Der Regen tröpfelt gemütlich gegen das Fenster, wie immer wenn ich deprimiert und allein unter der warmen Decke sitze, mein Leben überdenke und keinen Ausweg sehe. Als würde der Himmel mit mir weinen und sich für mich schwarz färben, um mir Trost zu spenden. Ja, es ist fast schon ein gewohnter Anblick und wenn jemand vor meinem Fenster stehen bleiben würde, um einen Blick nach drinnen zu erhaschen, würde er traurig seufzen und dann weiter durch das kühle Nass hetzen, die Augen stur geradeaus gerichtet.
Wir sind Freunde, das schlechte Wetter und ich, obwohl ich es nie als schlecht bezeichnen würde. Denn trotz meiner deutschen Herkunft schließe ich mich dem Gemecker über das Wetter nur ungern an und versuche lieber einen Grund für sein Dasein zu finden. Oder ist es Zufall, dass die Sonne immer scheint wenn ich sie brauche und mir der Regen sagt, wann ich mich zu Hause einkuscheln sollte? Ich denke nicht.

Das Jahr hat gerade erst begonnen und ich sitze schon wieder vor den Regentropfen an meinem Fenster, beobachte wie sie langsam die Scheibe herunterfließen und sich ihren eigenen Weg suchen. Ich beobachte auch, wie sich der komplette Rest der Menschheit an Neujahresplänen versucht, wie sie motiviert die Ärmel an ihren Winterpullovern hochkrempeln und sagen: „Dieses Jahr pack ich das!“, wie sie nach ein paar Monaten wieder an der selben Stelle stehen, als wären sie im Kreis gelaufen. Dennoch haben sie mir eines voraus, sie fangen an, sie sind begeisterungsfähig, sie packens an.
Ich dagegen trete auch ohne Antrieb auf dem gleichen falschen Pfad herum, ohne dabei auch nur ein vages Ende in Sichtweite zu haben. Es ist, als hätte ich mich selbst irgendwann auf diesem Weg selbst verloren und statt vorwärts zu gehen und positiv nach vorn zu schauen, drehe ich mich im Kreis, laufe zurück und sammle die verlorenen Stofffetzen auf die in den Ästen der Bäume hängen geblieben sind. Und erst wenn ich jedes noch so kleine Stück davon aufgelesen habe wird es mir erlaubt endlich weiterzugehen.

Mir sind die Hände gebunden, weil mir die Motivation fehlt zu hinterfragen, oder liegt genau darin der Fehler? Sollte ich lieber mitlaufen und nicht fragen, über mich ergehen lassen und nicht nach etwas passendem suchen, stumm zusehen und nicht reden? Sollte ich aufhören zu denken und dadurch auch aufhören überall etwas schlechtes für mich zu sehen? Ist das der einfachere Weg, oder ein Weg der mich überhaupt an das Ziel bringen kann und nicht sofort wie mein jetziger zum scheitern verurteilt wird?
Der Regen an meiner Fensterscheibe kennt darauf leider auch keine Antwort, aber immerhin scheint es ihm gut zu gehen, wie er in einzelnen Tropfen um die Wette läuft, bis er schließlich auf dem Fensterbrett zu einer kleinen Pfütze zusammenläuft. Und er ist nicht allein mit dieser Aussage, ich bin noch nicht so verzweifelt, dass mein einziger Gesprächspartner eine Wetterlaune ist, natürlich habe ich Freunde gefragt, Familie gefragt, aber sie stecken entweder zu tief in ihren Konventionen, oder haben selbst noch keine Lösung gefunden.

Manchmal habe ich das Gefühl die Wahl zu haben, nämlich darin entweder erfolgreich zu werden, oder meine eigene Seele zu verkaufen und auch, wenn für viele unter euch bestimmt der Erfolg interessanter klingt, möchte ich dieses Bild im Spiegel nicht verärgern, ich möchte seinen Blick nicht sehen, mit dem es mich anschauen würde. Vielleicht ist er genau das, dieser Neujahrsvorsatz den ich mir aufschreiben sollte: „Verkaufe nicht deine Seele.“ Damit stehe ich zwar immer noch planlos auf einem Pfad ohne Anfang und Ende herum und bücke mich, um immer mehr Stofffetzen zu suchen, aber immerhin höre ich nicht auf an mich selbst zu glauben. Obwohl ich das eigentlich auch schon getan habe.

Outfitdetails
Schuhe: Dr. Martens // hier als vegane Alternative
Kleid: Armedangels // nachhaltig produziert hier
Pullover: Second Hand // ähnlich und nachhaltig hier

Location: Cospudener See
Kamera: Canon EOS 6D
Objektiv: 24-105mm
Bildbearbeitung Tutorial (hier)
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KOMMENTARE

Schön geschrieben, auch wenn der Inhalt sehr melancholisch ist. Ich kann es so gut nachfühlen, was du beschreibst. Seit dem 1.1. überschlagen sich bei mir die Gedanken im Kopf und ich weiß nicht mehr so ganz, was ich will und was ich wollen sollte, was das richtige für mich ist.

Liebe Grüße,

Arunika von quarterlife.blog