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        „Ein Blick in deine Augen verrät mir die Wahrheit“, flüsterte sie und drehte ihren Kopf leicht zur Seite. Ein blasses Mädchen blickte ihr entgegen, aber sie erkannte es nicht. Sie konnte sich darin selbst nicht wiederfinden. Wie ein verfälschtes Spiegelbild.
        Vorsichtig legte sie eine Hand an das kühle Glas, als würde sie diese Bewegung näher bringen. Doch ihre Fingerspitzen waren das Einzige, was sie in diesem Moment teilten. Zwei Fremde im gleichen Körper.

        Das Mädchen hinter dem Glas sah müde aus, geschafft. Dunkle Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab und gaben ihrem zarten Gesicht etwas unheimliches. Es trug einen viel zu großen grauen Pullover wie einen Schutzmantel um sich, als könnte sie sich darin verkriechen und vor der Welt verstecken.
        „Nein, das bin ich nicht!“, wollte das Mädchen vor dem Spiegel rufen, doch sie konnte ihren Blick nicht abwenden. Denn beim genauen hinschauen fand sie immer mehr Ähnlichkeit. Da war das silberne rebellische Nasenpiercing, die dunklen blauen Augen und vor allem die rundliche Gesichtsform.

        Ihr Spiegelbild sah aus wie eine ältere Version von ihr, welche sie noch nicht ganz akzeptieren wollte. Weil sie innerlich immer noch an ihren Prinzipien hing und nicht bemerkt hatte, wie sich die Veränderung langsam auch in ihr Leben schlich.
        Dieses Mal war nur eines von tausenden in denen sie verträumt vor dem Spiegel stand, doch dieses Mal hielt sie für eine lange Zeit inne und versuchte sich mit ihrem neuen Ich vertrauter zu machen. Sie starrte minutenlang an die Glasscheibe und merkte, dass sich nicht nur äußerlich viel getan hatte.

        „Was hast du denn auch erwartet?“, fragte sie sich spöttisch und verzog den Mund. „Natürlich wusstest du, dass dich dieses verdammte Jahr verändern wird“.
        Dieses verdammte Jahr. Ein Jahr im Ausland, ein Jahr weg aus dem normalen Leben. Die Entscheidung war ihr damals leicht gefallen und sie bereute sie bis heute keine Sekunde, auch wenn ihr das Mädchen hinter dem Glas unbekannt war.

        Was sich verändert hatte? – Das lässt sich nicht in Worte fassen.
        Als sie loszog um die Welt zu entdecken war sie damit eine von vielen die nicht wussten was sie mit ihrem Leben anfangen sollen und hofften, die Antwort am anderen Ende der Welt zu entdecken. Sie war offen, aber trotzdem schüchtern, hatte Angst vor dem Unbekannten und hoffte innerlich, dass ihre Erwartungen erfüllt werden. Wie ein weißes unbeschriebenes Blatt machte sie sich unschuldig auf dem Weg um endlich beschrieben zu werden. Mit aufregenden Abenteuern und Erlebnissen, mit neuen Erfahrungen und vor allem guten Menschen.

        In diesem Moment, genau 8 Monate später, hatte sie verschiedene Jobs gehabt, war viel gereist, hatte Probleme bewältigt die sich keiner vorstellen konnte, sie war selbstständiger geworden und sie hatte es geschafft aus völlig fremden Menschen Freunde werden zu lassen. Und all´diese Emotionen erblickte sie das erste Mal in ihrem Spiegelbild.
        Glücklich sah das Mädchen hinter dem Spiegel trotzdem nicht aus. Eher… fertig.

        Es trug einen Blumenkranz im Haar, als Zeichen für unglaublich schöne Momente, als Erinnerung an all´die schönen Dinge und ihre Lippen fingen an sich leise zu bewegen. „Es ist Zeit“, flüsterte sie leise. Und das sie begann auf einmal zu verstehen, was die Worte der Fremden hinter dem Glas zu bedeuten hatten – es war die Zeit gekommen um abzuschließen. Einen neuen Weg zu gehen. Den Rucksack erneut zu packen. Weiterzuziehen.
        Ihr war es schon immer schwer gefallen von sich selbst überzeugt zu sein und vor allem von der Zukunft überzeugt zu sein. Aber diesmal, wurde ihr bewusst, wusste sie genau was sie wollte. Denn im Gegensatz zu vielen die nicht wussten was sie mit ihrem Leben anfangen sollen und hofften, die Antwort am anderen Ende der Welt zu entdecken, hatte sie das erste Mal einen richtigen Plan. Und der wird gut.

        „Ein Blick in deine Augen verrät mir die Wahrheit“, flüsterte sie erneut und drehte ihren Kopf leicht zur Seite. Ein Spiegelbild blickte ihr entgegen, aber sie erkannte es nicht. Sie konnte sich darin selbst nicht wiederfinden.
        Vorsichtig legte sie eine Hand an das kühle Glas, als würde sie diese Bewegung näher bringen. Ihre Fingerspitzen waren das Einzige, was sie in diesem Moment teilten. Doch sie vertrauten sich auf eine ganz besondere Weise.







        5 COMMENTS

        hallo Katja, das Gefühl kenn ich auch. hab viele kleine reisen gemacht, aber mich auf jeder innerlich und äußerlich verändert, aber immer mehr zu mir gefunden. wünsche dir die Veränderungen, die dich zu dir führen, dass du wieder eins mit dir bist. toller Text mal wieder

        Ich kann mich gar nicht entscheiden, für was ich Dir zuerst Komplimente machen soll!
        Die Bilder sind wunderschön. Ich mag deine Stil total gerne und auch die Stimmung, die Du vermittelst. Aber auch dein Text ist bewegend. Ich konnte mich sehr sehr gut in die dargestellte Gefühlswelt versetzen und bin eventuell auch ein bisschen hängen geblieben. So wie es eben sein muss, wenn es um gute Texte geht:)

        Liebst, Seline
        SEL’S CLOSET

        Du hast recht, genau so sollte es sein. Vielen Dank!
        Liebst, Katja

        Wow… Ich liebe deine literarischen Texte, du kannst total gut schreiben und beschreiben und man fühlt sich total in deinen Text rein. Der cool, ich freue mich auf mehr

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