Jan
09
16

Der Rest ist Schweigen

Ich sitze in meinem Zimmer auf dem Bett und lege das Buch aus meinen Händen. In den letzten zwei Tagen habe ich viel darin gelesen, es nahezu verschlungen. Müde wische ich mir die Tränen aus den Augen. Ich fühle mich leer. So leer wie man sich fühlt, wenn man in eine fremde Geschichte abgetaucht ist und diese nach Stunden des Bangens einfach endet. Ich habe mitgefiebert, gefühlt und getrauert. Es ist 21:40 und ich komme mir dämlich vor wegen eines blöden Buches geweint zu haben. 

„Für dieses Buch brauchen Sie viele Taschentücher, hat ein Kritiker geschrieben. Bei mir ging es ohne, aber genau das macht dieses Buch so wunderbar. Es ist traurig, aber nie rührselig.“ hat Christine Westermann auf dem Buchrücken verewigt. Das ist eine Lüge. Ich habe geweint weil ein kleiner Junge erfahren musste, dass seine Mutter Selbstmord begangen hat und ihn verließ. Weil er eine Herzkrankheit hatte und ihm keiner zuhören wollte. Er wurde nicht verstanden, stürzte sich allein in die Suche nach der Wahrheit. 
Jetzt fühle ich mich leer, weil ich ihm 334 Seiten lang nicht helfen konnte. Ich hätte ihn gern gedrückt und in den Arm genommen, ihm gesagt das alles gut wird. Aber ich konnte nur weiterblättern, die Buchstaben schwarz auf weiß in mich aufnehmen und hoffen, dass jemand diesen Jungen versteht. 
Er war nur 12 Jahre alt und doch so erwachsen. Mit einem MP3-Player nahm der die Gespräche der Erwachsenen auf und versucht alles herauszufinden. Er sammelte Informationen über seine Mutter, seinen Vater und seine neue Frau und hielt seine eigenen Ideen auf dem Aufnahmegerät fest. Ein kleiner Junge versuchte sich die Welt zu erklären und wurde dabei von außen immer wieder beschimpft und zurechtgewiesen, weil er anders als die Anderen war. Er war unverstanden und einsam, verkroch sich im Zimmer mit seinem ausgedachten Freund, während seine Familie immer weiter auseinander gerissen wurde. Jeder war mit seinen eigenen Problemen beschäftigt und keiner kümmerte sich um ihn. Es zerreist einem das Herz.
Carla Guelfenbein
Der Rest ist Schweigen 

Klappentext: Als der kleine Tommy zufällig vom Selbstmord seiner geliebten Mutter erfährt, stürzen tausend Fragen auf ihn ein. Gewappnet mit einem Aufnahmegerät, versucht der empfindsame Junge der Welt die Antworten abzulauschen, die ihm die Erwachsenen verwehren. Über seine Mutter, über den Vater und dessen zweite Frau Alma, über sein Herz. Allmählich beginnt Tommy, die inneren und äußerden Grenzen der freidlichen Vorstadtwelt von Santiago de Chile zu überschreiten und sich ins wirkliche Leben vorzutasten. Tommys Vater, ein vielbeschäftigter Chirurg, und Alma ahnen nichts von diesen Erkundungen, ringen sie doch ihrerseits mit großen Fragen. Bis eines Tages Tommys Aufnahmegerät an seiner Stelle spricht und nichts mehr ist, wie es wahr. 
Carla Guelfenbein erzählt von drei Menschen, die einander liebend umkreisen und nicht zueinander finden – bis zur großen Kollision, die alle Gewissheiten vernichtet und völlig neue Entwürfe verlangt.

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4 COMMENTS

Oh das klingt echt nach einer harten Geschichte, die wirklich berührt 🙁 Ich muss sagen, dass ich solche Bücher gar nicht lesen kann, weil mich sowas danach sehr belastet :/

Liebe Grüße,
Kiamisu

Das klingt ja wirklich sehr spannend und auch nach einer berührenden Geschichte.
Danke fürs Vorstellen
Liebe Grüße, Michelle von beautifulfairy

Ich kann mir vorstellen wie hilflos du dir vorkamst. Aber genau das ist einfach ein tolles Talent des Schreibers. Jemanden durch Worte so mitzureißen und in ein Gefühlschaos zubringen.

Liebe Grüße

Wow das klingt ja wirklich spannend. Eine tolle Geschichte.
Liebe Grüße
Caro

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