Nov
05
16

Kolumne: Wie ich am anderen Ende der Welt meine Freiheit fand.

Vielleicht scheint die Überschrift ein bisschen übertrieben wenn man die Tatsache im Hinterkopf behält, dass ich erst seit einer knappen Woche in Neuseeland bin. Und auch wenn ich mich gerade in Auckland, einer für meinen Geschmack nicht unbedingt schönen Stadt nicht besonders wohlfühle, habe ich schon in der ersten Woche meiner Reise unheimlich viel gelernt.
Als ich vor ein paar Tagen hier landete war ich noch der festen Überzeugung mein Blogger-Ich würde in diesem Land aufblühen und vor neuer Inspiration überlaufen, doch schon einige Stunden später wurde ich eines besseren belehrt. Für eine Reise nach Neuseeland braucht es viel Organisation und aus diesem Grund befand ich mich in der ersten Zeit entweder in der Hilfezentrale oder an einem freien WLAN-Hotspot. Denn im Gegensatz zu meinen Erwartungen kann man hier eben nicht direkt losfahren und das Land entdecken, sondern muss sich um einige Dinge kümmern.

Ich verschwendete fast keinen Gedanken an meinem Blog, was wirklich eine Seltenheit ist. Jeder Blogger dürfte das Phänomenen kennen Alltagsgeschichten oder eine hübsche Kulisse in neue Beiträge schreiben zu wollen, aber ich hatte hier in Auckland überhaupt kein Bedürfnis dazu. Seit meiner Ankunft musste ich mich zum ersten Mal um mein Überleben und meine Weiterreise, meine nächsten Pläne kümmern.
Ihr wisst gar nicht wie befreiend sich dieser Zustand anfühlte. Ich legte keinen Wert auf mein Outfit (vielleicht kommt doch mal eine schöne Kulisse vor der man sich fotografieren kann, dachte ich mir sonst immer), meine Haare hingen verwuschelt auf dem Kopf und die Kamera blieb tatsächlich fast immer unbenutzt im Rucksack liegen.

Nach ein paar Tagen hatte ich mein organisatorisches Zeug geklärt, meine Reisegruppe jedoch musste noch etwas mehr erledigen. Also beschloss ich gezwungenermaßen die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Aufgrund des tollen Regenwetters hier beschloss ich erst in eine Galerie zu gehen und dann mal weiterzusehen. Ich lief ohne großen Plan einfach drauf los, besuchte die Galerie und fühlte mich dabei richtig toll.
In der Galerie dann fotografierte ich die Kunstwerke allerdings wieder mit meinem Blog im Hintergrund, die Überraschung folgte jedoch am Ausgang. Eine Frau von der Anprobe fragte mich was ich denn von der Kunst hier halte und als ich ihr in meinem schlechten Englisch mitteilte, dass ich einige der Werke nicht ganz verstanden hätte kamen wir in ein spannendes Gespräch und sie versuchte tatsächlich mir jedes einzelne zu erklären.

Etwas überrascht von ihrer Hilfsbereitschaft vergaß ich ab genau diesem Moment wieder meinen Blog und lauschte gespannt ihren Worten. Überhaupt war ich überrascht wie viele freundliche Menschen sich in diesem Land herumtreiben und einem sofort ihre Hilfe anbieten wenn man mal nicht weiterkommt.
Ein weiteres Beispiel dafür war ein älterer Mann, welchem ich nach der Galerie auf dem Weg zum Mt. Eden, dem Berg aus Herr der Ringe, begegnete. Er musste mitbekommen haben wo mein Ziel lag und begann mir sofort den besten und schönsten Weg nach oben zu erklären. War ich nach der Galerie weitergelaufen um auf dem Berg ein schönes Foto für Instagram zu machen, kam ich im Gespräch mit dem Mann auf dem Boden der Tatsachen an und realisierte mein wahres Problem.

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Ich war nicht mehr frei, das Internet und meine soziale Präsenz haben mir immer im Nacken gesessen. Egal wo ich hinging, in meinem Kopf war sofort das Bild eines neuen Beitrages oder eine Idee für einen neuen Text entstanden. Hier in Neuseeland ist das anders.
Die Menschen hier wollen mit dir ein persönliches Gespräch führen, ihre Tipps weitergeben und dich genauer kennenlernen und seid ihr euch noch so fremd. Hier interessiert sich keiner für das Internet oder einen Blog.
Auch die anderen Backpacker aus meinem Hostel waren offen und gesprächsfreudig, Fotos machten sie für sich mit einer kleinen alten Kamera oder ihrem Handy und nicht für Facebook oder Instagram.

In diesem Land ist der Druck das erste Mal von mir abgefallen immer online zu sein (mal davon abgesehen, dass man hier sowieso nicht immer WLAN findet) und ich habe wieder angefangen meine Erlebnisse mehr zu erleben und nicht durch ein Handy- oder Kameradisplay von außen zu beobachten.
Natürlich freue ich mich auf die Weiterreise, auf neue Bilder in hoher Auflösung und ich freue mich darauf neue Texte zu schreiben. Aber irgendwie beschlagnahmt der Gedanke nach ständig neuem Content nicht mehr meinen Gedankengang und ich fühle nicht mehr den Drang an einem festen Tag in der Woche neuen zu liefern.

Ich fühle mich hier seit ungefähr 7 Tagen freier und erholter als in Deutschland und ich finde auch dort könnte sich die Mentalität etwas ändern. Ist es nicht besser das ganze Ding etwas entspannter anzugehen und wieder darüber zu schreiben worauf wir Lust und vor allem wann wir Lust darauf haben? Ganz ohne Druck und Zwänge? Denn das ist es doch eigentlich was einen Blog ausmacht. Persönliche Erfahrungen, Tipps und ein eigener Stil.
In Deutschland noch führte ich die Diskussion über den Unterschied von einem Blog und einem Magazin. Denn ein Blog drückt genau die Persönlichkeit des Schreibers aus und ich habe immer mehr das Gefühl es gibt fast gar keine „richtigen“ mehr. Sind wir doch mal ganz ehrlich, die heutigen „Blogs“ sind vollgestopft mit Werbung und müssten eher als Magazin bezeichnet werden, denn auch wenn eine Kooperation freiwillig und auf ehrlicher Meinung beruht, bleibt sie eben doch bezahlte Werbung.

Und jetzt? Ich für meinen Teil habe beschlossen weiterhin den Abstand zu genießen, mein eigenes Ding durchzuziehen und mich frei zu fühlen. Denn im realen Leben kommt es nunmal nicht darauf an was du im Internet erreicht hast. Meine Freunde sollen mich für meine Persönlichkeit und meinen Witz auf realer Linie mögen, ganz ohne Trug und Schein. Ganz ohne einen Druck in meinem Kopf ständig immer alles festhalten zu müssen und am Ende mit der Enttäuschung unsere privaten Erlebnisse im Netz zu lesen.
Das Internet ist nur ein Teil von unserem Leben und es sollte nicht davon überhand nehmen. Ich fühle mich frei und du?

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4 COMMENTS

Super schöner Text! Ich wünsche dir eine ganz tolle Zeit in Neuseeland und dass du deine Reise in vollen Zügen genießt 🙂
Liebe Grüße

http://nilooorac.com/

nici

Huhu…

Sehr schön geschrieben 😉
Und man sollte immer sein Ding machen. Der Blog „komplett das Internet“ sollte niemals das Reale Leben im Griff haben.
Aber ich merke das immer wieder bei einigen Blogger. Die machen jeden mist, berichten darüber. Aber man bekommt das Gefühl, die machen das nur für den Blog, nicht weil sie wollen.

Alles liebe

Ich kenne und liebe dieses Gefühl.
Ich liebe zwar meinen Blog und all das was damit einhergeht.
Aber wenn ich unterwegs bin und neues kennenlernen kann, dann vergesse ich den Blog auch ganz schnell.Und weißt du was? Das ist einfach super.
Erst vor kurzem habe ich mich etwas „aufgeregt“ dass bei 90% der Blog die Reisebilder mehr Outfitbilder sind und das Urlaubsziel nur verschwommen im Hintergrund erkennbar ist. Wie schade ist dass denn? Man sollte einfach mal den Fokus neu setzen, so wie du 🙂

Liebe Grüße Anni von http://hydrogenperoxid.net/blog/

Hey, also mir geht es genau wie dir. Zwar hänge ich am Anfang des Urlaubs auch immer noch am Handy, aber von Tag zu Tag wird das weniger, bis ich es irgendwann gar nicht mehr brauche. Und das sollte doch auch so sein. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass ich das Handy im Urlaub wesentlich weniger benutze, als „Nicht-Blogger“.

Liebe Grüße
Susanne

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