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Literatur: Das Mädchen vom Berg

Als wir nach einer längeren Wanderung entspannt auf dem Rainbow Mountain die Aussicht genossen und gemütlich ein Sandwich aßen, sprach uns auf einmal ein junges Mädchen an und fragte unter Tränen, ob wir nicht ihre Mutter gesehen hätten. Sie ist mit ihr zusammen auf den Berg gelaufen und dort oben müssen sich die Beiden verloren haben. Das Mädchen war 13 Jahre alt, wie sich später herausstellte und hatte schon überall nach ihr gesucht. Ich gab ihr mein Handy, damit sie anrufen und die Lage klären konnte. Leider wusste sie nur die Telefonnummer von zu Hause und damit war dieser Versuch zwecklos.
Ungefähr so begann ein weiteres Abenteuer unserer Neuseelandreise. Ich fühlte mich in diesem Moment ziemlich hilflos und wusste nicht, wie wir dem Mädchen am besten helfen könnten. Mein Freund schlug irgendwann vor sie nach unten zu begleiten. Vielleicht hätten wir das Glück die Mutter unterwegs zu treffen und wenn nicht, würde sie bestimmt am Auto warten.

Das Mädchen hatte sich in der Zwischenzeit wieder etwas beruhigt und folgte uns still den Berg hinunter. Ich versuchte etwas Small-Talk zu führen, aber Lust darauf schien sie keine zu haben. Nach wenigen Minuten hatten wir ein unangenehmes Schweigen erreicht.
Um die Spitze des Berges zu erreichen gab es mehrere Wege und uns erschien es das Klügste den Weg zu nehmen, welchen das Mädchen mit seiner Mutter hinaufgelaufen war. Doof bloß, dass sie sich ungefähr ab der Hälfte nicht mehr orientieren konnte.
Die Wegweiser hörten irgendwann auf und auch unser Handynavi konnte nicht mehr wirklich helfen. Wir kletterten über Zäune und Schranken, bis wir irgendwann vor einem geheimen Grundstück der Regierung standen. Genau so sah es zumindest aus, denn überall waren Zäune und durch die verlassene Lage wirkte das Ganze wie ein alter Militärstützpunkt. Oder ein Ort an dem heimlich Tierexperimente durchgeführt werden.

Ab diesem Moment wurde mir etwas mulmig und auch den Anderen konnte ich ein gewisses Unwohlsein ansehen. Wir wollten alle nur noch unten am Parkplatz ankommen und die Mutter endlich finden. Wähnten wir uns am Anfang noch in der Lage der Retter eines kleinen Mädchen, kamen wir nun in der Wirklichkeit an. Der Weg wurde immer länger und die Straße durch das Nichts fand kein Ende.
Nachdem uns allen fast die Beine abfielen, hörten wir das vertraute Rauschen einer Straße und schöpften wieder Hoffnung. Ich war ein bisschen überrascht, dass das Mädchen ohne zu murren und ohne einen Schluck Trinken anzunehmen, einfach hinter uns herlief. Und wie liefen nicht gerade langsam, vor allem nachdem die Straße uns neuen Mut gab.

Nach unendlichen Kilometern erreichten wir dann endlich den Parkplatz und das Mädchen sah tatsächlich schon das Auto ihrer Mutter. Auf diesen Moment hatte ich mich während unserer gesamten gemeinsamen Wanderung wohl am meisten gefreut – eine Familie die sich glücklich in die Arme schließt und eine dankbare Mutter, welche endlich ihre Tochter wieder sieht.
Ganz ehrlich? Schön wäre es gewesen, das Abenteuer hörte hier schneller und unerwarteter auf als gedacht. Tatsächlich trafen wir eine verbitterte Frau in ihrem Auto an. Sie war wütend auf ihre Tochter, da sie den falschen Weg heruntergelaufen war und machte ihr deutlich, dass eine Stunde warten definitiv zu viel war. Dabei verwendete sie unglaublich oft das Wort „fucking“. Um genau zu sein so oft, dass ich bei der Verteidigung des Mädchen selbst erzählte, dass wir den „wrong fucking way“ mit ihr gelaufen waren.
Statt etwas Dank bekamen wir mit einer winkenden Hand gezeigt, dass wir keine Schuld hätten und gingen dann auch. Das Mädchen stieg mit gesenktem Kopf mit in das Auto und die Beiden fuhren davon.

Ich habe die Geschichte immer noch nicht ganz verarbeitet und kann die Reaktion der Mutter noch nicht ganz glauben. Deswegen gibt es jetzt statt einem Happy-End eine wunderbare Aussicht von der Spitze des Berges. Ich würde das Mädchen bei einer weiteren Gelegenheit trotzdem nicht allein zurücklassen.

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