Mrz
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Kleine Prinzessin

„Gute Nacht, meine kleine Prinzessin“, sagte er während er die Decke vorsichtig über sie legte und ihr einen dicken Kuss voller Liebe auf die Stirn gab. „Gute Nacht, Papa“, antwortete sie noch müde, bevor ihr die Augen zufielen und er sich langsam aus dem Zimmer schlich.

Und dann wurde sie älter. Größer. Erwachsener.
Plötzlich wollte sie keine Geschichte mehr zum einschlafen hören. Plötzlich wollte sie nicht mehr von der Schule abgeholt werden. Plötzlich war sie großer pubertierender Berg der allein mit seinen Problemen zurecht kommen wollte. Plötzlich wurden Jungs für sie interessant und er musste mit ansehen wie sie langsam aus seinen Armen entglitt. Alles kam so plötzlich. In einem unaufhaltbaren Tempo. Er war nicht vorbereitet.

Und als sie auf einmal älter, größer, erwachsener wurde, durfte er nicht mehr entscheiden. Sie fühlte sich bereit selbständig zu leben, auch wenn sie im Innersten jemanden vermisste der sie am Abend zudeckte, und diese Emotionen lies sie ihn auch spüren. Weggetreten. In die Ecke gestellt wie ein altes Kuscheltier. Eingestaubt.
Es schmerzte ihn jeden Tag wenn sie die Haustür ohne ein Wort des Abschieds verließ und er langsam seine winkende Hand sinken lies. Er winkte ihr jeden einzelnen Morgen ohne eine Reaktion zu bekommen. Ja, es tat weh. Er musste mit ansehen wie sie sich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich und vor allem gegenüber ihm veränderte. Er erkannte sie nicht wieder in ihrer rebellischen Art. Keiner konnte diesen Schmerz von ihm nehmen, niemand verstand ihn.

Und dann wurde sie älter. Größer. Erwachsener.
„Das kannst du nicht machen!“, brüllte er sie immer wieder an. „Damit brichst du dir keinen Zacken aus der Krone!“ – „Meine kleine Prinzessin. Wo bist du nur hin?“, fügte er in seinen Gedanken hinzu und konnte seine Verzweiflung nicht in Worte fassen. Dieser Schmerz machte ihn wütend. Sie machte ihn noch viel wütender. Immer wieder wünschte er sich die alte Zeit zurück und fragte sich was er falsch gemacht hat. Welcher Moment sie auseinander getrieben hat. Und ob sie jemals wieder seine Prinzessin sein würde.

Und dann wurde sie älter. Größer. Erwachsener.

„Guten Morgen, Papa“, kam sie eines Tages zum Frühstückstisch gelaufen. „Kannst du mir damit helfen?“ Sie lächelte ihn an und es war, als hätten die letzten Jahre nicht stattgefunden. Als wäre alles nur ein schlechter Traum gewesen. Sein Herz machte einen kleinen Hüpfer vor Freude. Gemeinsam bauten sie Möbelstücke auf, reparierten Kleinkram, unterhielten sich über Autos und manchmal auch über das einfache Leben. Sie kam zu ihm wenn sie Hilfe brauchte und aus dem verstaubten Kuscheltier wurde ein Mann der gebraucht wurde. Er legte nicht mehr jeden Abend eine Decke über sie, aber auf ihn war immer Verlass wenn wieder ein verzweifeltes Mädchen auf dem Boden saß und aufgemuntert werden musste.

Und dann wurde sie älter. Größer. Erwachsener.
Aber sie würde immer seine kleine Prinzessin bleiben. Weiße Unschuld in schwarzen Stiefeln. Denn ein Papa liebt immer.


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4 COMMENTS
Arabella

dein Text hat mich zum weinen gebracht. Schön geschrieben. Vielen dank dafür ?

Nicht weinen ?
So schön, dass er dich berührt hat.
Liebst, Katja

Jule

Der Text ist so wunderschön. Ich finde es immer wieder schön wie du mich für ein paar Minuten als um mich herum vergessen lässt. <3
Jule

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