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#metoo – Eine eigene Erfahrung und der Wunsch nach mehr Gleichheit

Irgendeiner der Erwachsenen machte das Licht aus und schloss leise die Tür hinter sich, nachdem er uns zur Ruhe ermahnt hatte. Der große Raum, der sich im Angesicht der vielen Betten die darin standen doch ziemlich klein und überfüllt anfühlte, wurde dunkel und unsere Gespräche gingen in ein leises Flüstern über.
Ich hatte niemanden zum Flüstern und starrte die dunklen Schatten an, welche durch das Licht der Laterne direkt neben dem Fenster in dem Zimmer entstanden und warf einen traurigen Blick auf die untere Hälfte eines Doppelstockbetts direkt gegenüber, wo ich eigentlich hätte schlafen sollen.

Einer der Älteren hatte mir angeboten, dass ich doch mit zu ihnen kommen könnte, neben eine meiner Freundinnen, neben ihn und ich hatte nicht den Mut mich zu wehren, obwohl ich doch lieber unten im Bett neben der Person schlafen wollte mit der ich später eine sehr lange Zeit zusammen verbrachte, aber das ist eine andere Geschichte. Also folgte ich stumm und befand mich nicht in meinem Einzelbett, welches ich mir am Anfang hart erkämpfte wieder, sondern neben 5-8 anderen Schlafenden in einem der Hochbetten.
Die Gespräche wurden mit der Zeit immer leiser, bis sie ganz verstummten und auch von außen konnte man bald die Erwachsenen nicht mehr lachen hören. Ich verfiel in einen leichten Halbschlaf, bis ich hochschreckte, als mich jemand von hinten berührte.

Ich wollte eigentlich gar nicht da sein, aber ich hatte nicht den Mut mich zu wehren.

Über die nächsten endlosen Minuten spreche ich nur sehr selten, weil sie viel zu tief in meinem Kopf sitzen und ich noch viel zu jung war, um eigentlich zu begreifen. Deshalb fällt es mir auch sehr schwer diesen Text emotional fortzuführen und ich möchte nur folgendes von der Situation beschreiben.
Er lag zwischen mir und meiner Freundin, als er anfing uns abwechselnd an Stellen anzufassen, an denen man als 9-jährige nicht angefasst werden möchte. Ich rutschte in dieser Zeit immer weiter an die Wand an der ich lag, als könnte ich mich darin verkriechen oder einfach weglaufen, aber er kam immer wieder zurück. Er nahm meine Hand um sie an Stellen seines Körpers zu führen die man in diesem Alter noch nicht berühren möchte und ich schloss die Augen, als würde dieser Moment dann schneller an mir vorbeiziehen, als würde ich wegschauen können.

In dieser Nacht war ich froh, als er sich wegdrehte, zu meiner Freundin, erst später begriff ich, dass er ihr ähnliches antat. Wir redeten erst Jahre später darüber und erst Jahre später erzählten auch andere Mädchen aus unserem Verein, was er ihnen angetan hat. Ich weiß noch ganz genau, wie wir damals in einem der Trainingslager auf unserem Zimmer saßen, darüber redeten, zu unseren Eltern gingen und wie meine Mama mich mit diesem Blick anschaute.
Passiert ist danach nicht mehr sehr viel, er musste gehen, eine Anklage gab es nicht, weil unsere Eltern uns schützen wollten, weil wir nicht gezwungen werden sollten vor einem Richter darüber zu sprechen, weil wir noch zu jung waren. Seitdem wurde nicht mehr darüber gesprochen.

Er lag zwischen mir und meiner Freundin, als er anfing uns abwechselnd an Stellen anzufassen, an denen man als 9-jährige nicht angefasst werden möchte.

Ich bin sehr dankbar darüber, dass unsere Eltern und schützen wollten, weil ich diese Nacht einfach vergessen wollte und immer wieder versucht habe sie aus meinem Kopf zu verbannen, dabei hätte ein großes Aufwühlen der Situation nicht geholfen. Erst jetzt, fast 10 Jahre später, fühle ich mich dazu bereit im Zusammenhang mit der #metoo Kampagne darüber zu schreiben.
Keine Frage, zwischen einer sexuellen Belästigung und einer sexuellen Vergewaltigung wie ich sie erlebt habe schwebt ein riesiger Unterschied, aber ich habe das Bedürfnis trotzdem ein paar Worte darüber loszuwerden.

Wer einen anderen Menschen belästigt, egal ob männlich oder weiblich, fühlt sich immer überlegen, er wähnt sich in einer Machtposition. Er oder Sie, sieht in seinem Gegenüber einen schwächeren Menschen von dem er keinen Widerstand erwartet, oder den er einschüchtern möchte und das macht mich sehr traurig.
Immer wieder werden diese Fragen gestellt, warum keines der Opfer gesprochen hat, warum sich keiner der Anwesenden traut darüber zu sprechen, aber für mich steckt da ein ziemlich offensichtlicher Grund dahinter: Angst. Ich habe nie ein Wort darüber verloren, weil ich Angst vor der Reaktion von ihm hatte, weil ich Angst vor der Reaktion meines Umfelds hatte und weil ich beschämt war, dass ich in eine solche Situation geraten bin. Ich war ein Opfer und genauso habe ich mich auch benommen, denn ein Opfer ist schwach, unterlegen und hat damit auch keine Stimme.

Vielleicht ist es dieses Denken, von dem wir uns distanzieren sollten, dass Menschen mehr oder weniger Wert sein können, oder das Macht einem sexuelle Belästigung und Überlegenheit eröffnet. Keiner von uns sollte sich über andere Mitmenschen stellen, nur weil er glaubt mehr geschafft oder erreicht zu haben und keiner von uns sollte sich als unterlegen, als Opfer fühlen müssen.
Genauso wenig, wie dieses Problem mit einem männlichen Geschlecht gesehen werden sollte, nein, auch Frauen in Machtpositionen sind nicht unschuldig, darüber wird bloß so selten gesprochen, weil die Frau immer noch als das schwächere Geschlecht gesehen wird und dadurch eben auch seltener eine Machtposition bekommt. Diese ganze Debatte sollte sich nicht um eklige Männer drehen die irgendwelchen Vorlieben nachgehen, sondern schlichtweg um jeden einzelnen Menschen und seinen Wert.

Keiner von uns sollte sich über andere Mitmenschen stellen, nur weil er glaubt mehr geschafft oder erreicht zu haben.

Dieses Denken beschäftigt mich seit dem riesigen #metoo-Aufschrei der durch die sozialen Netzwerke ging und hat mich schlussendlich auch dazu ermutigt meine Geschichte niederzuschreiben, auch wenn sie in diesem Fall sogar etwas weiter geht. Ich möchte mich nicht mehr als ein Opfer sehen, als Menschen mit geringerem Wert, nur weil ich gegen meinen Willen angefasst wurde und mich nicht wehren konnte, beziehungsweise mich auch gar nicht getraut habe mich zu wehren. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch, wir alle sind Menschen wie jeder andere auch, was uns in keinem Fall minderwertig oder besonders macht. Egal ob Mann oder Frau, egal ob mit oder ohne Macht. Kann das so schwer sein?

„Sexismus ist Realität. Wir dürfen nicht aufhören, darüber zu reden. Immer wieder, bei jeder Situation. Kein Opfer ist Schuld an Sexismus. Schuld ist eine Gesellschaft, die wegschaut und zulässt, dass sich Opfer schämen müssen – und nicht die Täter.“
Zitat Anna-E, ich kann euch ihren Beitrag zum Thema nur ans Herz legen. 

Außerdem sehr hörenswert ist der Podcast von Lina Mallon der sich ebenfalls um eigene Erfahrungen mit sexueller Belästigung und einige sehr interessante Gedankengänge dreht.

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8 COMMENTS

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, was ich schreiben soll, es war mir nur ein starkes inneres Bedürfniss dir mitzuteilen das ich weiß wie weh es tut. Wie sehr das herz,der Verstand und die Seele leidet und es niemals heilen wird. Aber es wird leichter, etwas..
Das reden mit jemandem hilft.
Danke das du so mutig bist und deine schreckliche Erfahrung teilst.
Seit dem ich deinen Blog lese, bin ich beeindruckter fan. Du hast mich sehr inspiriert und mir eine Umarmung für meine Seele gegeben! Vielen Dank :*

from behind the moon

metoo? ich wurde von einem Fotografen abgefüllt, und es tat weh.

LILLY

Vielen Dank für diesen unglaublich berührenden und offenen Text. Es war bestimmt nicht einfach für dich darüber zu reden, dafür auf jeden Fall meinen größten Respekt. Ich finde es unglaublich wichtig, dass solche Themen an die Öffentlichkeit getragen werden. Dein Blog ist echt großartig.:)

Hey Katja,
großen Respekt, dass du heute an dem Punkt stehst, dass du diese Geschichte sogar öffentlich teilst. Das muss eine furchtbare Erfahrung gewesen sein, aber sicherlich war es den so oder so keineswegs positiven Umständen entsprechend am Ende gut, dass ihr Mädchen euch hattet und euch so irgendwie gegenseitig unterstützen konntet, weil ihr wusstest, dass ihr nicht alleine wart? Menschen wie du gehen mit einer Vorbildfunktion voran und nachdem du selbst die Kraft aufgebaut hast, zeigst du anderen, dass sie nicht alleine sind, kannst deine Kraft an sie weitergeben, dass sie sich hoffentlich auch öffnen und jemandem finden, mit dem sie über ihre Geschichte reden können.

Hey liebe Katja,
wie immer habe ich mir für deinen Artikel extra Zeit nehmen wollen – und deswegen erst jetzt entdeckt, dass du sogar meinen Artikel zitiert hast! Das bedeutet mir sehr viel, vor allem, weil du mein Zitat unter diesen unfassbar starken und berührenden Text gesetzt hast… Ich weiß gerade gar nicht, welche Worte an dieser Stelle die richtigen wären. Es macht mich so unglaublich wütend und traurig das zu lesen und ich bewundere dich so sehr dafür, diesen Text geschrieben und veröffentlicht zu haben! Eine ganz feste Umarmung an dich aus München <3

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