Nov
21
17

HIER KÖNNTE IHRE WERBUNG STEHEN

Hier könnte ihre Werbung stehen, denke ich mir manchmal, wenn ich durch verschiedene Blogs und Instagramprofile scrolle, neben Kleidung und Haushaltsgegenständen die absurdesten Konsumgüter mit einem großen Lächeln beworben sehe und mich frage, ob das tatsächlich noch jemanden interessiert. Ein Werbebeitrag reiht sich an den nächsten und ich habe schon wieder Angst vor dem kommenden Monat, bestehend aus Adventskalenderverlosungen und Geschenkrabatten.
Im Internet wird uns wirklich alles hinterher geworfen und nicht nur, dass ich die Zeiten vermisse in denen ich einem Fotografen, einer Fotografin oder einem BloggerIn folgte, um mir persönliche Inspiration zu holen und keine Kauftipps, ich vermisse auch die Zeiten in denen ich noch das Internet öffnen konnte, ohne ständig in das Bedrängnis zu kommen etwas Neues haben zu wollen.

Ich kann mich aus diesem Gemecker nicht einmal ausschließen, auch wenn ich euch natürlich erzählen kann, dass ich Kooperationen nur bewusst eingehe und mein Gesicht nicht für jede Marke hinhalte. Am Ende des Tages ist aber nun mal jede Werbung eine Werbung, egal mit welchem Hintergedanken sie gemacht wurde. Aber ich frage mich, wo das alles noch hinführen soll, denn über die Glaubwürdigkeit einiger bestimmter Instagramwerbungen zum Beispiel, brauchen wir wahrscheinlich keine Diskussion mehr führen. Geht es hier überhaupt noch darum wirklich Produkte zu verkaufen, oder geht es hier viel mehr um einen Lifestyle, Persönlichkeiten die gern angeben, zeigen was sie haben und sich damit auf ihrer persönlichen Skala eine Etage über uns stellen?

Mal ganz ehrlich, wie vernarrt muss man in eine Person aus dem Internet sein (die man dazu nicht einmal persönlich kennt), um zu glauben, dass man wie sie wird, wenn man ihre Kleidung und sogar ihr Waschmittel (tut mir leid, ich steh gerade ein bisschen auf die Kampagne dazu) kauft? Welche Gedanken gehen in einem vor, dass man glaubt eine neue Zahnbürste bringt das hübsche Influencerlächeln direkt aufs eigene Gesicht und wie absurd sind wir bitte, wenn wir glauben, dass Statussymbole, oder auch Konsumgüter einen anderen (in manchen Fällen auch besseren) Menschen aus uns machen?
Ihr hört mir meinen Frust vielleicht an, diese Gedanken spielen sich jedes Mal in meinem Kopf ab, wenn ich eine neue Kooperation annehme. Möchte ich wirklich ein Teil dieser Art von Gesellschaft sein? Können meine LeserInnen zwischen Konsumgütern und Dingen die sich tatsächlich brauchen überhaupt noch unterscheiden? Möchte ich mein eigenes Leben nur für ein neues Produkt ausschlachten?

Die letzte Frage weißt auf einen Punkt hin, der mir schon sehr lang Kopfzerbrechen bereitet. Ein(e) BloggerIn/InfluencerIn macht aus der Sicht der Agenturen vor allem deswegen gute Werbung, weil sie Produkte direkt in ihren Alltag integrieren und somit natürlich auch viel näher an den KäuferInnen sind. Nach einem TV-Spot am Abend überlegen wir tatsächlich noch, ob das wirklich sein muss, auf den Tipp einer (so denken wir) nahstehenden Person, fast schon Freundin hören wir in diesem Fall viel eher.
Das eigene Leben wird also ausgeschlachtet, bis es nicht mehr geht. Über gesponserte Trauringe, ein gesponsertes romantisches Date am Valentinstag, eine bezahlte Geburtstagsfeier mit Freunden, bis hin zur eigenen Mama die zum Muttertag vor die Kamera gezogen wird. Natürlich entscheidet jeder für sich allein, was er im Internet zeigen möchte und was er privat hält, aber mit einer passenden Kooperation kann man schon einmal private Momente teilen. Und damit frage ich mich, haben manche BloggerInnen überhaupt noch ein Privatleben, wie gehen Bekannte mit dieser Ausschlachtung des eigenen Lebens um, wenn sie auf einmal vor der Kamera stehen und welcher Teil gerade war eigentlich keine Werbung?

Man kann in den sozialen Netzwerken Geld verdienen, das verstehe ich und das mache ich in einigen Fällen auch selbst. Aber wie kann man Teil einer Konsumwelt sein, ohne sich selbst zu hinterfragen und wie kann man nur für eine Kooperation (bei der vielleicht auch etwas mehr gezahlt wird) alles öffentlich machen, was einem vor die Nase kommt? Wie fühlt man sich dabei, wenn man „ganz natürlich“ mit gesponserten Socken und gesponsertem Tee vor dem Kamin sitzt, von 100 Bildern ein perfekt bearbeitetes Ergebnis auswählt und seinen LeserInnen damit einen durchdachten Werbepost als Schnappschuss aus dem eigenen Leben verkauft? Wie geht man damit um?
Ich komme nicht mehr mit in dieser Welt und obwohl man sich als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens natürlich einreden kann, dass jeder Mensch weiß wie Werbung im Internet funktioniert, kennen die Meisten die Wahrheit dahinter nicht. Und damit rede ich noch nicht einmal über ungekennzeichnete Werbung, sondern schlicht und einfach über die Tatsache, dass man seine eigene Seele, sein eigenes Leben für Konsumgüter und die neusten Produkte verkauft.

Für mich fühlt sich das mittlerweile alles ziemlich komisch an und ich habe ein grummeln im Bauch, wenn ich an das kommende Weihnachten denke. Schlimm genug, dass schon jetzt mit „extrem tollen“ Produkten geworden wird die man in einer Woche gewinnen kann und der Postbote jeden Tag zweimal klingeln kommt. Das Internet ist von einer Welt der Kommunikation und Inspiration zu einem Ort des Konsums gewechselt und wir alle spielen unsere eigene Rolle darin.
Deshalb möchte ich euch zwischen austauschbaren Werbungen und austauschbaren Instagramprofilen ohne eigenen Standpunkt eine Frage mit in den Weihnachtswahnsinn geben: Macht dich dieser Konsum glücklich?

Outfitdetails
Schuhe: Second Hand (ursprünglich Reebok) // hier das Original und hier eine nachhaltige Alternative
Hose: Kleiderkreisel // hier eine nachhaltige Alternative
Pullover: Second Hand  // hier eine nachhaltige Alternative

Denkt immer darüber nach was ihr kauft und was ihr tatsächlich braucht.

Location: Cospudener See
Kamera: Canon EOS 6D
Objektiv: 24-105mm
Bildbearbeitung Tutorial (hier)

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4 COMMENTS
Luisa

Da hast du deine Meinung sehr schön kundgegeben! Ich kann dir in vielen Dingen einfach nur zustimmen, unsere Alltag besteht ja förmlich nur noch aus Werbung und den Wünsch (vllt. auch Zwang?) neuen Konsumgüter zu erwerben. Ich kann mich zum Glück zurückhalten und erkenne Werbung, auch wenn sie mal nicht gekennzeichnet wird, aber manchmal merke ich, wie ein Influencer mich fühlen lässt: „Du musst dir diesen Pullover kaufen! Er ist so schön warm und flauschig und er verändert dein Leben!“ Totaler Schwachsinn, sofern man nicht wirklich einen neuen braucht. Aber man möchte einfach dazugehören. Man sollte sich heutzutage häufiger von den sozialen Netzwerken und dem Fernseher verhalten, um nicht ständig und überall überladen zu werden.

Ich fühle sogar eine Enge, wenn du beschreibst von wie vielen Seiten wir mit Werbung und der Beeinflussung konfrontiert werden. Es ist erschreckend, wie schnelle (auch ich) denke, ich benötige dieses oder jenes Produkt. Ich selbst lerne mit jedem Mal dazu, mir einen Gedanken länger Zeit zu nehmen, ob ich tatsächlich dieses Produkt brauche und meist entscheide ich mich dagegen.
Ich selbst schalte keine Werbung auf meinem Blog. Habe bisher eine einzige Kooperation angenommen. Die war für Blumensträuße und in der Ernsthaftigkeit, die ich jetzt wirklich lachhaft finde, hab ich dieses Unternehmen beworben. Und ich kam mir so bescheuert vor. Ein guten Aspekt für mich hatte es, ich habe die Blumen tatsächlich für ein Fotoprojekt gebraucht.
Doch da habe ich entschieden, egal wie dringend ich etwas brauche für mich oder ein Projekt, ich gehe keine bezahlte Kooperation ein. Sondern kaufe es mir selbst und nur das, was ich wirklich brauche.
Mein Gedanken hinter meinem Blog ist sowieso die Kunst und ich möchte das die Gedanken/Texte Bilder/Filme wirken. Momentan sehe ich keine tatsächliche „Werbekooperation“, wie man sie auf Instagram sieht für alltägliche Produkte. Fotoprodukt-Firmen möchte ich jetzt mal ausschließen, da ich da an Test interessiert bin, allein schon für meine analogen Arbeiten einen kompetenten Partner zu finden
Um meine Gedanken abzuschließen – ich möchte keine Werbung und keine Kooperationen auf meinem Blog.

Vanessa

Dieser Eintrag hat mich brennend interessiert und ich habe gehofft das du darüber schreibst.
Bei mir hat das eigentlich erst damit angefangen das ich selbst gefragt wurde, ob ich nicht schonmal Angebote bekommen habe und warum ich sie nicht angenommen habe. Ich hatte einfach keine Lust. Irgendwann habe ich mich dazu überreden lassen, da meine Freundin gesagt hat, nimm das doch an und wenn du Fotos gemacht hast schenkst du es einfach mir.
WTF.
Ich war zwischenzeitlich so zugestellt voller Produkte , das ich garnicht mehr wusste welches Produkt zu wem gehörte und ich keine Ahnung hatte woher ich die Zeit nehmen soll Fotos zu machen.
Glücklich machte mich das nicht.
Ich habe mir Geld gespart klar aber das wars.
Ich hatte 5 Rucksäcke Jutebeutel Seesäcke usw. Die würde ich alle garnicht schaffen zu tragen.
Mittlerweile nehme ich nur noch Kooperation an, wie du für die ich grade stehen kann, wie Shirts für einen guten Zweck, vegane Kosmetik oder sowas. Ich fühle mich manchmal unter Druck gesetzt, obwohl es meine Entscheidung ist Werbung zu machen, es fühlt sich an wir rauchen, einmal damit angefangen- hängste drin.

Danke für deinen Eintrag!

Wir leben ja schon sehr lange in einer Konsumwelt und Konsum ist für die Meisten (oder alle?) zu einer Art Religion geworden… als ich jünger war, habe ich diesen Konsum-Rausch nicht wahrgenommen, aber zum Glück hat sich das im Laufe der Zeit geändert! Ich finde es daher auch schrecklich die ganze Zeit gesponserte Werbung auf sozialen Netzwerken zu sehen. Ich finds einerseits gut, wenn Blogger Produkte oder Firmen vermarkten, die wirklich etwas gutes tun, nachhaltig sind usw. und ich finds dann nicht schlimm, wenn diese Blogger dadurch etwas verdienen. Aber meistens ist es wohl leider so, wie du es oben beschrieben hast… aber zum Glück muss man solchen Leuten nicht folgen, die pausenlos nur Produkte vermarkten.
Und dein Beitrag ist richtig toll geschrieben! 🙂

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