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        Es war der 8. September, als die Tür mit einem Ruck hinter mir zufiel, bevor ich mich mit dem Rücken an sie lehnte und Halt suchend an ihr entlang auf den Boden rutschte. Die Tränen, welche ich mir bis zu diesem Moment noch mühsam unterdrückt hatte liefen mir in Strömen über die Wangen.
        Dabei wollte ich diese Stunden genießen und nicht elendig und mit aufgequollenen Augen auf dem Boden hocken. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und strich das Bild von dem davonfahrenden Auto und ihrer winkenden Hand aus meinem Kopf.

        Ich versuchte mich stattdessen darin mich langsam aufzurichten und lief ein paar Schritte durch die neuen, kahlen Wände, während ich gleichzeitig versuchte mir mit dem Handrücken das Salzwasser aus dem Gesicht zu wischen. Aber es half alles nichts, beim Anblick des Stuhls, den wir noch vor wenigen Minuten zusammen aufgebaut hatten, kamen alle Emotionen wieder hoch.
        Monatelang freute ich mich darauf endlich allein zu wohnen und mein Leben in den Griff zu bekommen und jetzt, als es endlich soweit war, keimte immer wieder das Gefühl der Einsamkeit in mir auf. Ich hatte Angst vor der Verantwortung die ab diesem Moment auf meinen Schultern lag, aber noch mehr Angst hatte ich davor zu versagen.


        Erst nachdem ich mich nach einem Anruf, einer heißen Dusche und mehreren Taschentuchpackungen auf dem riesigen 1,40 Meter Bett in seinen Armen befand, konnte ich loslassen und meine neue Freiheit genießen.
        Ich war noch nie so dankbar dafür, dass er einfach in den Zug stieg, nach Leipzig kam und mir zeigte wie sich die leeren Wände mit etwas Leben füllen lassen. Die dritte Nacht dann schaffte ich sogar allein in der endlosen Weite, ohne einen einzigen Gedanken an die Geborgenheit die mir noch so sehr fehlte, was mich langsam Hoffnung schöpfen ließ.

        Am Tag darauf stieg ich jedoch auch schon in den nächsten Bus in Richtung alte Heimat, was nicht unbedingt dem Heimweh, sondern mehr Verpflichtungen und der Arbeit verschuldet war. Dieses merkwürdige Gefühl aus Wiedersehensfreude und Ernüchterung lässt sich für mich nur schwer in Worte fassen. Es war fast wie damals, als ich aus Neuseeland wiederkam und in mein altes Zimmer zog, nur, dass ich diesmal für kürzere Zeit fern war und jederzeit wieder gehen konnte.
        Meine Eltern hatten meine Abwesenheit schon fleißig ausgenutzt was die Zimmergestaltung anging, wobei sich immer noch Sachen von mir in den Regalen tummelten. Ich nahm ein paar von ihnen mit in meinen Rucksack, genoss es diese Tür wieder hinter mir zu schließen und merkte, dass mir der Abschied wieder einmal unerwartet schwer fiel.
        Wieder in meinem neuen zu Hause (und ich nenne es an dieser Stelle bewusst mein zu Hause), stellte sich dafür schon bei der Ankunft etwas Vertrautheit bei mir ein. Ein netter Zettel meiner Mitbewohnerin begrüßte mich zurück in Leipzig und der Regen vor der Tür bewegte mich dazu eine Tasse heißen Tee zu kochen und warm eingekuschelt tatsächlich etwas Gemütlichkeit in den teilweise immer noch sehr kahlen Wänden aufkommen zu lassen.

        Ich wappnete mich an diesem Nachmittag innerlich für alle emotionalen Dinge die in den nächsten Monaten auf mich zukommen: Der Abschied nach dem Einweihungsessen, die halbe Fernbeziehung und sogar die Renovierung meines alten Zimmers. Denn auch, wenn es nie wieder mein zu Hause sein wird und sich alte Zeiten nicht wiederholen lassen, „hast du immer ein Bett frei bei uns.“, um es in den Worten meiner Mama zu schreiben. Und das ist doch das Schönste, zu wissen, dass man nicht allein ist. Auch wenn es sich manchmal vielleicht so anfühlt.




        7 COMMENTS

        Ich kann gerade so mit dir fühlen. Ich bin vor zwei Wochen auch selbst erst umgezogen. Das erste mal in den eigenen vier Wänden zu sein ist ein tolles Gefühl. Doch den ersten Abend in der Wohnung verbrachte ich damit zu weinen. Ich fühlte mich unglaublich einsam. Meine Eltern fehlten mir schrecklich und ich wollte nur noch weg. Doch der Mensch gewöhnt sich an alles. Also habe ich mich nun auch ans Alleinsein gewöhnt. Ich fühle mich mittlerweile wohl und komme gut damit klar. 🙂

        Ich hatte beim Lesen Gänsehaut – weil dein Text so berührend geschrieben ist und ich das Gefühl auch kenne, nur noch nicht so „endgültig“. Das kommt aber gerade auf mich zu und diese Mischung aus Vorfreude und Angst etwas zu verlieren, ist ein sehr starkes Gefühl…

        Wie du mit Worten umgehst, die spielerisch zu einem sinnvollen Text/ Gedanke wieder spiegelt, finde ich immer wieder faszinierend! Es erinnert mich sehr daran, wie ich damals mit 21 Jahren nach Leipzig gezogen bin. Die Vorfreude war bis zum Umzug da, doch der erste Abend in der ersten eignen Wohnung, zerbrach meine Vorfreude. Man ist jetzt für sich selbst verantwortlich , ein großer Schritt ins Erwachsenen sein. 8 Jahre war Leipzig mein zuhause und heut mit 33 Jahren vermisse ich es. Aber, ich kann mir vorstellen, das Du das hinbekommst:) Nein, ich weiß es. Du bist ein authentischer Mensch. Die neue Stadt wird dir sicherlich genauso gefallen, wie deine Heimat. Danke für die tollen Worte!

        Carlotta Sophie Fuchs

        ganz toller Text! Beschreibt genau das, was ich vor 3 Monaten bei meinem Umzug aus Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg gefühlt habe. Danke für das teilen, solcher intimer Gedanken! LG aus Heidelberg

        Deine letzten zwei Sätze haben mir prompt die Tränen in die Augen getrieben. Ich finde es wahnsinnig schön wie du mit Worten umgehen kannst und in diesem Beitrag beweißt du mal wieder dein ganzes Talent. So wunderschön wie ehrlich und verletzlich du deine Gedanken mit uns teilst und ich fühle jetzt schon ein ziehen in meiner Magengegend, wenn ich an meinen eigenen Auszug bzw. meinen Abschied von meinem zu Hause denke. Aber ich denke auch das ist ein Schritt zum erwachsen werden, den du ebenso wie viele andere schon meistern wirst. Versuch dir einfach deine eigenen Mut-Mach-Worte aus einem vorherigen Beitrag und die vielen Vorteile, die das „Allein-Leben“ haben in den Sinn zu rufen.
        Ich wünsche dir ganz viel Erfolg dabei!

        Liebe Grüße
        Pauline <3

        http://www.mind-wanderer.com

        Sehr schön geschriebener Text! Ich hatte selbst ein paar Tränen in den Augen weil ich an meinen eigenen Umzug vor einem Jahr denken musste. Aber ich kann sagen, dass sich die erste eigene Wohnung mit der Zeit immer mehr nach einem zu Hause anfühlt. Und auch wenn es Phasen gibt, in denen einem alles zu viel wird und man sich einsam fühlt und einfach nur zurück in das „alte“ zu Hause will, freut man sich doch immer wieder wenn man nach einiger Zeit wieder in seiner Wohnung steht.

        Ganz ganz wunderbar.
        Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit als ich in ein neues zu Hause gezogen bin. Meine Familie war weg, die Geborgenheit, alles anders, neue Wohnung die noch leer ist. Ich fühle ganz mit dir. Aber Leipzig ist wundervoll, du wirst hier tolle Leute kennenlernen und Leipzig lieben! Genieß diese Zeit der Veränderung. Bei Tipps für Leipzig, schönen Plätzen oder so schreib mir doch einfach mal. 😀
        Mich würde es natürlich irgendwie auch interessieren in welchen Stadtteil du gezogen bist. 🙂
        Herzlichste Grüße Vik 🙂

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