Feb
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Eine bittere Lüge

Sie sehen immer wieder schön aus, die Fotos. Mitten in einem kleinen Wald am Rande der Stadt, die Augen geschlossen, die Lunge gefüllt mit frischer Luft, der ganze Körper verbunden mit der Natur. Was für eine bittere Lüge.
In Wahrheit liegt das kleine Waldstück direkt neben der Autobahnausfahrt, Sekunde um Sekunde rauscht ein neues Gefährt an der ruhigen Idylle vorbei. Gefolgt von einem lauten Hupen und ein paar einzelnen Vögeln die schüchtern zwischen den Bäumen zwitschern. Die Wahrheit besagt, dass ich an einem kalten Dienstag Morgen mit dem Stativ und der Kamera dahin gestapft bin, für schöne Fotos, für ein neues Bild auf dem ich bewundert werden möchte, für ein neues Outfit.

Das ist die Realität und sie nervt mich. Sie nervt mich so sehr, dass ich etwas ändern musste (mehr dazu im nächsten Beitrag), weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe. „So ein schönes Bild!“, oder „Was für ein schönes Outfit!“, werdet ihr später kommentieren und damit dieser großen Lüge glauben, während ich wieder einmal in meinem Konsumwahnsinn sitze und mich nach dem Sinn frage.
Als Bloggerin, Instagrammerin, wie auch immer, dreht sich alles immer nur um die eigene Person. Der eigene Kosmos dreht sich um neue Trends, neue Outfits und eine riesige Portion Selbstdarstellung. Vielleicht hadere ich genau deshalb immer wieder mit mir selbst und meinem Selbstbewusstsein, was ich später versuche mit neuer Kleidung zu kompensieren.

Dieses gesamte Leben abseits der Realität ist mittlerweile glaube ich für keinen von uns ein Geheimnis mehr, was aussieht wie ein Lifestyle voller glücklicher Momente beweist sich als knallhartes Business. Ich werde nie ein Teil davon sein und möchte auch nie ein Teil davon sein, darüber schrieb ich schon vor einem Jahr, aber trotzdem werde ich immer mehr in diesen Sog gerissen.
Auch in der nachhaltigen Branche wird Werbung gemacht, es wollen die neusten Teile oder Kollektionen gezeigt werden und mein Kleiderschrank wird voller und voller. Hin und hergerissen zwischen Freude über faire Kleidung und der Aufmerksamkeit die ein nachhaltiges Leben damit bekommt und meinem eigenen Gewissen zwischen den Klamottenhaufen weiß ich manchmal nicht mehr wo meine Grenze liegt.

70 Kleiderbügel habe ich mir vor knapp einem halben Jahr als Grenze gesetzt, nachdem ich versuchte eine Zeit lang keine neue Kleidung zu kaufen und den Überblick zu behalten. Und genau diese 70 Kleiderbügel erreichen viel zu oft ihr Limit, ich sortiere viel zu oft aus und stehe mindestens genauso oft vor meinem Kleiderschrank, überfordert mit der riesigen Auswahl.
Also verkaufe und verschenke ich, aber im selben Moment scheint der Postbote an meiner Tür zu klingeln und bringt eine neue Ladung herein. Und das Problem liegt nicht allein an ihm, auch ich werde immer öfter schwach, zum Beispiel bei dem Mantel auf den Bildern, der mich gerade einmal 3,00€ im Second Hand Laden gekostet hat. „So billig und schön!“, denke ich mir dann und verschwende in diesem Moment keinen Gedanken an die Masse die schon bei mir im Schrank hängt.

Ich möchte aber mein Selbstbewusstsein nicht mehr durch neue Kleidung auffrischen, sondern wieder mehr dazu zurückkehren bodenständig zu bleiben. Mit Inspiration in einem richtigen Maß und Denkanstößen die euch auch weiterbringen. Deshalb werden nach diesem Beitrag noch 2 weitere dieser Art folgen, einen den ihr euch schon lange wünscht und den ich auch dringend nötig habe, nämlich über Selbstbewusstsein und ein anderer über den ich noch nichts sagen möchte.
Das Internet soll sich nicht mehr nur um meine Person drehen, auch wenn es das im gewissen Maße immer tun wird, sondern viel mehr über spannende Projekte, ein normales Leben und Gedanken die euch weiterbringen. Denn ein Teil von dieser selbstinszenierenden Welt bin ich schon viel zu lang und ich möchte wieder einen Schritt zurücktreten, in ein Leben an dem andere Dinge an erster Stelle stehen.

Denn sie sehen immer wieder schön aus, die Fotos. Mitten in einem kleinen Wald am Rande der Stadt, die Augen geschlossen, die Lunge gefüllt mit frischer Luft, der ganze Körper verbunden mit der Natur. Nicht mehr und nicht weniger als eine bittere Lüge.

Outfitdetails
Schuhe: Dr. Martens // hier aus Leder (!)
Hose: Second Hand von Topshop // hier das Original (nicht nachhaltig), hier eine faire Alternative 
Pullover: Second Hand von fyt Vintage (*prSample) // hier eine faire Alternative
Mantel: Second Hand // hier eine faire Alternative
Schal: Second Hand
Uhr: Kerbholz (*prSample) // hier mit Lederarmband (!)

Equipment
Kamera: Canon EOS 6D // hier
Objektiv: 50mm // hier
Stativ: Hama // hier
Bildbearbeitung: Lightroom // Windows hier Mac hier (und hier habe ich eine Anleitung dazu geschrieben)

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9 COMMENTS
Julia

So so, eine bittere Lüge also. Tja, wenn man mit einem Anspruch auf Authentizität des Dargestellten an die Fotografie herangeht, so muss man leider Gottes konstatieren, dass es in Deutschland kein unberührtes Fleckchen Urwald mehr gibt. Alles aufgeforstet, alles eine menschliche Kreation. Fichte, Fichte, Birke, Birke etc. ad infinitum. Da spielt die Größe und Lage dann auch keine Rolle mehr. Autobahn hin oder her. Man nimmt, was man kriegen kann. Was die Fotos betrifft, sehe ich darin keine Lüge. Fotografie ist eh immer eine Kopie, ein Ausschnitt der Wirklichkeit, den man einrahmt. Also Kunst. Und Kunst muss nicht zwangsläufig ehrlich sein. Sie muss beim Betrachter etwas auslösen. Und das tun deine Fotos. Besonders die letzten, die nicht auf das vorgegebene insta-Maß quadriert sind. Folglich Katja, und da sage ich dir ja nichts Neues, bist du eine Künstlerin. Da gehört ein wenig Egozentrismus dazu. Deine Selbstreflexionen sind ja quasi das künstlerische Produkt und was der Endverbraucher damit anstellt, hast du nicht in der Hand. Soll nicht heißen, Verantwortung adieu! Sondern nur, dass du diesen Prozess eh nicht aufhalten kannst und auch nicht sollst. Ich mag es sehr, deine Entwicklung mitzuverfolgen.

Du hast so Recht, die Fotografie ist immer nur eine mehr oder weniger perfekte Illusion, sie stellt ein Bild da was der Fotograf sieht, aus seiner Perspektive, aus seinem Blickwinkel. Ich würde mich selbst nie als Künstlerin bezeichnen, vielleicht ist es genau das, dazu habe ich letztens eine sehr schöne Ausstellung gesehen. Sie hat sich mit Selbstwertgefühl und der Kunst beschäftigt, auf ihre ganz eigene Weise.
Ob ich meine Selbstreflexion wirklich weiter als Produkt hinstellen möchte muss ich mir noch klar werden, da gibt es schließlich weitaus wichtigere Themen in dieser Welt.

Pauline

Ich kann meiner Vor-Kommentiererin Julia wirklich nur zustimmen Katja. Fotografie ist Kunst, das was du tust ist Kunst und das muss nicht zwangsläufig naturalistisch sein, sondern kann genau so gut romantisch sein (ja, ich schreibe bald Deutsch und lerne Epochen 😀 )
Und du verfolgst damit doch einen höheren Zweck – du willst gesehen werden, weil du eine unglaublich wertvolle Message hast, von der mehr Leute erfahren sollen. Und dazu braucht es schöne Bilder und dich auf ihnen, weil das ist es was wir sehen wollen und damit lockst du an.
Dein Ziel sind nicht Bewunderung für die schönen Fotos, sondern eine Message an deine Follower und Leser weiter zu geben und das ist so so wichtig und gut.

Liebe Grüße
Pauline <3

https://mind-wanderer.com/2018/02/17/5-eco-friendly-must-haves-everyone-should-use/

Viel Erfolg bei deiner Prüfung und danke für den tollen Beitrag!

Julia

Hi Katja,
Ich finde es gut , dass du dich nicht nur auf das Äußere reduzieren willst. Ich verstehen nur nicht warum du dann immer Angaben zu deinen Outfits gibst ( Outfit: Schuhe: DrMartens … ). Bist du selbst soooo begeistert von deinen Klamotten? Oder hat das mit dem Zwang sich dastellen zu müssen zu tun?
Wegen mir könntest du das auch weglassen.
Liebe Katja das soll jetzt kein Hate sein. Ich würde mir wünschen, dass du mir auf mein Kommentar antwortest.
Grüßle Julia

Hey,
genau da liegt der Zwiespalt, ich möchte euch faire Marken vorstellen und irgendwie ist Mode auch ein Teil von mir. Ich für meinen Teil finde nicht, dass eine reine Outfitangabe gleich als Selbstdarstellung gilt, da gehört so viel mehr davon dazu, was ich in letzter Zeit geteilt habe. Und im Gegensatz zu genau diesem sinnlosen Content geben euch die Links wenigstens etwas Mehrwert.
Liebe Grüße,
Katja

Sabrina

Wo genau ist der sinnlose Content? Ich sehe keinen. Ganz im Gegenteil. Ich finde solche Beiträge so wichtig. Um den LeserInnen aufzuzeigen, wie es wirklich aussieht. Viele verlieren sich in eine Traumwelt, wenn sie tolle Beiträge mit perfekt gestylten Menschen und super Fotos sehen. Es ist legitim, sich manchmal der Realität zu entziehen. Und dann ist es doch wieder gut, auf den Boden zurück geholt zu werden.
Ich blogge auch zum Thema Nachhaltigkeit. Mit ziemlich schlechten Fotos, aber doch passablen Klickzahlen für ein Freizeitprojekt. Deshalb werde ich in der „großen Bloggerszene“ (ich nenn das so, weil es ganu viele kleine Nischen auch gibt) als Möchtegern-Bloggerin abgestempelt. Das tat kurz weh, mittlerweile gehe ich wieder mit aufgesetzter Krone meinen Weg weiter. Auf Selbstdarstellung steh ich nicht so. Obwohl Selfies die meisten Klicks bringen. Ich hasse aber das Posen und die Sache soll im Vordergrund stehen, nicht meine Person. Das klappt auch ganz gut.
Alles Liebe & weiterhin viel Erfolg,
Sabrina

Elena

Hi Katja, ich kann das Gefühl Selbstbewusstsein durch Kleidung und Stil zu finden so gut nachvollziehen. Seitdem ich angefangen habe meinen eigenen Style zu tragen und ein bisschen spannendere Outfits zusammen zu stellen, die mich wirklich glücklich machen, fühle ich wohler in meinem Körper und kann irgendwie wenigstens durch Kleider genau die Person sein, die ich gerne wäre. Und auch ich habe wahnsinnig zu viele Teile, keine Frage, aber wenn das eben ein so grosser und wichtiger Teil von dir ist, der dich auch irgendwo ausmacht, dann solltest du dich nicht zu stark darüber verurteilen. Du siehst deine Liebe zu Kleidern und zum Shoppen vielleicht als Willensschwäche, aber du kannst es auch umdrehen und sagen, dass du deinen Konsum überall runterschraubst, aber dir bei Kleidung etwas Freiraum lässt, weil es Teil von deiner Kreativität ist. Jedenfalls sehe ich das bei deinen Outfits so. Dein Blog gefällt mir übrigens wahnsinnig gut, ich bin super froh dass ich auf dich gestossen bist, denn so einen schönen und gendanken anregenden Blog habe ich glaube ich noch nie gelesen. Ich freue auf deine nächsten Posts!
Alles Liebe, Elena

Ich weiß genau was du sagen möchtest, aber genau dieser Freiraum macht mich fertig und genau deshalb möchte ich mich weiter einschränken, weil ich weiß wie gut es mir tun wird einfach durchzuhalten. Nur der Prozess dahin ist schwierig, aber das war von Anfang an klar.
Danke für deinen Kommentar, ich hoffe du findest auch in Zukunft etwas Inspiration hier!

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