Jul
21
16

Kolumne: Das klassische WIR in einer Beziehung

„Wir waren heute zusammen baden“, erzählte ich meinen Eltern am Abend. „Ich war heute baden“, erzählte er seinen.
Etwas verwirrt schaute ich ihn von der Seite an und wollte fast schon anfangen beleidigt zu werden. Hat er mich etwa vergessen? Möchte er nicht von mir erzählen? Hat es ihm nicht gefallen? Bin ich vielleicht nicht wichtig genug um erwähnt zu werden?

Mir kam ein Artikel in den Sinn, welchen ich vor langer Zeit einmal online gelesen hatte. Darin ging es um das „wir“ in einer Beziehung und der Autor machte seinen Standpunkt ziemlich deutlich: Es nervte ihn.
Ich weiß nicht mehr genau wie es war, aber der Autor hatte einen Freund und dieser hatte gerade eine neue Beziehung am laufen. Jedes mal wenn die Beiden etwas zusammen unternommen haben, oder sein Kumpel von Erlebnissen erzählte war es da, das böse „Wir“.

Ich hatte in diesem Moment mitleid mit dem Verfasser des Artikels, denn ich konnte ihn vollkommen nachvollziehen. Wer wäre nicht genervt wenn man einen Freund nach der letzten Woche fragt und nicht etwa von seinen Erlebnissen, sondern von „unseren“ zu hören bekommt?
„Ich war letzte Woche endlich mal wieder beim Sport, hat richtig Spaß gemacht.“
„Oh, WIR letztens auch. WIR waren endlich mal wieder auf dem Laufband.“
Nervig. Verständlich.

Sollte ich jetzt etwa auch einer von diesen nervigen Typen geworden sein? Der Gedanke erschien mir nicht mehr verwerflich, nach fast anderthalb Jahren Beziehung. Ich ließ es für diesen Abend gut sein und beschloss die Sache in den nächsten Tagen genauer unter die Lupe zu nehmen.
Und tatsächlich, ich erwischte mich immer wieder. Da wir gerade gemeinsam in einer Firma arbeiten, lautete die Antwort auf die Frage wann wir Pause machen: „Wir gehen gegen 3:00Uhr und du?“ Tatsächlich beantragte ich sogar bei der Managerin Urlaub für uns, denn wir gehen ja gemeinsam auf das Festival.

Ohne es zu merken war ich einer von den Wir-Sagern geworden. Ich war voll und ganz in dieser Beziehung aufgegangen und automatisch der Teil eines gut funktionierenden Systems geworden, unter anderm auch weil ich mir meinen Freund nicht mehr aus meinem Leben wegdenken möchte.
Ist das jetzt gut oder schlecht?

Sollte ich jetzt mein Denken einmal gewaltig umkrempeln und wieder anfangen an mich zu denken, oder weitermachen wie bisher und die traute Zweisamkeit genießen? Sind Außenstehende wirklich extrem genervt von diesem „Wir“?
Ich weiß es nicht. Für mich wäre es komisch zu erzählen was ich unternommen habe, wenn auch andere Menschen anwesend waren. Auf der anderen Seite kann ich ihn irgendwie verstehen, den Autoren. Für ihn und viele andere Menschen haben wir Beziehungstypen wahrscheinlich jedes Eigenleben verloren.

Ob ich etwas ändern werde? Keine Ahnung.
Ich werde es herausfinden.
Wir werden es herausfinden.

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8 COMMENTS

Ein richtig gut geschriebener Text 🙂 Ich kenne es imer zu gut, dass ich in „Wir“ rede, wenn ich von meinem besten Freund erzähle, ansonsten verwende ich immer die Ich-Version 😉

Liebe Grüße, Anna
von https://whereanna.com/

Hey, schöner Artikel! 🙂
Ich bin auch jemand, der vom ständigen „Wir“ genervt ist, aber in vielen Situationen ist es vollkommen okay… Zum Beispiel, wenn man, wie du sagst, gemeinsam irgendwo war und davon erzählt.

Nerviger finde ich es da schon, wenn ich jemanden frage wie es ihr/ihm geht und die Antwort ist: „Uns geht es gut“. Oder wenn jemand allgemein nur noch ein „wir“ zu sein scheint:

„Wir freuen uns“, „Dein Kleid gefällt uns gut“, „Wir lieben Käse“….

Das finde ich dann ganz grauenhaft und da möchte ich am liebsten schreien 😀

Schön geschrieben. Ein Thema, das mich auch schon einige Male beschäftigte. Ich sehe es aber wie Liz: Als Paar gibt es nun mal Situationen, von denen man als wir erzählt. Über die Sache mit dem Baden hätte ich mich auch gewundert. Denn schließlich wart ihr ja zusammen beim Baden. Wenn einer der Partner von etwas gemeinsam Erlebten nur in der Ich-Form redet, würde ich da auch aufhorchen. Denn schließlich ist es ja eine Tatsache. Da kommt man sich ja schon beinahe verleumdet vor.
Die Beispiele, die Liz genannt hat, finde ich aber auch ganz schlimm. Wenn ich mich nach dem Befinden der einzelnen Person erkundige, und dann durch diese Antwort nochmal deutlich darauf hingewiesen werde, dass sie jetzt nicht mehr nur eine Person ist. „Nein, ich hab’s nicht vergessen, mich interessiert gerade nur, wie es DIR geht.“ Sagt ich dann nicht, aber ich denk’s mir.
Oder eben auch, wenn es so scheint, als hätte der andere nichts mehr zu sagen. Oft ist in der Beziehung dann tatsächlich einer der dominantere Part.

Ein großartiger Text, wirklich! Ich finde es gibt da so eine Grenze aber der es nervig wird. Wenn man wirklich ausschließlich in der ‚wir‘ Form spricht, dann ist das eindeutig zu viel. Noch schlimmer ist es aber wenn man die Ich-Form benutzt aber die wir-Form meint. Ich hatte mal eine Freundin, die vorbei kommen wollte. Ganz normal zum rumhängen. Sie textete mir die ganze Zeit ‚ICH gehe in 5min los‘ – ‚ICH sitze jetzt im Bus‘. Und als es bei mir klingelte, stand sie mit ihrem Freund vor meiner Tür… Das war dann extrem nervig 😀
Liebste Grüße,
Farina

Sehr schön geschrieben! 🙂 Ich finde es vollkommen in Ordnung das „Wir“ zu benutzen, schließlich habt ihr es ja auch zusammen erlebt 🙂
Wobei ich auf die Frage „Was hast DU gestern gemacht?“ dann doch meist mit „Ich war MIT XY in der Stadt..“, vielleicht die abgeschwächte Form 😀

Liebe Grüße, Giulie

http://onyvanow.blogspot.de

Ich denke, solange man das wir nicht übertreibt, ist es in Ordnung. Ich kenne auch Pärchen, die ausschließlich WIR nutzen, das nervt dann natürlich. Aber irgendwie gehört man ja doch zusammen, von daher… <3
Liebe Grüße,
Missi von Himmelsblau

Wieder mal toll geschrieben. Ich sehe esähnlich wie die nderen oben. Wenn man etwas zusammen erlebt hat, soll man ruhig auch mit wie antworten, aber bei konkreten Fragen soll man ruhig konkret antworten können.
Liebste Grüße, Carlotta ♥♥
http://sparklingforstars.blogspot.de/

Wirklich ein schön geschriebener Post und wo wahr! Ich erwische mich auch oft dabei, „wir“ zu sagen.
Aber wir leben nun seit fast drei Jahren zusammen und haben schon so viel gemeinsam erlebt. Da muss man manchmal schon aufpassen, nicht das eigene Ich zu verlieren.

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