Mrz
21
18

Das Ankommen nach einer Reise

Ich habe Angst davor wieder zu Hause anzukommen. Wieder in mein altes Zimmer zu ziehen, das selbstständige Leben aufzugeben und mich meinen Eltern unterzuordnen, wieder in alte Muster zu verfallen. Ich habe Angst davor nur noch in der Vergangenheit von meiner Reise zu sprechen und mich sehnlichst zurückzuwünschen. Weil die Realität wieder begonnen hat, als wäre ich nie weg gewesen. – Aus „Die Angst vor dem Heimkommen“

Ich stehe in meinem Zimmer und leise Klaviermusik tönt aus der kleinen Box auf meiner Kommode. Eine sanfte Melodie füllt den Raum mit einer magischen Atmosphäre, wie sie nur durch ein Klavier erschaffen werden kann. Ich blicke mich um.
Meine Augen schweifen von links nach rechts, über die Kleiderstange an der Wand, das Hochbett mit dem Sofa darunter, mein eigenes Klavier neben dem Spiegel in der Ecke, raus aus dem Fenster, wo sich etwas Schnee auf der Wiese tummelt. Rechts neben dem Fenster steht mein Schreibtisch, vollbepackt mit Notizbüchern, Stiften und Schokolade, daneben der Drucker und die Kommode mit den Klaviertönen.

Ein kleiner Seufzer kommt aus meiner Kehle, als mein Blick auf den großen Neuseeland Print fällt, den ich mir letzte Woche an die Wand gehängt habe. Der Kontrast zwischen der Freiheit von damals und meinem Alltag heute könnte nicht größer sein. Kein Wunder, dass mich das Fernweh immer wieder überkommt und ich am liebsten wieder zurückfliegen würde.
Ich weiß noch genau, wie ich damals unglaubliche Angst davor hatte, wieder in Deutschland zu sein. Am meisten vielleicht sogar davor, in alte Muster zu verfallen und meine Erinnerungen langsam verblassen zu sehen.

Jetzt stehe ich in meinem Zimmer, mit diesen kleinen fehlenden Teilen in meinem Herzen, weil ich sie auf meinen Reisen verteilt und immer ein kleines Stück von mir zurück gelassen habe. In Neuseeland liegt wohl das Größte, aber ich kann mittlerweile gut damit umgehen.
Mir wird immer wieder bewusst wie naiv ich war, als ich mich auf diese Reise begeben habe und fest daran glaubte, ich würde in dieser Zeit alles über mich selbst lernen. Sie hatte ihre Lektionen für mich, keine Frage, doch die viel schwierige Übung war das Ankommen daheim.

Ich musste mit dem Verlust vieler Freundschaften leben, stellte mir immer wieder die Frage, ob mir diese Beziehung gerade gut tut, oder ich zu viel investiere. Ich musste damit umgehen können, dass sich in mir selbst unglaublich viel verändert hat und ich weitergezogen bin. Gleichzeitig hatte ich aber nichts verändert und alles schien, als wäre ich nie weg gewesen. Dann kam der Kulturschock auf umgekehrte Weise zurück, wie lebt es sich gleich noch einmal in Deutschland?
Meine Erinnerungen fangen langsam an zu verblassen, genauso sanft und leise wie die Musik aus dem Lautsprecher tönt. Während ich mich nach meiner Rückkehr schwer damit tat auf die Small-Talk Frage „Wie wars denn?“ zu antworten, weil ich diese Erfahrungen nicht in Worte fassen konnte, fällt es mir langsam immer leichter darüber zu sprechen. Weil ich anfange zu vergessen.

In Neuseeland lernte ich frei zu sein und zu genießen, Deutschland lernte mir die kleinen Momente und das Ankommen, sage ich gern. Am Anfang war ich oft gehetzt, hatte das Gefühl nie richtig hier zu sein und trauerte dem Teil meines Herzens nach, den ich zurückgelassen habe. Jetzt weiß ich, dass ich mich nicht in meiner Trauer verlieren sollte, sondern weiter nach vorn blicken muss.
Nach 9 Monaten geht der Liebeskummer vorbei, las ich als kleines Teenagermädchen nach der ersten Trennung in einem Magazin. Und jetzt, 10 Monate später, fühle ich etwas wie Geborgenheit und Ankunft in mir.

Ich habe einen Ort gefunden auf den ich mich freue, wenn ich von einer Reise zurückkomme. Freunde und Freundinnen die auf mich warten, Familie die immer für mich da sein wird. Am meisten Probleme hatte ich damit einen Alltag (mehr dazu im nächsten Beitrag) zu finden und währenddessen bin ich angekommen, ohne es zu bemerken. Ich habe einen Job der mir Spaß macht, ich habe die Fotografie und den Blog, zwei Dinge die mich ausfüllen und einmal mehr, einmal weniger glücklich machen.
Das fühlt sich schön an, auch wenn mein Herz immer noch vermisst. Selbst darüber kann ich an den guten Tagen positiv denken, wenn ich meinen Blick nicht zurückwende, sondern nach vorne richte, auf kommende Reisen die ebenfalls wunderschön sein werden und auf denen ich Erfahrungen sammeln werde.

Ein Lächeln huscht über meine Lippen, während ich fast schon wie ein kleiner Spießer die Klaviermusik etwas lauter drehe und ein paar Schritte zu meinem Schreibtisch tanze. Ich hebe dabei meine Arme, als hätte ich einen imaginären Partner vor mir stehen, bis ich mich auf den grauen Drehstuhl vor der Arbeitsfläche fallen lasse. Dann öffne ich meinen Laptop, das Mailfach und fange an zu tippen. Zeit für etwas mehr Alltag, denke ich mir und male später am Abend eine Reiseroute auf die Karte. Bald ist es wieder so weit – und bis dahin fühlt sich dieses Ankommen und Aufgefangen Werden gar nicht so verkehrt an.

Was passiert aber, wenn nicht ich die Enttäuschung bin? Wenn ich feststellen muss, dass ich einfach nicht mehr hineinpasse in mein altes Leben (…)?
Dann möchte ich ausbrechen, etwas Neues wagen und weitergehen. Diese Worte würde ich meinem damaligen Ich gern mit auf den Weg geben.

Die komplette Bildstrecke findet ihr hier. 

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3 COMMENTS
Fabienne

Hallo Katja, dieser Blog Eintrag spricht mir direkt aus dem Herz. Morgen früh geht mein Flieger nach sieben Monaten in Neuseeland geht es für mich zurück nach Deutschland. Ich habe unglaublich Angst davor wieder in alte Muster zu verfallen wie du schon sagtest, ich will eigentlich gar nicht zurück. Mein Plan ist es nach Neuseeland zurück zu kehren um zu studieren, ich kann mir ein Leben in Deutschland einfach nicht mehr vorstellen. Habe das Gefühl das ich da nicht rein passe, ich habe auch Freundschaften verloren seit ich hier bin eigentlich alle bis auf zwei die schon seit kindheitstagen bestehen. Traurig ich weis, aber eigentlich bin ich ganz froh, ich bin frei. Ein paar Leute mit denen ich mich hier gut verstanden habe sind schon wieder zurück in ihrer Heimat. Alle erzählen mir wie komisch es ist und das sie am liebsten wieder gehen würden, dies Personen haben sich auf zu Hause gefreut und konnten es kaum erwarten wieder ‘in ihrem eigenen Bett zu schlafen’. Ich dagegen freue mich nicht zurück zu kehren ich möchte bleiben. Ich möchte auch allen smalltalk fragen aus dem Weg gehen, keiner soll mich auf Neuseeland ansprechen, ich weis nicht was ich antworten soll. Denn eigentlich will ich ja lieber dort sein. Heute ist mein letzter Tag, ich werde packen und noch ein letztes Mal am Strand entlang spazieren…. Danke für deinen gefühlvollen Beitrag!

Pauline

Ich habe schon mehrfach gehört, dass es sehr sehr schwer ist nach einer Reise wieder anzukommen und viele keinen Kulturschock auf der Hin- dafür aber nach der Rückreise erfahren.
Meine Tante hat auch einmal von einer Freundin, die damit sehr größe Probleme hatte und deswegen gesagt, sie wäre sich nicht sicher, was sie über solche Reisen denken soll. Ich finde das ist aber vollkommener Quatsch nur darüber nachzudenken es aus diesem Grund nicht zu tun.
In einem Buch was ich letztens gelesen habe, meinte die Autorin, es gäbe nur zwei Zustände: Heimweh und Fernweh. Ich finde das beschreibt es ziemlich gut und ich denke nichts ist besser als das andere, deswegen möchte ich gerne einfach beide immer abwechselnd erfahren…

Liebe Grüße
Pauline <3

http://www.mind-wanderer.com

Franzi

Du sprichst mir aus der Seele! Ich leide nach über einem Jahr an Fernweh und der Sehnsucht nach Freiheit und habe Schwierigkeiten mit dem Alltag zurecht zu kommen.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Neuseeland denke und mich zurück in dieses wundervolle Land wünsche.
Du hast es sehr gut beschrieben, dass man einen Teil seines Herzens dort lässt.

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