Mrz
25
16

Gewalt nimmt nicht immer sichtbare Formen an, und nicht bei allen Verletzungen fließt Blut.

Zitat aus der Überschrift von Zitat 1Q84.
Dies ist eine kleine Geschichte, von mir, für dich.

Ein Mädchen. In einer fremden Stadt. Allein.
Sie ist neu gekommen, in die Stadt. Weit weg von zu Hause, sie kam um sich ein neues Leben aufzubauen. Das sagt sich so einfach. „Ein neues Leben“.
Das Mädchen weiß noch nicht, dass es verfolgt wird. Nein, kein Schwerverbrecher, kein schwarzer Schatten hinter der Hauswand. Ich schreibe keine Krimis. Sie verfolgte etwas viel schlimmeres.
Das Mädchen war umgezogen um ihr altes Leben zu vergessen. Ihre Freunde, wenn man sie so nennen konnte, ihre Familie, sogar ihren Hund. All das wollte sie aus ihrem Kopf verbannen. Nie wieder davon hören. Sie wusste nicht, dass dies nicht einfach so passiert.

Eine kleine Wohnung, relativ zentral, sollte ihre neue Bleibe werden. Ich weiß nicht warum und mit welchem Geld, aber die Wohnung war schön eingerichtet. Ein Raum war geschmückt mit riesigen Bücherregalen, welche bis an die Decke reichten. Überall lagen bunte Teppiche, sie hatte einen begehbaren Kleiderschrank. Nein, Schrank reicht dafür nicht aus, sie hatte ein Kleiderzimmer. Nur Bilder gab es nicht an den Wänden. Denn sie wollte ja ihr Leben vergessen.

Jeden Abend kochte das Mädchen in der Küche. Allein. Danach verkroch sie sich hinter ihren Laptop oder den Fernseher. Ausgehen war nicht ihr Ding, hieß ihre Ausrede. Sie hatte noch keine neuen Freunde gefunden und war zu schüchtern um allein zu gehen. So spielt das Leben.

Also saß sie meistens bis spät in die Nacht hinein vor ihrem Laptop oder Fernseher und schaute sich verschiedene Dinge an. Manchmal schrieb sie auch lange Texte. Ich weiß, dass sie ein Buch geschrieben hat. Über ein kleines Mädchen, welches seine Familie rettete, den Menschen Hoffnung schenkte. Das war ihr großer Traum. Dieses Buch hatte sie nie jemanden zum Lesen gegeben. Nicht einmal mir. Es wird nie veröffentlicht werden.
Morgens ging sie in die Uni. Was sie studierte weiß ich nicht, aber sie war sehr klug. Obwohl das vielleicht an ihrer Brille lag. Diese trug sie manchmal um ihre müden Augen zu verbergen.

Mit der Zeit hatte sie auch Freunde gefunden, an der Uni. Es waren nicht viele, aber langsam begann sie Gefallen an der neuen Stadt zu finden. Ihre neue Heimat wurde immer vertrauter und keiner konnte sie ihr wegnehmen. Keiner. Auch ich nicht.

Das Leben spielte weiter und der Zufall tat sein übriges. Nach einem Jahr in ihrem neuen Leben, einem Jahr in ihrer neuen Heimat lernte ich sie kennen. Es war nur eine flüchtige Begegnung, ein Augenblick in dem ich mich in ihrem Gesicht verlor, eine Sekunde in der die Zeit anzuhalten schien. In diesem Moment wusste ich, dass es ihr genauso erging.

Wir trafen uns wieder. Aus anfangs freundschaftlichen Treffen wurde mehr. Wir gingen zusammen aus, ins Kino, Essen, wir unternahmen so viel. Sie wurde noch glücklicher, blühte auf und wir wurden ein Paar.
Wir. Ein schönes Wort, weil es sie und mich verbindet. Wir wurden Vertraute und irgendwann erzählte sie mir von ihrer Vergangenheit. Ich wusste, dass etwas nicht stimmen konnte denn sie hatte nie ein Wort über ihre Familie, ihr „früheres Leben“ verloren. Dann erzählte sie mir alles. Es sprudelte aus ihr heraus, ich hatte versprochen sie nicht zu unterbrechen, ihr keine Fragen zu stellen, sie in den Arm zu nehmen wenn sie weinen muss.

Was ich hörte lies mich innerlich bluten. Immer wieder zuckte ich zusammen als ich hören musste welcher Schmerz ihr widerfahren war. Ich fühlte mit ihr, es war als wäre ich dabei gewesen. Ihre Worte nahmen mich mit und ließen mich nicht wieder los.
Nach einer gefühlten Ewigkeit endete sie und wir saßen beide da. Sie sah mich an und versuchte aus meinen Blicken zu lesen. Ich konnte mich nicht länger halten. Ich musste sie in den Arm nehmen und wiegte sie sachte hin und her. Wir weinten zusammen. Hin und her.

Wir haben danach nie wieder über diesen Abend gesprochen. Das war okay, ich wusste Bescheid und wollte ihr jeden weiteren Schmerz ersparen. Ich liebte sie und sie liebte mich. So ging das Leben weiter. Das Mädchen war mein Mädchen geworden und sie schloss ihr Studium ab. Fing an zu arbeiten. Wir zogen zusammen. Fuhren zusammen in den Urlaub, waren glücklich.
Es dauerte jedoch nicht lang, vielleicht ein, zwei Jahre und wir versanken in der Routine. Jeder Tag gleich. Eine Endlosschleife. Dieser Zustand machte uns krank. Machte sie krank. Mein Mädchen hörte auf zu schreiben, sie wurde antriebslos und blass.

Ich wollte das nicht. Es tat mir weh, sie so zu sehen. Dieser kranke Zustand lies uns streiten. Über sinnlose Sachen, alltägliche Dinge. Und jedes Mal entfernten wir uns weiter voneinander. Als hätte ein Fluch sich über uns gelegt, die schwarze Regenwolke vor dem Sturm.

Eines Tages kam ich nach Hause und sah sie weinend auf dem Sofa sitzen, die Beine fest umschlungen. Ihr letzter Halt. Ich hatte getrunken, viel getrunken, um den Kummer zu ersäufen. Aber das Funktionierte nicht. Das weiß ich jetzt auch. Sie schrieb etwas auf ihrem Laptop, schon lange hatte ich ihre Hände nicht mehr so schnell über die Tasten fliegen gesehen. Sie sah nicht einmal auf als ich das Zimmer betrat.

Auf keinen Fall möchte ich mich rechtfertigen oder herausreden. Aber der Alkohol stieg mir in den Kopf. Ich weiß noch genau wie wir uns an diesem Abend stritten. Unser Streit war noch nie so heftig gewesen, mein benebelter Kopf tat das Übrige. Es tut mir so leid. Meine Hand rutschte aus. Ich habe sie geschlagen. Ich habe mein Mädchen geschlagen, mit der flachen Hand auf das Gesicht.Wie erstarrt standen wir beide da. Zwei festgefrorene Eissäulen. Ich konnte die Enttäuschung und den Schmerz in ihrem Gesicht lesen. Wie an diesem einen Abend, als wir gemeinsam zusammen saßen und sie mir ihre Geschichte erzählte.

Wortlos drehte sie sich um und ging. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Die ganze Nacht machte ich mir Vorwürfe, versuchte sie anzurufen, bekam Angst um sie. Mein Mädchen war draußen, allein in der Dunkelheit. Ich hatte ihr Schlimmes angetan.

Als ich keinen Ausweg mehr wusste, nahm ich ihren Laptop und las ihre letzten Worte. Sie hatte viele Mails verschickt, an ihre Familie, ihre alten Freunde, wenn man sie so nennen kann, an mich. Mit tränenden Augen und zitternden Händen öffnete ich die an mich adressierte Nachricht uns las.

Es war ihr Abschiedsbrief.
Sie war jetzt wieder allein. Ein Mädchen in einer fremden Stadt.

Ich habe es angekündigt, man kann nicht einfach ein neues Leben beginnen. Das alte wird einen immer festhalten, mit seinen Erinnerungen quälen. So ist das.
Durch eine einzige, kleine Bewegung meiner Hand, hatte es sie eingeholt. Im zügigen Schritt war es ihr gefolgt und ich hatte ihm zum Endspurt verholfen. Das tut mir so unendlich leid. Ich weiß, dass meine Worte nichts ändern werden. Ich würde sie gern noch einmal sehen. Wie an jenem Abend als wir fest umschlungen zusammen weinten. Wir waren uns so nah. Sie wird nie wieder Vertrauen fassen können. Vertrauen fiel ihr schon vorher viel zu schwer.

Jetzt hatte sie mit ihrem Leben abgerechnet und war weg.
Man fand ihre Leiche, aber ich wollte sie nicht sehen. Es tat mir weh.
Jetzt sitze ich hier. Allein. Mit meiner Schuld.

Dies war eine fiktive und von mir ausgedachte Geschichte, keiner hat mir in meinem Leben Gewalt angetan. Dennoch möchte ich sie nutzen um auf ein Thema aufmerksam zu machen, welches für viele Frauen sehr wichtig ist. Gewalt und Vergewaltigungen. Schaut euch Statistiken an und lest Berichte darüber und ihr werdet eines merken: Viel zu viele Frauen haben schreckliche Dinge erlebt und sich nicht getraut darüber zu reden. Genau wie in meiner Geschichte gibt es kein Happy-End und sie müssen ihr gesamtes Leben mit dieser Erinnerung im Kopf bewältigen, es wird ihnen immer schwer fallen zu vertrauen, nachdem ihr Vertrauen missbraucht wurde und sie ausgenutzt wurden. Und nicht immer haben Männer ein schlechtes Gewissen, sondern sonnen sich in ihren Taten.
Ich denke gerade aus diesen Gründen und weil sich keiner traut darüber zu reden ist es für mich wichtig darüber zu schreiben. Hiermit lade ich auch euch herzlich ein darüber zu diskutieren und eure Meinung zu schreiben, gern würde ich auch weitere, wahre Geschichten veröffentlichen um auf die Thematik aufmerksam zu machen, anonym natürlich.

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12 COMMENTS

Sehr toller Post. Ich habe beim Lesen Gänsehaut bekommen! Ich würde gerne mehr davon lesen weil es grade ein wichtiges Thema ist. Ich gehöre zu den Frauen, die nicht über vergangene Erlebnisse erzählt, alleine weil ich davon noch heute schockiert bin.

Ich wünsche dir auf jeden Fall nur das Beste!

"Und nicht immer haben Männer ein schlechtes Gewissen, sondern sonnen sich in ihren Taten."
Es sind nicht nur Männer 😉

Aber alles in allem wirklich ein schöner Text! Gut geschrieben 🙂

Ich muss ehrlich zugeben, ich habe noch nie von Frauen gehört, die so etwas machen. Aber danke für den Tipp 🙂

Ich finde es so gut, dass du auf deinem Blog auch mal Themen ansprichst, die man nicht so oft zu lesen bekommt. Außerdem hast du so ein Talent fürs schreiben, deine Posts fesseln einen immer richtig!
Liebe Grüße
http://www.janinewx.blogspot.de

Wirklich wunderschön geschriebene Geschichte. Und es stimmt, es ist so vielen Menschen, Frauen und Männern, passiert ohne das irgendjemand davon wusste. Nicht nur heute, nein, früher genauso oft. Ich habe in meinen 5 Jahren auf der Pflege, im Altersheim und beim mobilen Pflegedienst, so viele Menschen getroffen denen Gewalt angetan wurde, Menschen wie du und ich, das es wirklich schockierend ist.

LG Faye

Wow, ich habe beim Lesen wirklich Gänsehaut bekommen! Du hast das total intensiv geschrieben.
Ich finde es super, dass du auf das Thema aufmerksam machst, da es für viele Frauen leider alltäglich relevant ist :/

Liebe Grüße

http://nilooorac.blogspot.de

Sehr schöner Schreibstil, emotional geschrieben. Gewalt kommt leider viel zu oft vor, aber es ist schwierig daran etwas zu ändern, den Gewalt wird es immer geben. Wir müssen nur versuchen, dass es nicht zu nimmt sondern ab 🙂

Liebe Grüße
Nina von
http://liveisaboutcreatingyourself.blogspot.de/

Gänsehaut & Atemberaubend!

Wow das hast du gut geschrieben.. Dein schreibstil gefällt mir sehr und finde es toll dass du dieses Thema so ansprichst.. Lg Marina

Sehr guter Text, der zum nachdenken anregt. Gewalt ist niemals in Ordnung, egal ob körperlich oder seelisch.

Wow, der Text ist echt gut geschrieben. Gewalt ist was schreckliches, was in unserer Welt viel zu oft vorkommt. Ich bin absolut gegen Gewalt!

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