Mrz
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Das kleine Mädchen war wieder da.

2006 oder 2007 Trainingslager in Mittweida.
Es war Mittwoch, 7:15 Uhr in der Früh. Nein, lass es 7:25 Uhr gewesen sein. Pünktlichkeit steht uns nicht. Es war ein kalter Mittwoch. Ein sehr kalter Mittwoch. Das Thermometer zeigte -1,6°C. Wir standen an der Elbe, dick eingepackt in Sportklamotten und zitterten um die Kälte aus unseren Gliedern zu bekommen. Die Elbe selbst war ein einziges Nebelbad. Auf der Wiese lag Tau. 

Ein Mittwoch an welchem man sich schönere Dinge vorstellen konnte, als im Boot die Elbe rauf und runter zu fahren. Aber es nützte alles nichts, der Trainer hatte das Sagen. Wir machten uns also mit dem Boot auf der Schulter auf den Weg zum Steg. Auch er war mit Tau überzogen. Ein leichter Wind wehte an der Elbe, der Nebel wollte sich jedoch nicht verziehen. Mir war schrecklich kalt und ich wusste, dass mir in den nächsten Minuten noch viel kälter werden wird.
Trotzdem biss ich die Zähne zusammen, im Hinterkopf den 20. April, den Prüfungstag. Von nichts kommt auch nichts und irgendwann musste ich anfangen wieder zu paddeln. Ich stieg ein, zog die Spritzdecke über mein Boot um mich wenigstens Halbwegs vor der Kälte, dem Wasser zu schützen und legte vom Steg ab. 
Die besagte Kälte machte sich innerhalb von Sekunden über mich her. Meine Hände wurden nass, steif und blau, dann gelb. Der Trainer lachte im Motorboot. „So macht paddeln Spaß“, schrie er uns zu. In diesem Moment hasste ich ihn. Er hat uns viel Gutes getan, war sehr gnädig, vor allem mit meinen Noten, aber paddeln bei -1,6°C im Nebel war doch wirklich nicht menschlich.

2015 bei der Frühjahrsregatta in Döbeln. Mein letztes Wettkampfjahr.

Trotzdem paddelten wir los. Ich persönlich paddelte um mein Leben, irgendwie musste die Wärme meinen Körper wieder erreichen. Es nützte nichts. Nach 10 Minuten war ich abgefallen, war das Schlusslicht, die Letzte. Die Kälte wurde immer schlimmer und mir stiegen die Tränen in die Augen. Der Trainer fuhr entspannt mit dem Motorboot an mir vorbei und sagte etwas, wofür ich mich jedoch nicht mehr interessierte, denn in diesem Augenblick hatte ich Probleme mein Boot gerade zu halten und seine Wellen zu überleben. Und die Kälte. Mir liefen die Tränen über das Gesicht.

Mein Kopf war jedoch bis auf den Gedanken des Überlebens leer, wogegen mein Körper gefüllt war mit kaltem Wasser und eisigen steifen Gelenken. Die Tränen liefen immer weiter über mein Gesicht und schienen mir auf den Wangen festzufrieren. Ich konnte nicht mehr. In diesem Moment fühlte ich mich zurückversetzt in die 5. Klasse, als ich neu auf das Sportgymnasium kam. Damals stieg ich ebenfalls 7:15 Uhr in mein Boot und kämpfte mich durch die Wellen des Motorboots, worin der gleiche Trainer saß. Ich war die Jüngste und fuhr immer hinterher. Keiner nahm auf mich Rücksicht. Im Gegenteil. Für schlechte Leistungen durfte ich dumme Kommentare einstecken. Von den Großen, die in keinem Gedanken daran dachten, wie viel stärker sie allein wegen ihres Körperbaus und ihres Alters waren. 
Ich weinte damals oft auf dem Wasser, aber keiner bemerkte es. Sie waren doch sowieso Kilomerterweit vor mir. Seitdem bin ich 8 Jahre lang, zwei mal in der Woche, später nur noch einmal, 6:00 Uhr aufgestanden und habe mich an die Elbe gequält. In diesem Moment hat mich dies alles eingeholt, die Kälte hatte wahrscheinlich ihr übriges getan. Ich konnte nicht mehr.
Das kleine Mädchen war wieder da. Voller Selbstzweifel, ohne jegliches Selbstbewusstsein. Ich wollte diese Hülle endlich ablegen, erwachsen werden und gut gelaunt durch das Leben gehen. Jetzt saß ich in meinem Boot und weinte wie ein kleines Kind. Ich bekam Frust, wollte raus aus meinem Körper. Wollte das kleines Mädchen hinter mir lassen, die Probleme überwinden.
Nach stolzen 10 Minuten, lasst es 15 gewesen sein, steuerte ich mein Boot wieder in Richtung des rettenden Steges. Meine Atmung ging durch das Weinen nur noch stoßweise und kurz vor dem Ziel hätte mich fast eine Welle erwischt. Meine Sachen dampften vor Kälte und ich holte mich letzter Kraft mein Boot aus dem Wasser und schleppte es den Berg hinauf in die Bootshalle. Meine Hände fingen langsam an wieder etwas Farbe anzunehmen. Wie tausend Nägel brannten sie beim Auftauen, ich hatte kein Gefühl mehr in ihnen. Als würden sie über dem Lagerfeuer brutzeln.

2007 bei der Meilenregatta in Lauenhain. Ich gewann meinen ersten Pokal.

Fragt mich nicht wie, aber nach einer endlosen Zeit war ich wieder in der Umkleide angekommen. Dort sank ich auf dem Boden zusammen und holte noch einmal die letzten Tränen aus mir heraus. Ich fühlte mich schlecht. Ein fast 18-jähriges Mädchen, das auf dem Boden liegt und weint weil es nicht mit ein bisschen Kälte klarkommt. Ein Weichei, eine Versagerin. Vergessen. Ich hatte aufgegeben und dafür schämte ich mich.

Seit diesem Tag zähle ich die Wochen bis zum 20. April, hoffe auf mehr Sonnenschein und bin froh diese Anstalt endlich hinter mir lassen zu können. Ich habe zu viel Energie und Aufwand investiert um einen kleinen Erfolgsmoment zu haben. Wurde fallen gelassen und habe jegliche Motivation verloren. Ich möchte nicht mehr nur auf meine sportlichen Leistungen reduziert werden und mir anhören, dass ich nichts mehr erreiche. Immer diesen Wettkampfgedanken haben.
Meine Mama sagt immer: „Einmal Sport, immer Sport.“ Sie wird Recht haben. Ich werde die Wettkämpfe vermissen, das Gefühl eine Medaillie zu gewinnen und einfach in der Natur zu zelten. Ganz kann ich das Paddel wahrscheinlich auch nicht aus der Hand legen. Aber ich sehe mich im Sonnenschein mit Keksen im Boot und Freunden an meiner Seite, ausgelassen das Wetter genießen und ein bisschen Bräune bekommen. Ich hätte auch Lust etwas völlig Neues zu probieren. Yoga zum Beispiel, seinen eigenen Körper besser kennen lernen und den Körperklaus in mir besiegen. Haltung annehmen. Oder eine Spielsportart, mit einem Team auf welches man sich verlassen kann. Ein Neuanfang ohne ständigen Leistungsdruck, nervige Wellen und kaltes Wetter. Ohne das kleine schwache Mädchen.
Spreewaldpaddeln mit meiner Mama ungefähr im Jahr 2005.

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10 COMMENTS

Man findet immer irgendwann das perfekte für einen. Vielleicht ist es das aber auch schon. Einfach ausprobieren! 🙂
Sehr toller Text!

Liebst,
Anni

http://www.anniislost.blogspot.de

Die Geschichte hat mich echt gefesselt, geh deinen Weg und lass dich nicht unter kriegen 🙂

Wow, wirklich wahnsinnig gut geschrieben!

Richtig toll geschrieben, da möchte man gar nicht mehr aufhören zu lesen!
Liebe Grüße
http://www.janinewx.blogspot.de

Sehr schöner Text und tolle Bilder. 🙂
Liebe Grüße,'
marie

Wie spannend, ich habe noch nie richtig was über das paddeln gehört. Aber das was du erzählst, erinnert mich an die Kindheit und Jugend eines Freundes der sozusagen zum Profi Skifahrer erzogen wurde und nicht mit aber auch nicht ohne den Sport konnte.

Liebe Grüsse

Faye

Ich finde du kannst so wunderschön schreiben. In meinem Kopf ist direkt ein Bild entstanden als wäre ich dabei gewesen! Respekt! Und für den 20 drücke ich dir alle Daumen die ich habe damit du da raus kommst. Vermissen darfst du den Stress und Druck später dann trotzdem 🙂

Ein toller Post und so schön geschrieben. Die Bilder finde ich auch toll. hab so etwas noch nie gemacht.
Liebe Grüße Michelle von beautifulfairy

Blumeileen

Ich mag deine Posts sehr. Und diese Gefühle, die du in dieser Geschichte beschreibst, kann ich nur zu gut nachvollziehen. Auch wenn ich einen anderen Sport gemacht hab, weiß ich komplett wovon du sprichst. Sehr gut geschrieben 😌

Hast du nicht Volleyball bei uns auf der Schule gespielt? 😀

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