur eine Zahl, rede ich mir immer wieder ein, kein Grund zur Sorge. Aber dann wurde ich das erste Mal wie etwas besonderes, besseres behandelt, wegen 46,625 Instagramfollowern. Dann hatte das erste Mal jemand Angst vor mir, vor der Zahl, dann brach das erste Mal eine Freundin den Kontakt ab, weil sie nicht mehr damit umgehen konnte, dann hörte ich das erste Mal die erstaunte Aussage: „Du bist ja ganz normal!“
Und aus diesen ersten Malen wurden mehrere Male und immer wieder fragte ich mich, was ich ohne diese 46,626 wäre. Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich es nicht täglich stundenlang wie eine neue Art der Realityshow für das Internet inszenieren würde, an welchem Punkt wäre ich jetzt?

46,627, sie hat mir so viel gegeben. Selbstbewusstsein vor allem, um mich weiter zu entwickeln, immer wieder aufmunternde Worte, um den Schmerz zu vergessen und auch immer wieder Kritik, um mich selbst zu hinterfragen. Sie hat mir Freundschaften geschenkt, Erfahrungen und mich vor allem unglaublich viel über mich selbst gelehrt.
Und trotzdem stehe ich hier voller Zweifel, weil die Realität immer ein kleines bisschen anders aussieht und viele meiner engsten FreundInnen nicht verstehen was ich hier mache, während Fremde auf einmal jeden Schritt von mir beurteilen wollen und weil mir die Füße geleckt werden, als wäre ich etwas besonderes und könnte mich selbst eine Stufe weiter höher stellen.

46,628 ist nur eine Zahl und sie wird weiter wachsen. Sie bestimmt nicht wer oder was ich bin, oder ob ich gutes oder schlechtes tue. An ihr wird man niemals einen Charakter messen können, niemanden beurteilen und nicht verurteilen, aber auf keinen Fall eine durchdachte Aussage über einen Menschen treffen.
Hinter jeder Zahl steckt nur ein Mensch mit Gefühlen der auch wie ein normaler Mensch behandelt werden möchte. Vergesst das nie.

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3 COMMENTS
Sarah

Ich verstehe diesen ganzen Follower-Kram sowieso nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass es gar nicht mehr um den Kontent geht, sondern nur noch um die größte Zahl und wenn man nicht mehr weiß, was man posten soll, legt man irgendeine Bodylotion, von der man semi-begeistert war auf ein weißes Bettuch und verkauft sie seinen Followern als Wundermittel. Im besten Falle springt noch eine Cooperation raus, um die Zahl noch weiter in die Höhe zu jagen. Das war alles ein bisschen überspitzt, aber ich glaube du weißt, was ich meine.
Ich zeige auf meinem Instagram meine fotografischen Arbeiten und habe nicht mal 100 Follower. Andere befüllen ihren Account mit verwackelten Handyselfies und haben 1000 Follower. Ansichten sind natürlich immer verschieden, aber das ist ein Punkt, den ich nicht verstehe. Das beobachte ich bei vielen Accounts. Die, die in meinen Augen wirklich was können, haben eine handvoll Follower, weiße Bettlaken hingegen 100.000+.
Wahrscheinlich bin ich ein bisschen vom Thema abgekommen, das tut mir leid, aber ich musste das mal loswerden.
Ich würde es wirklich interessant finden, wenn man gar nicht sehen würde, wie viele Abonnenten man selbst bzw. andere haben, denn ich erwische mich oft selbst dabei, dass ich mich und meine Bilder als „unwichtig“ und „nicht sehenswert“ abstempel, weil ich eben keine 10.000 Abonnenten habe. Vielleicht würde man sich durch so eine Funktion ein Stück weit mehr unnabhängig von Zahlen machen. Obwohl… Dann sind da ja noch die Likes…

Yvprysm.

Irgendwo haben wir uns einprügeln lassen, dass Followerzahlen der Maßstab sind den wir an alles anlegen müssen. An uns, unseren Charakter, die Freunde, die Kunst, das Essen, die Freiheit, das Reisen. Im Grunde unser ganzes Leben. Und was bleibt ist das schlechte Gefühl, wenn der Schnappschuss aus dem Urlaub oder die beste Freundin mit auf dem Bild keine Likes bekommt. Aber was sagt das aus? Was sagt diese ganzen Illusionen an Leben über den echten Menschen aus? Ich liebe was ich tue (Kunst) und hab mich früher immer gefragt, wieso gibt es Menschen die es „mega geil“ finden und hab trotzdem nur 2 oder 3 Stellage Follower zahlen. Um den Kommentar vor mir aufzugreifen und weiter zu denken. Die Masse ist dumm. Die Masse lässt sich leiten von vermeintlicher Schönheit, den als Wahrheit darstellen Impressionen und der aus den „besten“ Faktoren zusammen gebastelten Illusionen. Hinterfragt nicht mal, ob das wahr sein kann. Kauft blind nach, schminkt sich gleich, kleidet sich gleich. Und nach einem Jahr stehen sie vor dem Kleiderschrank und dem Spiegel und sehen nur eine Kopie einer Illusion eines Menschen. Wie schwachsinnig ist das denn? Ich imitiere nicht mal einen Menschen, woraus man noch etwas lernen könnte, sondern eine Hülle heiße Luft.
Wir können den ganzen digitalen Konsum weiter betreiben. Aber wir sollten dabei den Kopf anschalten.
Ähnliche Gedanken hab ich mal etwas lyrischer zusammen gefasst. Wenns ok ist, lass ich meinen Link mal da?

Melena

Hallöchen!
Ich denke das jeder, der diesen Eintrag gelesen hat, ein bisschen ins grübeln kam und mal drüber nachgedacht hat. Ich finde es sehr wichtig, das jeder sich mal Gedanken drüber machen sollte, was Soziale Medien mit einem anstellen können. Wie dein Titel schon lautet, es ist ,,nur eine Zahl“, aber so viele Menschen sehen genau diese als Satussymbol und denken man hat erst dann was erreicht, wenn man genug Follower hat, Likes oder Kommentare. Ich finde es erschreckend was nur eine Zahl aus einem machen kann. Es ist das Streben nach ,,Fame“. Und wie werde ich ,,Fame“? Ich lasse mich inspieren von Leuten die genug Follower haben. Ich starte einen Foodblog, Faschionblog etc., aber dann dieser Gedanke, das die Follower einfach nicht mehr werden wollen. Dann fangen wir doch einfach mal an diese anhand von Apps zu kaufen und zu faken. Und das alles nur, weil so viele diese Beachtung wollen und sich erst dann als besonders betrachten. Ich finde es sehr wichtig in der heutigen Zeit das du deine Meinung und deine Gedanken zu diesem Thema aussprichst!
Man sollte nie vergessen, das man nicht erst wichtig oder besonders ist, wenn man genug Leute hat die einem folgen!
Danke für deine Gedanken!

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