Jan
30
18

Ich bin fremd hier. Und damit meine ich nicht diese leere Fremde, die sich wie ein grauer Schleier über einen Ort legt, sondern viel mehr das Fremdsein auf menschlicher Ebene. Keiner kennt mich, wenn ich durch die Straßen laufe, niemand nickt mir im Vorbeigehen freundlich zu und in jedem Fall würde ich abstreiten, dass mich jemand wirklich gut einschätzen könnte. Ich bin für jeden hier das weiße unbeschriebene Blatt, was er oder sie in diesem Fall auch für mich sind und habe beschlossen eine neue Identität anzunehmen.
Wisst ihr, es ist nicht einfach immer wieder zwischen seinen Freunden zu hocken und ihrem Schema zu entsprechen, wie sie einen beurteilen, kennen wollen und doch zu viel Wissen über mich mit sich herumtragen. Da wird hier und da ein schlechter Witz über die Vergangenheit gemacht, um schlussendlich eine peinliche Anekdote anzuhängen, wir lachen gemeinsam und keiner schafft es aus seiner Schublade auszubrechen. Für meine Freunde bin ich die Katja, die früher Leistungssport gemacht hat, die einen Blog mit ihrer Persönlichkeit füllt, die immer ihre Meinung sagt, die etwas chaotisch ist, unorganisiert vielleicht sogar, die Katja die irgendwie ein Stück weit vorhersehbar erscheint.

Dieses Wissen über mich hat hier in der Fremde niemand. Also habe ich angefangen dieses weiße ungeschriebene Blatt für mich zu nutzen. So selten wie möglich rede ich zum Beispiel über diese kleine Internetseite, viel mehr lernen kennen mich die Leute hier als Fotografin, oder manchmal sogar als einfache Studentin kennen. Keiner weiß, wie viel Liebe und Arbeit ich hier hineinstecke und das fühlt sich in vielen Momenten richtig gut an.
Ich muss diese Barriere seltener überwinden, wenn jemand zufällig über mein Instagramprofil stolpert und mich erschrocken anschaut, ich muss mich nicht mehr erklären, weil ich ein Problem aufgeschrieben habe, bevor ich darüber reden konnte und die allerschönste Zeit habe ich, wenn ich mich mit genau diesen Menschen treffe und ein einfaches Leben offline führen kann. Keine Fotos, keine Instagramstory, nicht einmal für eine kurze Whatsappkonversation nehme ich mein Handy aus der Tasche, was sich besser nicht anfühlen könnte.

Manchmal sitze ich einfach lächelnd mit meiner neuen Identität zwischen anderen unbeschriebenen weißen Blättern für mich und freue mich, dass ich sie auf diese Weise kennen lernen kann. Wenn es nicht immer nur um mich geht, darum wie das mit dem Blog eigentlich funktioniert, oder ob ich damit Geld verdiene, oder wer eigentlich die Fotos für mich macht, sondern, oder sogar wie ich diese Reichweite bekommen konnte, sondern wenn all´diese Barrieren überhaupt kein Thema sind.
Es ist erfüllend und merkwürdig zu gleich, wenn ich mit meiner neuen Identität einen Raum betrete und Gespräche auf einmal anders verlaufen, weshalb es mir manchmal ganz gut erscheint zu meinen Wurzeln zurückzukehren, um mich daran zu erinnern wer ich auch sein kann und wo meine Persönlichkeit ein Stück weit geformt wurde, aber es erscheint mir ebenfalls gut einmal nicht auf seine alten Geschichten reduziert zu werden.

Dieses Doppelleben, welches ich gerade gefällt mir und manchmal würde ich gern einen langen schwarzen Mantel tragen, nur um mich in seinem großen Kragen zu verstecken, wenn ich mit meiner anderen Identität unterwegs bin. Irgendwann werde ich bestimmt trotzdem erwischt, aber so spielt wohl das Leben und ich kann nicht ewig verbergen, was ebenfalls ein Teil von mir ist und wer ich auch sein kann. Entschuldigt mich dennoch bitte bis dahin, ich habe noch ein paar Dinge in der Realität zu erledigen, ein paar weiße Seiten warten jetzt noch offline auf mich.

Kurze Anmerkung: Diesen Text schrieb ich schon vor einiger Zeit und ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen möchte. Schließlich trete ich damit nicht nur neuen Bekanntschaften, sondern auch alten Freunden auf die Füße, sollten sie meine Worte falsch verstehen. Vielleicht war genau deswegen etwas Zeit nötig, um mit ihnen darüber zu reden und überraschenderweise sogar auf ein ähnliches Denken zu stoßen. Mittlerweile fühle ich mich gar nicht mehr auf diese Weise fremd, welche ich hier beschrieben habe, obwohl ich mir natürlich immer noch den Schleier der Anonymität überlegen kann und mittlerweile versuche ich auch mit meinen FreundInnen aus dem Schubladendenken auszubrechen. Es ist ein Versuch, aber er fühlt sich richtig gut an.

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4 COMMENTS
Tinka

Hallo Katja.
Oh ja, ich kenne das Gefühl so gut und nutze es, den jedem direkt auf die Nase zu binden, was ich hier im Internet treibe, macht verletzlich. Und es gibt Menschen, die ich gerne auf Distanz halte – Arbeitskollegen zum Beispiel. Sie müssen nicht über mein Online-Leben Bescheid wissen, was viel privater ist als das Leben an der Arbeit 😅
Liebe Grüße, Tinka

Hallo Tinka,
das kommt auch noch dazu, obwohl man es ja schon veröffentlicht und somit auch jeder das Recht hat alles zu lesen. Aber ich verstehe diese Distanz die du meinst, manchen Menschen bindet man solche Sachen eben nich direkt auf die Nase.
Liebst, Katja

Sarah

Wieder einmal sehr schön geschrieben.
Ich kann deine Gedanken gut verstehen. Manchmal fühlt es sich auch gut an, an einen Ort zu kommen, an dem einen keiner kennt. Einfach, wie du geschrieben hast, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, ohne irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen. Vielleicht vor allem dann, wenn man sich selbst ein Stück weit verändert hat und sich nicht mehr ganz mit seinem alten Ich identifizieren kann. Zumindest geht es mir manchmal so. Liebe Grüße, Sarah 😊

Genau so, obwohl es im gleichen Atemzug natürlich auch super gut tut unter seinen Freunden zu sein, wo man gekannt wird und jeder die eigenen Macken kennt.
Liebst, Katja

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