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        Und jedes Jahr sitzen wir aufs Neue grübelnd vor einem Spiegel und stellen uns die gleichen Fragen. Wir sind entsetzt, dass schon wieder ein Jahr wie im Flug verging und wollen rückblickend erfahren was sich verändert hat. Wie wir uns verändert haben, aber vor allem wie wir uns angestellt haben. „Was habe ich dieses Jahr erreicht?“, fragt sich auf einmal Jeder, als müsste ein alter Meilenstein mit einem Häkchen markiert werden und ein neuer gesetzt werden. „Nächstes Jahr wird besser!“, sagen wir uns und wissen genau wie sich unsere Vorsätze nach dem ersten Monat in Luft auflösen werden.
        Aber dieses Jahr hat sich etwas verändert. Dieses Jahr sitzen wir mit zitternden Händen vor einem weißen Blatt Papier und fragen uns was noch geschehen soll. Unglaublich viele gute Menschen sind dieses Jahr gestorben und unglaublich viele dumme Menschen haben sich ins Rampenlicht gerückt. Angst, Terror und Verzweiflung sind wohl die richtigen Worte um das letzte Jahr zu beschreiben. Kann es nächstes Jahr noch schlimmer werden?

        Neben diesen großen politischen Gedanken bleibt kaum noch Zeit für den persönlichen Rückblick. Für mich fühlt es sich unwirklich an darüber nachzudenken was ich dieses Jahr erreicht habe während vor der Tür Panik herrscht. Obwohl Panik das falsche Wort ist, es liegt eine Ungewissheit in der Luft, eine Spannung die wir nicht in Worte fassen können. Und keiner weiß was im nächsten Moment passieren könnte.
        Ich habe mir trotzdem ein paar Minuten Zeit genommen um mein eigenes Leben zu sortieren, denn auch das muss irgendwie weitergehen. Ich saß also grübelnd vor einem Spiegel, las mir alte Blogeinträge dieses Jahres durch und stellte mir die gleichen Fragen. Was habe ich dieses Jahr erreicht?

        Der Januar, der Anfang des Ganzen liegt mir hier so fern. Ich fühle mich wie ein kleines Kind wenn ich daran zurückdenke wie ich verzweifelt in der Schule saß und einfach nur abhauen wollte. Vielleicht war ich damals auch genau das, ein kleines Kind – die Lehrer sagen einem schon was man machen soll und wie es weitergeht.
        Aber irgendwann dann, nach langer Quälerei hielt ich das ersehnte Stück Papier in der Hand. Abitur. Den Abschluss. Und auch danach musste es irgendwie weitergehen.
        Ich bin ehrlich, ich genoss diese Zeit und diesen Freiraum den ich auf einmal bekommen hatte. Keine Verpflichtungen, keine Regeln, keine Grenzen. Aber irgendwann fühlte ich mich nutzlos und ausgebrannt, ich war auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, einer neuen Sache die mich vorantreibt.

        Sie kam auch. Die Arbeit nahm mich im Sommer vollkommen in Anspruch und fand gar kein Ende mehr. 7 Tage die Woche arbeiten kann hart sein, 7 Tage die Woche Tag- und Nachtschicht mit zwei verschiedenen Jobs noch viel härter. Ich erinnere mich daran wie ich müde mit einer heißen Schokolade versuchte Nachts um 4 die Augen offen zu halten, oder wie ich brechend und mit zitterndem Körper über der Kloschüssel hing und einfach nicht mehr konnte. Trotzdem machte ich in dieser Zeit wunderschöne Erfahrungen und lernte vor allem bei Pull&Bear wie es ist in einer Familie zu arbeiten.
        All´diese Dinge liegen für mich aber im Moment noch weiter entfernt als das kalte Deutschland, am anderen Ende der Welt. Rund 24 Flugstunden, 18.000 Kilometer trennen uns seit ich im September allen den Rücken kehrte und in die Maschine stieg. Nach Neuseeland.

        Manchmal sitze ich hier und frage mich ob dies die richtige Entscheidung war, oder die Einfachste. Viele Abiturienten schlagen genau diesen Weg ein und ich fühle mich oft unwohl damit. Ihr wisst, dass ich über Neuseeland immer noch geteilter Meinung bin. Da wäre die wunderschöne Landschaft, das Meer, die Berge, die Seen, die Natur, aber auch unglaublich viele Touristen, Touristenattraktionen und andere Dinge die einen zur Verzweiflung bringen können. Unser kaputtes Auto wäre da noch eins. Aber ich habe mich jetzt entschieden: Man ist nur einmal hier. Und dieses eine Mal sollte man gefälligst auch auf bestmögliche Weise nutzen. Und vielleicht schwärme ich mich im nächsten Jahresrückblick dann doch auf die Inseln am anderen Ende der Welt zurück.

        Und neben den ganzen neuen Erfahrungen bleibt für mich noch eine große Frage offen. Wie habe ich mich dieses Jahr weiterentwickelt?
        Äußerlich hat sich wohl am meisten getan und ihr seid ein Teil dieser Entwicklung gewesen. Angefangen hat es mit kleinen Tunneln in meinen Ohren, später kamen die Dreadlocks hinzu. Wenn ich diese Worte schreibe sieht die charakterliche Entwicklung die dieses Jahr in mir vorging fast geplant aus – ganz ohne Vorurteile.
        Aber ich bin dieses Jahr selbstbewusster geworden und habe vor allem hier in Neuseeland viel über mich selbst gelernt. Wie gut mir das Planen zum Beispiel liegt und das in mir ein kleines Organisationstalent schlummert. Das ich aktiv sein muss und mir das rumliegen auf der faulen Haut nicht gut tut. Wie sehr ich das Meer liebe. Die Wellen. Die Natur. Und noch so viel mehr!

        Ich glaube – und das ist mir das wichtigste Thema – ich bin auch viel bewusster mit dem Internetumgang geworden. Ich weiß was ich erreichen kann und möchte und lasse mich dabei nur noch selten von außen beeinflussen. Mir ist es egal geworden was andere Blogger treiben (auch wenn ich viele noch gern lese) oder wohin sich gerade der Trend bewegt. Ich schreibe meine Texte und habe meinen Bildstil gefunden. Ich ziehe meinen eigenen Plan durch. Zielgerichtet. Ohne Ablenkung. Und vor allem: Wie und wann ich Lust dazu habe.

        Ich möchte jetzt nicht als abschließendes Wort schreiben „dieses Jahr war gut“, oder „dieses Jahr war schlecht“. Es war einfach nur ein weiteres Jahr für uns alle. Und während sich der Blick jetzt langsam auf das Kommende richtet mache auch ich mir Gedanken.
        Wie wird es sein wieder in Deutschland anzukommen? Familie und Freunde wiederzusehen? Wieder in der alten Routine, im alten Kinderzimmer, im alten Alltag zu leben? Und was kommt danach? Bleibe ich überhaupt in Dresden wohnen oder öffnet sich eine neue Tür?
        Wisst ihr was? Keine Ahnung. Der Plan für nächstes Jahr steht noch nicht. Ich muss ihn noch schreiben. Aber eines weiß ich ganz bestimmt: Wir sollten freundlicher und respektvoller Miteinander umgehen, die sozialen Netzwerke nicht für unseren Hass benutzen und wieder im realen Leben ankommen. Wir sollten lachen, teilen, und lieben. Das wäre doch ein Anfang, oder?








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