Sep
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Literatur: 500m

Es ist ein ruhiger Tag und ich stehe auf einer großen Wiese. Neben mir schallen Worte aus einem Lautsprecher, doch ich nehme sie kaum wahr. Die Sonne brennt auf meiner Haut. Noch 20 Minuten. Ich nehme mein Boot und setze es ins Wasser, noch ein letzter Schluck aus der Flasche, ich habe heute schon wieder viel zu wenig getrunken.
Mein Herz klopft, ich bin aufgeregt. Eine innere Unruhe macht sich in mir breit, ich beobachte die Menschen um mich herum. Auch sie setzen ihr Boot langsam aufs Wasser. Wir beschnuppern uns vorsichtig auf dem Weg zum Start, dann kümmert sich jeder nur noch um sich.

500m

Ich bin oben am Start angekommen, mein Boot schaukelt sacht in den Wellen. Ein anderer Lautsprecher ruft uns nacheinander auf und wir melden uns, alle brav nacheinander. Jeder sucht sich seine Bahn, ich bin aufgeregt aber guter Dinge. Zur Beruhigung summe ich leise ein Lied vor mich hin, während ich vorsichtig meine Bootsspitze in Richtung Startschuh lenke, bis ich mit einem Ruck zum stehen komme. „Ready, Set, Go!“ ruft der Starter und wir paddeln los.

noch 450m

Ich habe den Start gut getroffen, meine Aufregung ist verflogen. Mein Boot gleitet über das Wasser und trotzt den Wellen, ich fühle mich gut. Wir sind alle ungefähr auf einer Höhe und Hoffnung keimt in mir auf. Ich schaue kurz nach links und rechts, während ich versuche mit meiner gesamten Kraft schneller zu fahren.

noch 400m

Langsam aber sicher werden die Anderen schneller als ich und fahren mir davon. Meine Arme schmerzen jetzt schon, aber ich bin immer noch guter Dinge und habe die Hoffnung noch nicht verloren. Schließlich liegt noch eine weite Strecke vor uns. Ich versuche weiterzukämpfen.

noch 350m

Keine Zweifel mehr, ich falle immer weiter zurück und meine Gedanken schweifen ab. Ich denke an Gott und die Welt, verfluche mich selbst und möchte einfach nur noch ankommen. Die Sonne blendet und die Wellen lassen mich in einem schwindelerregenden Zustand zurück.

noch 250m

„Fast die Hälfte“, denke ich mir und weiß noch nicht ob ich das für gut oder schlecht befinden soll. Die Anderen sind mittlerweile zu weit weg um sie noch einholen zu können, ich spüre meine Arme nicht mehr, dafür begrüßt mich aber mein Frühstück noch einmal kurz. Die Sonne brennt, ich brauche Wasser!

noch 150m

Ich weiß nicht, wie ich es bis hier hin geschafft habe, aber das Ziel kommt näher. Unmittelbar nach diesem Gedanken verfluche ich die Zuschauertribüne an der ich gleich vorbeikommen werde. Trainingspartner und Trainer werden gleich meinen Untergang bewundern dürfen, ich fühle mich schlecht.

noch 100m

Ja, schaut nur, ich fahre hinterher. Die Anfeuerungsrufe sind mittlerweile verstummt, die Ersten erreichen schon fast das Ziel. Ich sehe schwarz und würde am Liebsten im Erdboden versinken. Um das Ganze schnell enden zu lassen, versuche ich einen Endspurt.

noch 50m

Ich denke an nichts, außer an die zwei gelben Bojen die ich unbedingt passieren möchte, damit der Wahnsinn endlich vorbei ist. Die Gewinner beglückwünschen sich schon gegenseitig im Ziel.

0m

Luft! Wasser! Ich möchte einfach nur umfallen und bräuchte dann auch demnächst ein paar neue Arme, meine spüre ich vor lauter Schmerz nicht mehr. Meine Lunge brennt, trotzdem schweift mein Blick über die Anderen bis zur Waage. Tränen vernebeln meinen Blick, aber dennoch erkenne ich meine Nummer an der Waage. War ja klar, natürlich müssen sie das Gewicht vom Verliererboot überprüfen, als wäre ich noch nicht genug gedemütigt.

Ich schleppe mein Boot mir letzter Kraft auf die Waage, lächle dem Kontrolleur zu und mache mich auf dem Weg ins Zelt. Am Mannschaftszelt werde ich gefragt wie es lief, blöde Frage. Trotzdem lächle ich weiter und mache Witze über mein Rennen. Verstehen würden sie mich nie.

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