Mai
10
16

Aus dem Leben eines Abiturienten: Schöne Stunden voller Faulheit, Unwissen und Nutzlosigkeit

Jeder Mensch kommt einmal in seinem Leben an einem Punkt an, an welchem er seinen Körper hasst. Egal ob das natürliche Aussehen beeinflusste, wie zum Beispiel die Haarfarbe oder andere Makel. Wir haben doch alle schon einmal vor dem Spiegel gestanden und unser Gegenüber kritisch gemustert.
Ich bin gerade an diesem Punkt. Bisher habe ich mich immer sehr wohl in meinem Körper gefühlt, aber in letzter Zeit möchte ich ihn nicht mehr sehen. Beziehungsweise brauche ich ihn gar nicht zu sehen, ich fühle einfach sein katastrophales Aussehen.
Das mag jetzt vielleicht nach einer Übertreibung klingen, denn schließlich wurde ich nicht gerade mit den hässlichsten Genen ausgestattet. Darf man solche Worte überhaupt noch schreiben ohne überheblich zu wirken? Auf jeden Fall musste ich nie richtig auf meinen Körper achten. Ich hatte immer den Sport, welcher mir half ein Körpergefühl zu bekommen und zwar ein Gutes. Noch dazu kam ein geregelter Tagesablauf.

In den letzten Wochen wurden mir diese Anlaufpunkte genommen. Ich habe nicht mehr die Pflicht zum Training oder in die Schule zu gehen und nutze dies auch richtig aus. Es fühlt sich befreiend an, endlich seinen eigenen Tag zu planen und machen was man will. Und trotzdem ist es schrecklich.
Ich bin ein fauler Gammelhaufen geworden, der sich zwischen Couch und Kühlschrank bewegt. Natürlich versuche ich auch viel außerhalb zu machen, das schöne Wetter zu genießen und gehe zu den Konsultationen in die Schule. Aber all das fühlt sich nicht mehr befriedigend an. Mittlerweile gehe ich am Abend ins Bett und fühle mich unerfüllt. Als hätte ich wieder einen Tag sinnlos vergeudet.

Zur neuen Freiheit wurde mir auch jede Menge Faulheit mitgeliefert. Ich kann mich nicht überwinden zu lernen. Ich verfalle in Stress wenn ich an die bevorstehenden Prüfungen denke, auch weil Reden vor anderen Menschen nicht gerade meine größte Stärke ist. Das Schreiben liegt mir einfach besser. Die Hefter sind zu dick, das geforderte Wissen zu viel. Und trotzdem schaffe ich es nicht anzufangen, sondern verschiebe meine Sachen lieber getrost auf den nächsten Tag.

Manchmal wünsche ich mir eine Person die mir gewaltig in den Hintern tritt und mit mir zusammen lernt. Einer der Ahnung vom Thema hat und mit mir diskutiert, nicht einfach nur die dämlichen Jahreszahlen runterrattert.
Dieses schlechte Körpergefühl bezieht sich aber auch auf meine Figur. Ihr werdet jetzt lachen, mir hinterherrufen, dass man mit einem BMI von unter 18 Untergewicht hat und mir sagen ich sollte mich über ein paar Kilo mehr auf den Rippen freuen. Das habe ich auch immer. Über jedes einzelne Gramm war ich noch vor einem halben Jahr überglücklich. Aber jetzt fühlt sich das Ganze falsch an.  Als würde mein Bauch eine eigene Rebellion starten. Ständig zieht er sich zusammen und kann kein Essen mehr vertragen. Ich merke wie er langsam wächst (nein, keine Schwangerschaft, Essen) und mir ein ungutes Gefühl gibt.

Um mich herum existiert ein Teufelskreis. Ich mache keinen Sport mehr und plane für den nächsten Tag zu lernen. Aus diesem Grund bleibt auch gar keine Zeit mehr für jegliche Art von Bewegung. Am nächsten Tag allerdings liege ich Abends im Bett und habe keine Ahnung, was ich überhaupt sinnvolles getrieben habe. Ich fühle mich unbefriedigt und nehme mir für den nächsten Tag viel zu viel vor….

In der NEON-Ausgabe vom April ging es um genau dieses Problem. Die Frage war ob wir überhaupt arbeiten sollten, wenn wir sowieso bloß unsere Zeit vergeuden. Denn viele Menschen stehen jeden Tag auf und gehen zur Arbeit, obwohl sie keine Freude daran haben. Auch ich bin jeden Tag aufgestanden und in die Schule gefahren, danach zum Training, obwohl ich keine Freude daran hatte. Ich träumte davon, wie viel sinnvoller ich meine Zeit gestalten könnte. Aber jetzt wo ich aufgehört habe, vermisse ich die Tätigkeit. Mir fehlt der Antrieb.
Unsere Gesellschaft ist darauf spezialisiert. Ohne Arbeit hast du nichts. Kein Geld, keine Unterkunft und keine soziale Anerkennung. Genau diese Welt durchlebe ich gerade. Ums mal kurz auszudrücken: Ich habe Langeweile und weiß nichts mit mir anzufangen. Und genau aus diesem Grund fühle ich mich unwohl.


Im besagten Artikel der NEON befanden sich dafür genau zwei Antworten. 1. Mir fehlt die Arbeit, ich fühle mich ohne nutzlos. Als Mensch brauche ich sie einfach. 2. Ich muss erst noch lernen mit meiner neuen Freiheit etwas anzufangen und sie sinnvoll zu planen.
Ich für meinen Teil würde der ersten Antwort zustimmen. Egal ob Schule, Studium oder Arbeit, ich brauche eine neue Beschäftigung um mich wieder wohlfühlen zu können. Dieses unruhige Gefühl in meiner Magengegend hat seine Ursache in meiner momentanen Nutzlosigkeit. Ich möchte wieder aktiv werden, mit anderen Menschen in Kontakt treten und auch nach den schlimmsten Tagen wieder aufstehen und stolz darauf sein es geschafft zu haben. Ich möchte aufhören mich unwohl in meinem eigenen Körper zu fühlen. Ich möchte am Abend wieder im Bett liegen und kaputt einschlafen mit dem Wissen etwas erlebt oder gelernt zu haben. Ich möchte in der Früh nicht mehr ewig im Bett liegen, ohne Motivation für den kommenden Tag sondern aufstehen und glücklich sein.

Fragt mich nicht wie ich dieses Unwohlsein beseitigen werde. Jeder Mensch hat wie gesagt diese Phase und ich denke auch bei mir wird sie wieder vorübergehen. Spätestens mit einem Ferienjob und dem Wissen das Abitur endlich geschafft zu haben. Denn neben meiner Faulheit habe ich auch den ständigen Druck nicht versagen zu wollen. Diese beiden Eigenschaften in Kombination sind wirklich nicht schön.
Auf jeden Fall werde ich versuchen meinen Tag besser zu planen. Morgen fange ich damit an. Bestimmt.

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7 COMMENTS

Huhu..
Danke für deine Ehrlichen Worte 😉
Dein Text ist sehr schön Geschrieben und die Bilder passen wirklich gut dazu.

Liebe Grüße

Super geschrieben, ich erkenne mich bei so vielem wieder!
Habe selbst auch bis kurz vorm Abi Leistungssport gemacht und dann einfach nicht mehr, weil ich dachte, dass ich mich besser aufs Lernen konzentrieren könnte. Damit lag ich leider auch falsch, sondern habe das Lernen so vor mir hergeschoben. Jetzt im Studium merke ich total, dass ich da Sport als Ausgleich brauche, um überhaupt etwas zu schaffen 😀
Ich bin mir sicher, dass du ganz schnell was findest, was du machen kannst!
Liebe Grüße, Mara
http://glitzerglanz.blogspot.de

Ich kann's nur immer wieder sagen, du hast so einen tollen Schreibstil! Ich kann nachempfinden wie du dich fühlst, aber das ist natürlich nur eine Phase und du solltest dir keine Sorgen darum machen. Sobald du anfängst zu studieren/Arbeiten wirst du diese Zeit belächeln.

LG Gilda
http://www.itsgilda.com

Liebe Katja,
Zuerst mal: Ich glaube das ist voll normal, dass man nach/während den letzten Prüfungen so eine "faule Phase" hat. Du hattest bestimmt ziemlichen Stress (wenn auch nicht Zeitstress, dann zumindest psychischen Stress) und jetzt hast du es dir verdient dich auszuruhen und einfach einmal nichts zu machen. Ich merke an mir selbst auch oft, wie schlecht ich mich fühle, wenn ich an einem Tag "nichts" geschafft habe, aber da ist Quatsch, manchmal braucht der Körper (und der Geist) einfach ein wenig Ruhe! Ein toller Spruch, den ich letztens gefunden habe: "Sometimes, it's okay if the only thing you did today was breath." – Absolut richtig.

Und dann: Wenn du das Gefühl hast, dass die Phase vorbei ist, überleg dir doch einmal wie du deine Zeit nutzen kannst um etwas sinnvolles zu tun, das dir Spaß macht. Vielleicht etwas kreatives? Schreiben, Fotografieren… Oder einen anderen Sport ausprobieren. Vielleicht entdeckst du ein paar Ecken der Stadt, die du noch nicht kennst und besuchst ein paar Ausstellungen oder triffst dich mit neuen Leuten.
Ich glaube, das wird schon ganz bald alles wieder.
Viele Grüße!

Ich weiß ganz genau was du meinst! Bei mir war diese Phase gar nicht so sehr direkt nach dem Abi, sondern eigentlich erst vor ein paar Wochen, als ich nach Australien kam. Den ganzen Tag Strand, Sonne und Herumreisen – eigentlich ein Traum. Trotzdem habe ich mich dadurch irgendwann mehr eingeengt als frei gefühlt und mir hat mein Alltag (den ich davor nicht mehr sehen konnte) auf einmal sehr gefehlt. Mittlerweile habe ich aber irgendwie verstanden, dass es okay ist, auch mal nichts zu tun Und sich treiben zu lassen. Ich freue mich wieder darauf, Aufgaben zu haben, ein Studium anzufangen, zu arbeiten. Aber wenn man mal angefangen und sich daran gewöhnt hat, sich sein Leben selbst einzuteilen, ohne Zwang von außen, kann das auch wunderschön sein. 🙂

Sehr schön geschrieben! Und die Situation kommt mir momentan ziemlich bekannt vor – vor allem das am Abend im Bett liegen und von sich selbst genervt sein, weil man im Endeffekt eh wieder nichts getan hat. Aber mittlerweile glaube ich, dass das an der Zeit im Jahr liegt; letztes Jahr ist es mir schon mal genauso ergangen. Aber das legt sich alles wieder.

Ich finde es toll, dass du so offen darüber schreibst 🙂

Alles Liebe, Jacky N.
vapaus

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