Aug
30
18

Entscheidungen

Ich weiß nicht, warum ich gerade in diesem Moment den Drang verspüre folgende Worte auf das Papier zu bringen, aber das Leben könnte leichter sein. Etwas sanfter vielleicht, ich könnte mich mit ausgestreckten Armen zurückfallen und mich einfach treiben lassen. Stattdessen sitze ich mit aufgeschlagenem Notizbuch auf einer Picknickdecke im Park und versuche krampfhaft eine Entscheidung zu treffen.
Entscheidungen sind noch nie richtig mein Ding gewesen, falls sie das überhaupt jemals sein könnten. Immer wenn ich mich in solch einer Lage befinde, sehe ich mich barfuß auf einer riesigen Kreuzung aus grauem Beton stehen, gezwungen meine Füße entweder nach links oder nach rechts zu setzen. Aber habt ihr schon einmal diese Schwere erlebt, mit welcher diese nächsten Schritte fest verbunden sind? Wie noch mehr grauer Beton, welcher sich um die Knöchel schlingt und einem das Vorankommen erschwert?

Hör auf dein Herz, ist ein Ratschlag den ich in der letzten Woche immer wieder zu hören bekommen habe. Als würden sie sich heimlich absprechen, fingen meine Freunde und Freundinnen sofort damit an von eigenen Erfahrungen zu berichten, wenn ich sie um Hilfe bat. Sie versuchten eine gleichwertige Situation aus ihrem Leben zu erzählen, schwiegen dann eine Weile betrübt und schoben die Verantwortung immer wieder zurück in meine Arme.
Du musst für dich allein entscheiden, keiner kann dir diese Last von den Schultern nehmen. Hör einfach auf dein Herz.

Bullshit, dachte ich mir jedes Mal wieder und war trotzdem dankbar für unsere Gespräche, in denen ich mich vor allem nicht allein fühlen musste. Voranzukommen schien ich dadurch aber trotzdem keinen weiteren Zentimeter, weshalb ich immer wieder damit anfing Listen mit meinen Gedanken zu füllen.
Ich zeichnete eine schiefe Tabelle in mein Notizbuch, eine Spalte für das Positive, eine Spalte für das Negative und eine Spalte für meine offenen Fragen. Die Zeilen füllten sich Abend für Abend, ich wägte immer wieder ab und verstand nach einigen Stunden erneut, warum ich doch auf mein Herz hören sollte. Aber wer sagt mir schon, dass mein Bauchgefühl die richtige Entscheidung in diesem schwerwiegendem Moment treffen kann und möchte ich mich wirklich darauf verlassen?

In den besseren Stunden der letzten Zeit wusste ich innerlich, dass ich mich schon vor langer Zeit für den einen Pfad entschieden hatte. Alles was ich verspüre und was mich zum Zweifeln bringt ist die reine Vorstellung davon sich wirklich zu entscheiden und wie ein erwachsender Mensch die Konsequenzen zu tragen. Ich verspüre nichts weiter als pure Angst etwas zu verändern und später vielleicht festzustellen, dass diese Entscheidung ein riesiger Fehler gewesen ist. Und obwohl ich genau weiß, wie sehr mich dieses „was wäre wenn?“ immer verfolgen wird, drücke ich mich davor loszulassen und endlich das Risiko einzugehen.
Entscheidungen lassen sich immer irgendwie rückgängig machen, erzählte mir einer meiner Freunde, aber in diesem Fall kann ich ihm einfach nicht glauben. Ich fühle genau, dass vor mir etwas endgültiges steht und ich mich nicht einfach wieder umdrehen kann, um ein paar Schritte zurück in die Sicherheit zu taumeln. Weshalb ich abwäge, Listen schreibe, versuche auf mein Herz zu hören und trotzdem einfach nicht loslassen kann.

Ich weiß nicht, warum ich gerade in diesem Moment den Drang verspüre folgende Worte auf das Papier zu bringen, aber das Leben könnte leichter sein. Etwas sanfter vielleicht, ich könnte mich mit ausgestreckten Armen zurückfallen und mich einfach treiben lassen. Stattdessen sitze ich mit aufgeschlagenem Notizbuch auf einer Picknickdecke im Park und versuche krampfhaft eine Entscheidung zu treffen.
Schon während ich diese Worte schreibe, wird mir unweigerlich klar wie luxuriös mein Leben doch ist und über welche Probleme ich mir überhaupt Gedanken machen kann. Wie klein und unbedeutend ich mir doch dabei vorkomme in meinem eigenen egoistischen Selbstmitleid zu baden, während ich mich doch eigentlich schon entschieden habe. Eigentlich.

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ONE COMMENT
Mary

Bei deinen Worten ist mir folgendes Zitat eingefallen, dass mir immer hilft. “If you obsess over whether you are making the right decision, you are basically assuming that the universe will reward you for one thing and punish you for another. The universe has no fixed agenda. Once you make any decision, it works around that decision. There is no right or wrong, only a series of possibilities that shift with each thought, feeling, and action that you experience.”

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