Mrz
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Immer wieder die Sonntage

Unter dem Text gibt es in einem Video eine kleine Zusammenfassung für die Lesefaulen unter euch.

Der Wecker klingelt pünktlich um 8.30 Uhr, eine Viertelstunde später quäle ich mich fluchend aus dem Bett und stelle fest, dass arbeiten an einem Sonntag ziemlich doof ist. Ein Blick aus dem Fenster und die hellen Schatten an meiner Wand deuten auf einen sonnigen Tag hin und ich ärgere mich noch einmal mehr. Das ist wohl dieser Fluch und Segen, von dem alle Selbstständigen berichten.
Nützt alles nichts, denke ich mir, dusche schnell und schaffe es irgendwie neben dem Zähneputzen noch zu frühstücken. Kurz darauf klingelt es an meiner Haustür: „Ich bins!“, sagt eine aufgedrehte Stimme durch den Hörer der mich mit der Eingangstür verbindet. Immer wieder lustig, kommt mir der Gedanke auf, während ich den Knopf drücke um sie herein zu lassen, an der Klingel ist auf einmal jeder Mensch: „Ich bins!“

Zu meinem Glück ist der Termin schneller herum, als ich uns einen Tee einschenken kann und nach kurzer Zeit sitze ich wieder allein in meinem Zimmer. Ich beschließe kurzerhand die Sonne vor dem Fenster und damit den ersten richtigen Frühlingstag in diesem Jahr zu genießen.
Sorgfältig packe ich alles notwendige in meinen Rucksack, was man in meinen Augen dafür benötigen könnte. Nacheinander stapeln sich darin eine Flasche Wasser, eine aufgeschnittene Melone (immerhin rückt der Sommer immer näher und sie musste sowieso gegessen werden), 2 Notizbücher, ein Federmäppchen, eine Kamera, ein Stativ, eine analoge Kamera (man kann ja nie wissen) und eine Strickjacke zum drunterziehen, für den Notfall. Ich bin gern vorbereitet an diesen frühlingshaften Sonntagen, an denen sich die Sonne manchmal doch dazu entscheidet uns einen kleinen Streich zu spielen.

Mein Rucksack ist irgendwie ganz schön schwer und ich hätte sehr gut die Hälfte meiner Ausrüstung zu Hause lassen können, fällt mir auf den ersten Metern in dem hell beleuchteten Wald um die Ecke auf, aber was solls. Ich zucke kurz mit den Achseln und ernte dafür einen verwirrten Blick einer Hundebesitzerin, die schwitzend unter ihrer Winterjacke an mir vorbeiläuft.
Nach einem kurzen Fußmarsch mache ich an einer kleinen Holzbank Pause, sie steht direkt in einem großen Park. Dieser ist groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen, aber ich beobachte trotzdem für eine Weile tobende Hunde, spielende Kinder und die typischen Sonntagsspaziergänger.

Alle genießen die Sonne, auch ich schließe meine Augen für einen kurzen Moment. Ich mag die Sonntage manchmal mehr und manchmal weniger, doch heute gefällt mir die entspannte Atmosphäre. Niemand hetzt gestresst durch den Park, keiner fürchtet sich vor dem nächsten Termin, jeder hier scheint etwas Zeit zu haben und sogar die Smartphones in den Händen der Leute sind eher eine Seltenheit.
Ich hole das erste Notizbuch aus meinem Rucksack und versuche die Stimmung in einer Zeichnung einzufangen. Wer mich schon einmal künstlerisch tätig gesehen hat, kann sich in etwa vorstellen wie schlecht mir dies geglückt ist, aber manchmal geht es doch um den Prozess und nicht das Ergebnis. Und wie ich dort im Schneidersitz auf einer Holzbank in der Sonne sitze, wurde erneut das kleine Problembündel aus mir.

Manchmal beschäftigen mich bestimmte Gedanken und Situationen so sehr, dass ich mir immer wieder den Kopf darüber zerbreche. Sie kommen dann an ruhigen Sonntagen wie diesem über mich, oft tauchen sie aber auch ohne Ankündigung wie ein ungewollter Gast in meinem Kopf auf.
Also schlage ich eine neue Seite in meinem Notizbuch auf, tausche den Bleistift gegen einen Kugelschreiber ein und beschließe kurzerhand die Sache heute einmal richtig anzugehen. „Wer bin ich?“, schreibe ich groß auf die Seite, „Wer möchte ich sein?“, auf die nächste. Weitere Fragen folgen.

Wer bin ich?
Wer möchte ich sein?
Was kann ich? / Wofür stehe ich?
Was möchte ich bewirken?
Wofür soll meine Arbeit stehen?

„Katja, 20, als würde das irgendetwas bedeuten“, schreibe ich zaghaft unter die erste Frage und beschäftige mich in den nächsten Stunden mit nichts anderem, als Antworten zu überdenken und zu formulieren. Zeile für Zeile fülle ich mit meinen guten und schlechten Eigenschaften, einige davon fallen mir besonders schwer.
Mir fällt auf, dass ich vor allem positive Dinge über mich nur schwer formulieren kann. Ich bin offen, herzlich, unvoreingenommen und ich habe Talente, kostet mich mehr Kraft als mir selbst einzugestehen, dass ich extrem faul, schüchtern und unorganisiert bin. Komisch, wie mir manche Zusammenhänge immer wieder erst als geschriebene Worte klar erscheinen.

Ich schreibe, bis mir nichts mehr einfällt und ich erschöpft vor dem kleinen Buch sitze. Mein Kopf ist fast so entspannt wie die Atmosphäre um mich herum und fühlt sich seit einiger Zeit endlich wieder richtig leer an. Auf eine positive Art und Weise, falls ihr versteht was ich damit sagen möchte. Als hätte ich mich meinen Gedanken das erste Mal ernsthaft angenommen und mir alles von der Seele geschrieben. Nicht in großen Texten, wie ich das sonst mache, sondern in kleinen Stichpunkten die mich selbst sehr gut ausdrücken.
Auch wenn ich damit mit den angedeuteten Problemen und Situationen immer noch kein Stück weiter gekommen bin, scheine ich im Reinen mit mir selbst zu sein. Es ist wie eine dieser Szenen aus einem Film, in der ein Mädchen im Park auf einer Holzbank sitzt, die Leute beobachtet und leise Musik im Hintergrund läuft. Noch einmal der Zoom auf das Gesicht und die blauen Augen, noch mehr dramatische Musik und Cut!

Übertreibungen liegen mir, steht in einer Zeile auf der weißen Seite und ich muss schmunzeln. Ich esse ein paar Stücken von der Melone, trinke einen Schluck Wasser und knipse ein Bild mit der analogen Kamera. Diesen Moment möchte ich festhalten, denke ich mir.
Danach packe ich alles wieder in den Rucksack, ärgere mich nicht einmal über das überflüssige Gepäck und mache mich langsam zurück auf den Weg nach Hause. Die Sonne ist ein bisschen kühler geworden und ich verschränke die Arme vor meiner Brust, um meinem Körper etwas Wärme zu schenken.

Unterwegs begegnen mir noch ein paar mehr Händchen haltende Sonntagsspaziergänger und Hundebesitzer. Schon komisch, denke ich mir, wie es die Leute an einem Sonntag nach draußen treibt. Wie sie sich entspannter fühlen, nachdem sie ein paar Schritte durch ihr Viertel gelaufen sind, durch das sie auch an jedem anderen Tag laufen könnten.
Vielleicht liegt es an der Atmosphäre. Niemand hetzt gestresst durch den Park, keiner fürchtet sich vor dem nächsten Termin, jeder hier scheint etwas Zeit zu haben und sogar die Smartphones in den Händen der Leute sind eher eine Seltenheit. Sie sind schon komisch, diese Sonntage.

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ONE COMMENT
Hannah

Das ist voll schön geschrieben und ich stimme dir total zu mit der Verrücktheit der Sonntage. Ich war heute auch mit meinem Hund draußen und hab das gute Wetter genossen, auch wenn es letzte Woche schon mal um einiges wärmer war… ich hoffe sehr, dass du gute Antworten für deine Fragen gefunden hast und dir dies Erleichterung gebracht hat. Und das diese lang anhalten möge.
LG und einem guten Start in die nächste Woche,
Hannah

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