Apr
02
18

Die ständigen Vergleiche und unser Schubladendenken

Der Wind weht mir sanft durch meine Haare, er ist noch ein wenig zu kalt für den ersten Frühlingstag in diesem Jahr. Genau wie unsere Freundschaft wagt er sich langsam hervor, sucht aber noch Schutz in der Zeit, um sich in seiner wahren Schönheit zu entfalten.
Wir laufen durch einen von diesen hässlichen Wohnblöcken, ein graues mehrstöckiges Haus reiht sich an das nächste, aber in mir kommt ein Gefühl der Freude auf, als ich den kleinen Kanal und die letzten Sonnenstrahlen des Tages entdecke.

„Du wirkst ziemlich reif für dein Alter.“

In dieser Kulisse laufen wir also nebeneinander, tauschen Gedanken und Geschichten aus. „Du wirkst ziemlich reif für dein Alter.“, meint mein Gegenüber irgendwann, als wir gerade die Brücke über den letzten verbliebenen Eisschollen überqueren.
Diese Aussage, in dieser und anderen Formulierungen, habe ich schon öfter zu hören bekommen, ich wäre reif, weise und meine Gedanken ziemlich weit für mein Alter. Eine Art Kompliment vielleicht, die dem näheren Betrachter jedoch undurchdacht erscheinen mag.

Wie kommt man überhaupt zu der Anmaßung, man könnte von einer einfachen Zahl auf den Reifegrad und die Persönlichkeit eines Menschen schließen, als würden man Fakten von einer Tabelle ablesen? Und warum fällt es uns so unglaublich schwer eine Person zu betrachten, ohne sie zu vergleichen? Wieso scheint uns immer ein gesellschaftliches Ideal im Kopf herum zu schweben?
Ich habe schon oft versucht meine Eigenschaften und meine eigene Persönlichkeit, meine Stärken und Schwächen zu Papier zu bringen und doch geht es mir wie meinem Gegenüber auf der Brücke über den Eisschollen – ich vergleiche.

Dennoch möchte ich kein Talent auf meine Liste setzen, weil ich jemanden kenne der etwas schlechter in genau dieser Tätigkeit ist und mich dadurch besser fühlen. Genauso wenig, wie ich nicht immer wieder feststellen möchte, dass andere Menschen mich in meinen Schwächen übertreffen und etwas besser als ich können.
Dieser ständige Blick nach links und rechts hat sich für mich noch nie gelohnt, stelle ich immer wieder fest. Ich kann Dinge gut und genau an dieser Stelle möchte ich weiterarbeiten. Vielleicht bedeutet diese Einstellung ich bin nachdenklich und wäge vieles ab, während mein Umfeld das nicht tut. Aber das kann mir doch egal sein, oder nicht?

Warum ziehen wir immer wieder dieser Vergleiche?

Ein Vergleich führt grundlegend immer zu einem Gewinner und einem Verlierer und auf das Alter, eine unwichtige Zahl bezogen, erscheint er mir noch erbärmlicher. Warum ziehen wir ihn dann doch immer wieder?
Brauchen wir Stützen, um einen Menschen in eine unserer Schubladen stecken zu können? Kann er ohne diesen Vergleich nicht auch schlau, reif oder erwachsen auf uns wirken?
Ihr urteilt jetzt vielleicht, dass ich Harmonie in meinem Leben brauche, aber ich möchte weder die Gewinnerin, noch die Verliererin sein. Sich eine Stufe höher zu stellen, macht für mich genauso wenig Sinn wie eine darunter zu stehen.

Genau darüber diskutieren wir, als die Sonne immer weiter unterging und die Straßenlaterne am Rand des Weges langsam anfingen gelb zu leuchten. Warum brauchen wir sie immer wieder, diese Ordnung durch Vergleiche in unserem Kopf? Und was hat das Alter schon zu sagen?

Outfitdetails
Schuhe: Dr. Martens
Jumpsuit: Onimos
Pullover: Second Hand
Mantel: Second Hand

Fotografien von Julius Erler, danke dafür! 

Fotografien von Julius Erler, danke dafür! 

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ONE COMMENT
Juliet

Durch Vergleiche stellt man sich selbst und seine Entscheidungen oft in Frage. „XYZ ist an etwas gescheitert und wenn ich so darüber nachdenke schaffe ich es dann doch erst recht nicht.“ Solche Gedanken hatte ich oft und habe sie manchmal immer noch, aber lerne gerade damit umzugehen und mich nicht mehr selbst in Schubladen stecken zu wollen, sondern stattdessen mein eigenes Ding durchzuziehen und so zu sein wie ich sein will, egal ob es vielleicht gerade dumm ist, denn ein Mensch, der so vielseitig sein kann, sollte sich nicht selbst durch Vergleiche mit anderen einschränken.
Ich finde dich und deine Blog-Einträge sehr inspirierend! Du regst einen zum nachdenken an und bist dabei so authentisch, was man im Internet meiner Meinung nach sehr schätzen sollte.

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