„Ihr Deutschen seid schon komisch“, sagte er zu mir. „Weißt du, ich verstehe das einfach nicht“, sprach er sich weiter in Rage. „Ihr macht euren Schulabschluss, nehmt euch, wenn überhaupt, ein Jahr Zeit zum Reisen und setzt euch dann in die Uni. Egal ob der Studiengang passt. Hauptsache ihr habt einen Abschluss in der Hand.“
Ich nicke zustimmen mit dem Kopf und obwohl ich seine Gedanken nachvollziehen kann, versuche ich uns zu verteidigen. Denn bei uns zu Hause herrschen ganz andere Zwänge als hier. Mir fiel das letzte Telefonat mit meiner Mama ein.

Sie hat mich letztens nach dem üblichem Plausch wieder gefragt: „Hast du denn jetzt schon einen Plan, wenn du wiederkommst?“ Diese Worte lassen mich jedes Mal wieder verzweifelt aufstöhnen. Und zu meinem Unglück reichte ihr dieses Mal meine Antwort, dass ich mich für verschiedene Unis einschreiben will nicht.
„Was denn genau?“, fragte es aus dem Telefonhörer. „Das weiß ich noch nicht. Ich schreibe mich für mehrere Sachen ein und schaue wer mich nimmt.“ Und schon wieder trat ich in ein Fettnäpfchen. Die nächsten Minuten durfte ich mir anhören, dass ich mein Leben nicht auf die leichte Schulter nehmen soll und doch auch bald arbeiten müsse um später eine Familie zu ernähren.

Stop. Das reicht. Bei aller Liebe, aber ich entscheide immer noch allein über mein eigenes Leben. Und das nehme ich bestimmt nicht auf die leichte Schulter. Ich bin vielleicht etwas langsamer und spontaner was die Planung angeht und das Letzte was ich gerade will ist es eine Familie zu ernähren, aber unvernünftig bin ich auf keinen Fall.
Zwei Tage später erreichte mich der Versuch einer Entschuldigung. Meine Mama hatte mir einen Link geschickt. „Vielleicht wäre das etwas für dich?“, steht unter der Linkvorschau die mir eine Ausbildung zum Fotografen verspricht.

Ich kann nicht mehr. Und dabei verstehe ich sie sogar ein bisschen. Sie kommt aus einer anderen Generation in der man sich wirklich kümmern musste und jetzt hat sie einfach Angst, dass ich später nichts finde. Oder keine Lust mehr habe zu studieren. Dabei hat sich mir der Zeit einfach viel verändert.
Meine Generation hat Geld zum Reisen. Sie möchte die Welt entdecken und ihren Horizont erweitern statt jeden Tag am Schreibtisch zu sitzen. Und das kommt sogar bei vielen Arbeitgebern gut an. Lebenserfahrung statt pures Auswendiglernen. Lernen auf eigenen Beinen zu stehen, selbstständig zu leben. Natürlich gehört eine Ausbildung oder ein Studium immer noch dazu - aber das kann auch gern nach hinten verschoben werden. Denn wir sind spontan und nutzen jede Chance.

„Kein Wunder, dass unsere Eltern Angst haben und wir uns nicht mehr als ein Jahr Zeit nehmen um den Ansprüchen gerecht zu werden. Wir haben einfach zu viel Druck und zu viele Zwänge“, sage ich also, nachdem ich versucht habe ihm die Situation zu erklären. Wir studieren und eh man sich umschauen kann, hängt man schon in einem Job, bekommt Familie und Kinder. Eine Auszeit zum Reisen nimmt sich dann keiner mehr. Kling auch irgendwie blöd im Lebenslauf.
Ich glaube er hat mein Problem verstanden, denn die nächsten Minuten vergehen schweigend. Man kann förmlich sehen, wie er über meine Worte nachdenkt. „Wenn du immer dein eigenes Geld auf Reisen verdienst, bist du unabhängig und keiner kann dich daran hindern deinen eigenen Weg zu gehen“, sagt er nach einer Weile. „Deine Eltern werden das irgendwann verstehen. Und sie werden dich bestimmt immer mit Freude empfangen, wenn du wieder heimkehrst. Nimm dir das nicht zu sehr zu Herzen und mach das was du für richtig hält. Egal was die Anderen sagen.“

Ich hoffe er wird Recht behalten. Mama, ich werde studieren, einen Job finden und vielleicht in ferner Zukunft eine Familie haben. Aber bis dahin brauche ich Zeit um überhaupt herauszufinden was ich möchte, um die Welt zu erkunden und um mir eine eigene Meinung über das Leben zu bilden.

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8 COMMENTS
Arabella

Diese Fragen hassen ich auch von meiner Familie. Nur weil jeder nur dem Geld hinterher jagd und die Karriere das wichtigste im leben zu sein scheint, muss ich es ja nicht genauso machen.. Ich möchte Reisen und die welt sehen, auf der ich lebe.
Wünsche dir Kraft dadurch zu kommen

Toller Beitrag. Ich finde es klasse, dass du deinen eigenen Weg gehst, kann deine Mama aber auch verstehen. Aber das wird schon alles! 🙂

Liebe Grüße
Johanna von http://www.missrapunzel.com

Ich fühl mich jetzt echt blöd, dass ich dich die selbe Frage gestern gefragt habe…
Aber ich kann mir nur gut vorstellen, dass man nach einem Jahr Freiheit nicht wieder in die Zwänge und Vorschriften des „normalen Lebens“ zurück kehren möchte. Und es wäre doch viel schöner wenn das „normale Leben“ nicht aus Arbeit/Studieren und gesellschaftlichen Vorsetzen bestehen würde, sondern man einfach das machen könnte was sich richtig anfühlt bzw. wodurch man herausfindet was sich richtig anfühlt und was man will…
Ich denke aber auch, dass unsere Generation schon in dieser Zeit angekommen ist und viele schon nach ihrem Bauchgefühl handeln und nicht danach, was von ihnen erwartet wird.
Jeder sollte seinen eigenen Weg gehen können 🙂

Liebe Grüße
Pauline <3

http://www.mind-wanderer.com

Vicki

Ein mega schöner Beitrag und ich kann mich mit deinen Worten so sehr identifizieren. Allerdings verstehe ich die Bedenken deiner Mum so sehr, wie traurig ich auch jedes Mal bin, wenn mir mein Vater in die Augen sieht. Ich bekomme seit sechs Jahren kein festes Standbein ‚ins Arbeitsleben‘, selbst 3 abgebrochene Schulen darf ich auf meiner Liste abstreichen. Bei all dem Chaos um mich herum möchte ich einfach nur noch entfliehen, konzentriere mich darauf, mich zu finden, mich kennenzulernen und herauszufindeen, wie du schon sagtest, wie die ganze Welt so tickt.

Ganz liebe Grüße!

Magda

Ich habe auch nach der Schule zwei Jahre lang „Pause“ (natürlich hab ich auch gejobbt um Geld zu haben) gemacht um herauszufinden was ich wirklich will und mich auf die Uni vorzubereiten. Ich habe viel Unverständnis geerntet, aber – ehrlich – das war das beste, was ich hätte machen könne. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst!

Luca

hellö,
das lässt nachdenken. Ich dachte immer, dass wir schon ein unglaubliches Glück haben überhaupt so ein ‚freies‘ Jahr zu haben. In Frankreich z. B. wird ein solches Jahr, ganz egal ob freiwillig, ökonomisch oder ReiseJahr, als unwillig angesehen, und das geht soweit, dass es eigentlich nichtmal wirklich eine Möglichkeit gibt sich für z.B. ein FSJ bei irgendeiner Organisation einzuschreiben. Ich habe dem mit vollkommener Verachtung entgegengesehen, aus dem Unverständnis heraus, dass den jungen Leuten ihre Lebensfreiheit, ihr ‚wer bin ich eigentlich-Jahr‘, geklaut wird. Und ja, genau wie du, finde ich es fast erschreckend, dass unsere Gesellschaft zufrieden ist, wenn man sagt, man will studieren. Egal ob dir der Studiengang gefällt oder nicht, Hauptsache du studierst..
von daher muss ich sagen, dass seine Gedanken so schön und auch realistisch für mich sind, dass ich mich freue, dass du uns an diesem Gespräch und deinen Gedanken teilhaben hast lassen. Merci! Luca
(#sayhej)

Alexandra

Hi! 🙂 Ich weiß genau was du meinst! Jetzte gerade mache ich mein Abitur und habe leider keine Plan was ich danach machen soll 🙁 Das einzige was ich beschlossen habe ist, auf keinen Fall sofort zu studieren, sondern eben wie du erwähnt hast ein Jahr Auszeit zu nehmen um wahrschnlich zu Reisen und zu Arbeiten. Wie weit meine Eltern das unterstützen weiß ich noch nicht, aber mein Dad ist sehr auf das Studieren fixiert, was leider etwas Druck für mich ist. Aber Mal schauen wie es weitergeht und ob ich bald weiß was und ob ich studieren will! Achja und das teilweise Unverständnis seitens der Eltern für kreative Studiengänge erlebe ich auch gerade mit. Ich drück uns beiden die Daumen, dass wir das machen was wir wollen und es richtig ist 🙂
Liebe Grüße Alex
(Instagram: lxkbt)
#sayhej

Ich drücke dir auch die Daumen! Du schaffst das schon 🙂
Liebst, Katja
PS: Du bist beim Gewinnspiel dabei.

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