Okt
22
16

Literatur: Nur eine Sommerromanze

„Geh nicht.“, sagte sie ihm leise hinterher, aber der Wind hatte ihre Worte schon verschlungen bevor sie überhaupt ausgesprochen waren. Sie kamen nie bei ihm an, er hatte nie die Chance sich umzudrehen, ihre Hand zu nehmen und offene Wunden zu heilen.
Etwas in ihrem Inneren zog sich mit einem kurzen Zucken zusammen, ein kurzer Moment in welchem sie die Vergangenheit realisierte. Die Beiden hatten den Sommer miteinander verbracht, eine Romanze wie man sie nur aus dem Film kennt. Flirten, knutschen am Strand, ein Picknick in den Dünen und ein Eis in der Hand auf dem Weg nach Hause.

Für ihn war es bloß eine Sommerromanze geblieben, dachte sie, aber selbst hatte sie sich tief in ihrem Inneren mehr erhofft. Die große Liebe, ein Leben mit ihm zusammen und ein Sommerhaus in diesem kleinen Ort, welches sie immer an ihre ersten gemeinsamen Sommerstunden erinnern sollte. Aber sie hatte den Moment verpasst ihm ihre Gedanken zu erzählen und ihm nie das Herz geöffnet. Jetzt war es zu spät.
Diese Blicke in die Augen, das klopfende Herz und das unbeschreibliche Kribbeln waren immer nur von ihr wahrgenommen, dachte sie.

Sie hatte ihre Chance vertan und wusste, dass das Leben jetzt ohne ihn weitergehen musste. Schweren Herzens drehte sie sich um und versuchte ihn zu vergessen, aber dieser Mensch wollte nicht aus ihren Gedanken verschwinden.
Egal ob sie allein zu Hause saß, mit Freunden unterwegs war oder arbeitete, immer wieder kamen ihr Bilder dieses einen Sommers in den Kopf. Einmal waren die Beiden zusammen in einer kleinen Bar gewesen und hatten etwas zu viel getrunken. Es war ihr zweites Treffen und nach einem gelungenen Abend gingen sie Arm in Arm beschwipst am Strand nach Hause. Sie tauschten ihre Namen aus an diesem Abend, keine Telefonnummer, keine Mailadresse. Sein Name war ihr einziger Anhaltspunkt.

Eines Tages erzählte sie ihrer besten Freundin von diesem Abend, von dieser Sommerromanze. Und während die Zeit verging drängte diese sie immer wieder diesen Mann zu suchen und ihn nicht einfach aufzugeben. Etwas schwermütig lies sie sich am Ende überreden noch einmal in diesen Ort zu fahren, mit der Hoffnung im Herzen ein glückliches Ende zu erleben.
Als sie ankamen strömten die alten Erinnerungen aus ihr hervor, ihr Mut weiterzusuchen wurde immer größer, nach einer Woche der erfolglosen Suche allerdings wieder kleiner. Die beiden Freundinnen hatten jeden Platz abgesucht an welchem das verliebte Paar sich in die Augen geschaut hatte und niemanden gefunden. Sie hatten Menschen auf der Straße gefragt und ihnen ein altes Erinnerungsfoto gezeigt, niemand schien diesen einen Mann gesehen zu haben.

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Verzweifelt fand sie sich auf einem kleinen Stein, auf welchem sie sich das erste Mal küssten, wieder und beschloss ihm noch eine Chance zu geben. Ihr liefen die Tränen über die Wangen, aber einen Tag wollte sie ihrer Suche noch Zeit geben, einen Tag wollte sie noch beten und die Stadt durchsuchen. Und so unglaubwürdig und unfassbar dieser Zufall sein sollte, in diesem Moment lief ein durchtrainierter Brite mit Surfbrett unter dem Arm an diesem Stein vorbei.
Wie vom Blitz getroffen stand sie auf und rannte ihm hinterher. Sie hatte ihn auf den ersten Blick erkannt, an seinem Gang, seiner Frisur und seiner Art das Surfbrett noch lässiger aussehen zu lassen.

Als sie ihn am Arm fasste und mit ihm gemeinsam außer Atem stehen blieb, warf sie ihre gesamte, noch übrig gebliebene Hoffnung in einen Topf und erzählte ihm von ihren innersten Gefühlen. Sie erzählte ihm die Geschichte ihrer Suche, wie sehr sie ihn vermisst hatte und während sie ihm dabei in die Augen schaute wusste sie, dass er die ganze Zeit über gehofft hatte diese Worte schon eher von ihr zu hören.
Und trotzdem blieb am Ende eine Frage offen: Hat diese Sommerromanze eine Chance?

Diese kleine Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, Freunde einer Backpackerin welche ich hier kennenlernte, lernten sich auf diesem Weg in Australien kennen. Die Beiden leben mittlerweile seit einigen Jahren zusammen in Deutschland und haben zwei gemeinsame Kinder.
Ich fand diese Geschichte so schön, dass ich sie (in ausgeschmückter Form und ein bisschen abgewandelt) mit euch teilen wollte. Irgendwie lässt sie einen doch noch an die wahre Liebe, Liebe auf den ersten Blick und ein starkes Kämpferherz glauben.

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2 COMMENTS

Eine unglaublich schöne Geschichte & zu wissen, dass wahre Geschehnisse dahinter stecken macht das Ganze noch schöner 🙂 Ich muss zugeben, manchmal bin ich echt eine hoffnungslose Romantikerin und habe dieses ein wenig kitschige Bild der wahren Liebe im Kopf. Diese Geschichte hat mir aber gezeigt, dass meine Vorstellung nicht unbedingt nur Kitsch sein müssen, sondern manchmal eben auch der Realität entsprechen können.

P.S. Ich habe deinen Blog erst kürzlich entdeckt & wollte dich wissen lassen, wie sehr ich ihn mag!

Sara x

Eine unfassbar schöne Geschichte, die durch die Tatsache, dass sie auf wahren Begebenheiten beruht, noch berührender wird. Du packst all die Emotionen in solch passende Worte.
Und die tollsten Geschichten, die schreibt doch das Leben, nicht wahr?

Liebste Grüße,
Franzi (himmlischerfedertraum.blogspot.de)

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