Ich saß im Zug und sah die Elbe an mir vorbeiziehen, wie sie sich durch die Stadt schlängelte, als hätte sie sich perfekt darin eingefügt, wie später aus der Stadt die kleinen Häuser mit ihren braunen Dächern wurden und schließlich aus den Häusern die ersten Berge. Diese Zugstrecke bin ich schon so oft gefahren, damals als kleines Kind mit meinen Eltern, als wir die Wanderrucksäcke für einen Tag packten und uns begierig in ein Abenteuer stürzten, später als bockiger Teenager mit weniger Motivation. Heute lehne ich meinen Kopf an das Fenster der kühlen Zugscheibe und wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich aus dem grauen Betonlabyrinth in die Freiheit zu flüchten.
Nichts fühlt sich falscher an als die folgenden Worte, aber ich würde gern einmal wieder verreisen. Wie egoistisch dieser Satz klingt, wenn man bedenkt, dass ich allein im letzten Monat in Berlin, Hamburg, Dresden und Halle war und für einen aussenstehenden Betrachter dauerhaft das Leben zu genießen scheine. Doch diese kurzen Reisen sind eher eine Qual für mich geworden, wenn ich mich von der einen Stadt in die nächste stürze, durch die sich immer wieder gleichenden Einkaufsmeilen stürze, gestressten Menschen begegne und fälschlicherweise erneut die falsche Straßenbahn nehme.

Wenn ich ehrlich beantworten sollte, wie ich mich gerade fühle und ob ich glücklich bin, hätte ich nicht einmal eine erfüllende Antwort für mich selbst. Ich renne genervt von Termin zu Termin, versinke in Arbeit, gönne mir keine Auszeiten, sondern buche den nächsten Trip in graue Betonwände, um nicht mehr in meinem Zimmer sitzen zu müssen, weil mir genau an diesem Ort, an dem ich mich wohlfühlen sollte die Decke auf den Kopf fällt und trotz Arbeit das Geld einfach nicht reicht um abzuhauen.
Ich darf meinem Körper keine Pause mehr gönnen und erinnere mich, wie ich erst vor einigen Tagen um 2.00 Uhr in der Nacht über einer Tasse Tee am Küchentisch hing, bereit alle Kräfte zu investieren, um am nächsten Morgen wieder arbeiten zu können. Überall sind Termine die ich einhalten muss und die mich stressen, doch gleichzeitig wühlt mich ein Tag ohne jegliche Planung oder Arbeit noch viel mehr auf, weil ich das Gefühl habe nichts zu schaffen.

Die komplette Zeit liegt ein innerer Druck über mir, eine Stimme die mir immer wieder zuflüstert, dass ich heute immer noch nichts für den Blog geschrieben habe und die E-Mails seit 5 Tagen unbeantwortet sind und sich langsam schon stapeln. Würde ich sie ausgedruckt auf meinem Schreibtisch betrachten können, hätten sie wahrscheinlich schon lange die Decke meiner Übermieterin erreicht.
Alles wächst mir über den Kopf und ich denke mir die gesamte Zeit, dass ich nicht einmal das Recht habe mich zu beschweren, schließlich sind einige Menschen in einer noch viel misslicheren Lage als ich und ich kann doch froh sein, mit Dingen die mir Spaß machen Geld zu verdienen und Menschen glücklich zu machen, nachdem sie teilweise schon seit mehreren Jahren davon träumen endlich Dreads zu tragen.

Aber neben all´dem, neben Instagram, dem Blog und dem Dreaden, bleibt ein kleines Stück immer wieder auf der Strecke liegen – und das bin ich selbst. Wann habe ich das letzte Mal einen Abend mit Freunden genossen, wann habe ich allgemein etwas nur für mich genossen, ohne direkt die Kamera draufzuhalten, wann bin ich das letzte Mal frei auf einem Berg gewesen?
Ich weiß es nicht mehr. Weil ich in Arbeit versinke und trotzdem das Gefühl habe nichts zu schaffen und keinen richtigen Job habe, sondern mich selbstständig und allein durch die Tage quäle. Warum fragt ihr euch jetzt vielleicht? Weil diese Schlucht zwischen einer Beschäftigung die ich gern erfülle und meinen Ängsten zu versagen viel zu groß geworden ist und ich regelmäßig falle und leicht wie eine Feder auf den Boden schwebe, um im Abgrund zu versinken.

Ich habe keine Ahnung was ich einmal mit mir anfangen möchte und ich habe regelmäßig Angst davor nicht gut genug zu sein, Erkenntnisse die ich jetzt am Abend offen aufschreiben kann, während klassische Musik aus meinem Laptop dröhnt, ich ein Glas Wein trinke, zwei Katzen neugierig auf meine tippenden Hände schauen und ich eigentlich nur von einem entspannten Tag in der sächsischen Schweiz berichten wollte. Als würde ich mich durch nichts mehr zufrieden stellen lassen und spätestens nach 2 Wochen an einem Ort sowieso langweilen.

Manchmal jedoch, das möchte ich mir an diesem Abend einreden, hilft es Erinnerungen wachzurütteln und offen über seine Gefühle zu schreiben, um danach zu erkennen wie einfältig doch das eigene Selbstmitleid ist und vielleicht laut zu lachen, sich jedoch in jedem Fall etwas besser zu fühlen. Deswegen möchte ich gerade nur die Augen schließen, an Neuseeland, Österreich und Schottland denken, an Länder mit denen ich positive Erfahrungen festhalten habe und mich sicher fühlte. Und auch an diesen Tag in den Bergen, an welchem ich es doch schaffte mir wenigstens 6 Stunden für mich selbst zu genießen und eine wunderbare Zeit genoss.

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Ich kann mich ebenfalls mit dem was du schreibst nur allzu gut identifizieren. Ich fühle mich auch nur noch wie ein gehetztes Reh, das vor seinen inneren Ängsten davonrennt. Und im Mittelpunkt das Gefühl nicht gut genug zu sein, den Ansprüchen anderer – und vor allem – den eigenen Anprüchen nicht genügen zu können. Ich rede mir immer ein „Wenn ich das und das erledigt habe gönne ich mir endlich eine Auszeit“, nur scheint dieser Zeitpunkt irgendwie niemals einzutreten, da immer neue Dinge auf die endlos lange to do Liste kommen. Ich glaube irgendwann führt es dazu, dass wir ausbrennen. Genießt man so das Leben ? Irgendwie ist es ein Teufelskreis. Das letzte Foto in deinem Beitrag weckt irgendwie eine unglaubliche Sehnsucht nach Freiheit in mir. Manchmal würde ich gerne einfach nur wegfahren und alle Probleme hinter mir lassen. Das Problem ist, dass man selbst die einzige Person ist, die etwas daran ändern kann.

Hallo du Liebe,
ich möchte dir gerne sagen, dass du deine Gefühle und deine Probleme ernst nehmen darfst. Ich selber habe auch immer gedacht, ich dürfte nicht so „rumheulen“ denn es gibt ja Menschen denen es viel schlechter geht. Das Ergebnis war, Depression, Bournout, Selbstverletzung und drei Klinikaufenthalte.
Nimm dich und deine probleme ernst
Du hast ein Recht darauf!!

Alice // tanzendefarben

Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele. Auch ich, trotz 14 Jahren und Schule und nicht vorhandener Selbstständigkeit, fühle diesen Druck, dieses innere Verlangen, etwas zu tun. Produktiv zu sein. Etwas zu tun, um überhaupt etwas gemacht zu haben, etwas zu machen, um das Gefühl zu haben, gut genug zu sein. Innere Perfektion. Manchmal tut das weh.