Aug
30
16

Gastkolumne: Über unsere Angst vor dem Alleinsein (und die kostbaren fünf Minuten vor dem Nutellaregal)

Hey, ich bin Anna und freue mich sehr darüber, einen Gastpost hier auf Katjas Blog veröffentlichen zu dürfen. Normalerweise blogge ich auf „ANNA-E“ über meine persönlichen Gedanken zu unserer Welt, meine Reisen, ein bisschen Mode und meine alltäglichen Abenteuer. Auch in diesem Text geht es um ein Gefühl, das ich aus dem Alltag gegriffen habe: Das Alleinsein.

Eine Freundin erzählte mir letztens, dass sie am Vorabend ganz plötzlich Lust auf ihr Lieblingsrestaurant bekommen hatte, aber niemanden mehr erreichte, der sie dorthin begleiten konnte. Also ging sie ganz einfach alleine und bestellte sich ihr Lieblingsgericht. Mir erklärte sie am nächsten Tag fast schuldbewusst, sie hätte nur schnell gegessen und wäre dann auch gleich wieder gegangen – aber schon das schien ihr komisch und ungewohnt vorzukommen, so ganz allein in dem Restaurant, ohne Freunde, ohne Bekannte. Wohl fühlte sie sich dabei auf jeden Fall nicht, gestand sie mir.

Erst sah ich sie ziemlich entrüstet an, mit einem Blick, der sagte: Du als emanzipierte, junge Frau mit einem gesunden Selbstwertgefühl kannst nicht alleine in ein Restaurant gehen? Schande für alle Feministinnen!

Aber dann überlegte ich. Versuchte mich daran zu erinnern, wann ich jemals schon alleine in einem Restaurant essen war. Oder nur ein Eis essen. Oder im Kino. Tja – tatsächlich glaube ich, das war noch nie der Fall.

Normal ist das Alleinsein für uns also ganz und gar nicht. Und das hat ziemlich sicher auch nichts mit Feminismus zu tun, denn sämtliche männlichen Mitglieder unserer Gesellschaft scheinen hier ganz genauso betroffen zu sein. Doch wieso?

Beziehungsratgeber und Freundschaftstipps aus Klatschmagazinen überschwemmen uns mit Ratschlägen zu perfekter Zweisamkeit. Aber wie das mit dem Alleinsein wirklich funktioniert – das erklärt uns niemand. Wieso auch? Liegt doch der Sinn unseres Daseins allem Anschein nach darin, die perfekten Bindungen zu knüpfen, die „richtigen Leute“ kennenzulernen und in ein gutes Milieu zu rutschen.

Schade eigentlich, denn im Grunde sind es doch wir selbst, mit dem wir am Ende des Tages im Reinen sein müssen. Mit dessen Gedanken und Gefühlen wir umgehen und nach dessen Gewissen wir leben müssen. Unsere Werte, Grundsätze, Gedanken sind unser persönliches Gut, sie gehören uns ganz allein. Wir können sie abgeben, weiterleiten, teilen. Aber am Ende sitzen sie immer noch uns im Nacken, sehen uns aus dem Spiegel an und flüstern uns mit ihren dünnen Stimmchen Schweinereien in die Ohren, wenn wir eigentlich viel lieber schlafen würden.

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Was ich sagen möchte: Wir setzen Alleinsein in unserem Kopf viel zu schnell mit Einsamkeit gleich. Zücken nur bei fünfminütiger Wartezeit am Bahngleis das Handy, um nicht den Eindruck sozialer Abgeschiedenheit zu vermitteln. Freitagabends alleine zuhause zu sein, vielleicht nur eine Tasse Tee zu trinken und einen Netflixmarathon zu starten – das würde doch niemand freiwillig zugeben. Stattdessen hört man nur von wilden Partys, großen Cliquen und Spaß in der Menge. Wir sind erst dann jemand, wenn wir dabei sind, mittendrin. Sonst – sind wir einfach nur alleine.

Übrigens: Einsamkeit kommt auch gar nicht vom Alleinsein. Einsam kann man auch in einer Beziehung sein, auch in einem großen Freundeskreis, auch mit vielen Bekannten. Einsam ist, wer mit sich selbst überfordert ist und sich nach Liebe sehnt, die dieses Gefühl der Leere ausgleichen kann.

Trotzdem. Wir haben Angst vorm Alleinsein. In einem Raum zu sein, nur mit uns. Ohne Ablenkung, ohne Arbeit oder Aufgaben. Und ja, das steht bestimmt auch in Zusammenhang mit der Angst davor, einsam zu sein.

Geselligkeit, soziales Vernetzen, Beisammensein sind ein großer Teil unserer menschlichen Natur. Ja klar, der Mensch ist ein Herdentier, nur wenige sind Einzelgänger.

Doch wenn wir ein bisschen an der Oberfläche kratzen, merken wir: Im Grunde sind wir es schon. Im Grunde sind wir alleine unterwegs. Auf uns alleine gestellt. Und das soll auch gar nicht traurig, bemitleidenswert oder melancholisch klingen. Denn im Alleinsein liegt auch Stärke – wenn wir sie entdecken.

Ich bin gerne allein. Ich lese gerne nur für mich, ich genieße mein Essen ohne gleichzeitig mit jemandem darüber zu reden, ich lasse mir beim Einkaufen gerne Zeit und möchte nicht von anderen durch den Laden gehetzt werden. Ich mache Dinge gerne in meinem eigenen Rhythmus, sehe mir Sachen an, die ich gerne sehen möchte, setze Proritäten, so wie ich es möchte.

Denn ja, ich bleibe gerne mal einfach fünf Minuten andächtig vor dem Nutellaregal stehen oder brauche ein bisschen länger als andere Menschen, um mich für die richtige Apfelsorte zu entscheiden. Ich halte auch gerne mal vor neuen Werbeplakaten an, um auch wirklich die ganze Schrift lesen zu können (meistens sind es dann allerdings nicht wirklich gute Werbeplakate, bei denen man es nicht schafft, die ganze Werbung im Vorbeigehen zu lesen…). Ich gehe liebend gerne ein paar hundert Meter mehr, um diesen richtig guten Kaffee zu bekommen, anstatt einfach den aus dem furchtbaren Automaten zu nehmen. Ich sehe auch gerne überdrehte, amerikanische Comedyserien im Original und lach mich kaputt. Solche Sachen mache ich, wenn ich alleine bin. Für mich. Und das ist schön, finde ich.

Und ja, ich habe trotzdem viele, gute Freunde, pflege Kontakte und wage zu behaupten, dass mich diese nicht als egomanische Einsiedlerin bezeichnen würden. Denn oft, da geht es nicht ohne Freunde. Da geht es nicht, ohne zu wissen, dass die eigene Familie hinter einem steht. Aber manchmal, da geht es eben nur alleine. Und auch darauf sollten wir uns einlassen. Findet ihr nicht?

Ich glaube, wir müssen manchmal ein bisschen mehr wir sein. Ganz pur und direkt. Auf uns vertrauen, unseren Weg, unsere Meinung, unser Gefühl. Unsere innere Verrücktheit ans Licht bringen, Nutellagläser anstarren, Kaffee hinterherrennen und Plakate andächtig lesen. Lernen, dass Zeit mit uns allein unglaublich wertvoll und bereichernd ist – und auf gar keinen Fall verloren. Dass sich mit uns zu beschäftigen, doch das ist, was uns manchmal fehlt, uns im Alltag entgleitet. Da gibt es den Job, das Studium, die Verpflichtungen, die Lunch-Dates, die Verabredung am Nachmittag und die Geburtstagsfeier am Abend. Hauptsache voll geplant, Hauptsache wir leben in diesem Strom. Aber wer von einem Strom eingesogen wird, der verliert irgendwann seine Individualität. Schneller als gedacht, untergegangen und weggespült.

Vielleicht können wir ja alle mal gemeinsam ein bisschen öfter ganz bewusst allein sein? Nur mit uns, der Welt und unseren Gedanken. Und dem Nutellaregal.

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Bilder und Worte dieses Beitrags stammen von der wundervollen Anna. Ich fragte sie um eine Gastkolumne, da ich  ihre Gedankengänge einfach wunderbar finde. Im Gegenzug schrieb ich auch einen Literaturbeitrag für sie, welchen ihr jetzt auf ihrem Blog online findet.

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6 COMMENTS

Das ist mal wieder so ein wahrer Artikel, Anna!
Ich finde es auch sehr schade, dass Alleinsein sofort mit Einsamkeit gleichgesetzt wird. Ich meine, ich bin gerne mit Freunden unterwegs – genauso mag ich aber auch die Abende, an denen ich mich ins Bett verkrümele und ein Buch lese. Letzten Sommer war ich ja alleine in Kanada und das hat mir richtig richtig gutgetan! Anfangs kam ich mir da in Restaurants oder Bars auch etwas komisch vor wie deine Freundin, aber mit der Zeit hat es mir dann überhaupt nichts mehr ausgemacht und ich habe es echt genossen, mal nur für mich zu sein!

Ganz liebe Grüße!

Ein richtig toller Gastbeitrag! Werde auf jeden Fall auf dem Blog vorbeischauen <3

Liebe Grüße
Johanna von http://missrapunzel.com/

Du hast deine Gedanken wirklich schön verpackt und damit meinen Nerv getroffen. Viel zu lange habe ich mein Glück von anderen abhängig gemacht und musste mir wirklich beibringen auch mal mit mir allein glücklich zu sein. Meine Mutter hat zwar schon immer geschimpft: „Du musst dich doch auch mal mit dir selbst beschäftigen können“, die Botschaft dahinter ist mir aber erst viele Jahre später bewusst geworden.

P.S.: Du bist nicht die einzige, die Gläser und Werbung stundenlang anstarrt und ganz bestimmte Vorstellungen vom Aussehen ihres Obst-Einkaufes hat 😉

Wenn ich allein bin, genieße ich es auch immer, genau das zu tun, was ich will und so schnell ich will. Längerer Weg zur Arbeit zu Fuß? Ja! Fahrrad zum Einkaufen und stundenlang das Gemüseangebot begutachten und mir bei der Käsewahl Zeit lassen? Ja! Ein Spaziergang vor dem Abendessen? Ja! Einen Nachmittag mich nur dem Bloggen widmen? Ja! Etwas zu Essen kochen, auch wenn ich es allein esse? Jeden Tag bitte!

Ich genieße Zeit allein sehr… vor allem im Urlaub, da ich dann für jede Sehenswürdigkeit und in jedem Museum genau die richtige Zeitmenge aufbringe. Keine Langeweile, kein Stress. Und ab und zu, wenn ich mal länger unter Menschen war, dann merke ich richtig, dass ich wieder meine Ruhe brauche 😉

Dein Artikel ist wirklich wundervoll, liebe Anna!

[…] Verschwunden im Nebel“ von Katja, erschienen hier auf ANNA-E und „Über unsere Angst vor dem Alleinsein (oder die fünf kostbaren Minuten vor dem Nutellaregal)… geschrieben von mir, erschienen auf […]

Ein Beitrag mit sehr viel Wahrheit! Ich werde in meinem Freubdschaftskreis öfters doof angeschaut, eben weil ich gerne Zeit nur mit mir selber verbringe.
Keine Frage ich könnte auch jeden Abend etwas mit Freunden und Familie machen und so einen Freund habe ich auch, aber ich brauche dieses Alleinsein fast schon so sehr wie andere die Zeit mit Freunden. Denn wenn ich nicht mit mir selber Zeit verbringen kann, was bleibt mir denn dann noch? Schlussendlich bin ich die einzige, welche immer da ist. Ich kann mich selbst nicht verlassen, also wieso nicht die Verbindung mit mir selbst pflegen? Genau so wie man eine gute Freundschaft pflegt.

Vielen Dank, dass du deine Ideen zu diesem Thema mit uns geteilt hast.

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