Feb
07
17

Alte Reisegefährten

„Hey, schön dich wiederzusehen!“ Ihre Stimme drang erfreut in ihre Ohren und mit einem großen Schritt trat ihre alte Freundin hinter der Rezeption eines alten Hotels hervor um sie herzlich zu umarmen. Ungefähr im selben Moment trat aus der Glastür hinter des großen Holztisches ein Mann mittleren Alters und grinste sie ebenfalls an. „Was treibt dich denn hier her?“, fragte er lachend und auch sie konnte ihre Freude nicht mehr länger verbergen.
„Das ist verrückt!“, sagte sie langsam und versuchte zu realisieren was gerade geschehen war. „Ich hatte euch nicht hier erwartet!“

Die 3 waren alte Reisegefährten. Vor einem Jahr hatten sie sich zufällig weit entfernt von zu Hause getroffen und nach 4 Monaten Arbeit in einem anderen Hotel beschlossen ein Stück ihrer geplanten Reise zusammen zu erleben. Die anderen Beiden, das waren eine hübsche Engländerin und ein hochgewachsener Neuseeländer. Ihr lockerer Umgang miteinander lies sie manchmal vergessen wie lange die Beiden schon ein Paar waren und genau dafür mochte sie die Anwesenheit von ihnen. Es war diese Atmosphäre welche sie sich auch in einer Beziehung wünschte – offene und herzliche Menschen die unheimlich vertraut, aber nicht aufdringlich miteinander waren.

Nach ihrer gemeinsamen Arbeit und späteren Reise hatten sich die Drei aus den Augen verloren. Das Paar beschloss gemeinsam nach England, später nach Australien zu gehen und sie hatte vorgehabt für ein paar Jahre wieder nach Hause zu gehen. Natürlich war es anders gekommen, aber keiner von ihnen hatte erwartet sich nach so kurzer Zeit in einem Hotel wiederzusehen.
Die Engländerin und der Neuseeländer arbeiteten schon eine Weile hier, wie sich nach einem kurzen Gespräch herausstellte und auch sie war mit einer Bewerbung im Rucksack angereist, welche sie jetzt zögerlich herauszog.

„Wer ist denn euer Chef? Hättet ihr vielleicht noch einen Platz frei, ich bin auch auf der Suche nach Arbeit.“ Ihr Blick schweifte hoffnungsvoll durch den Raum. Das Hotel war alt, aber auf keinen Fall heruntergekommen. An der Decke hing eine eindrucksvolle Lampe und die Wände waren mit Bildern jedes Zeitalters geschmückt. Der bunte Teppich verlieh dem Ganzen eine gemütliche Stimmung und sie wusste, dass sie sich hier wohlfühlen konnte.
„Wir reichen deine Bewerbung weiter. Ich würde mich unglaublich freuen wenn uns der Zufall tatsächlich wieder zusammenbringt.“, sagte die Engländerin auf ihre Bitte und riss sie damit aus ihren Gedanken. „Du wirst nicht glauben wen wir hier noch getroffen haben!“
Insgeheim wusste, hoffte sie auf eine bestimmte Person und doch war sie zu nervös bei diesem Gedanken um genauer nachzufragen. Eilig buchte sie sich ein Zimmer, bis der Chef sich entschieden hatte wollte sie hier bleiben, lies sich den Weg erklären und nahm ihren Schlüssel von dem Holztisch.

Sie lief eine alte, knarzende Holztreppe hinauf, vorbei an noch mehr Bilderrahmen, bis sie in Etage 2 angekommen war. Und dort sah sie ihn. Sie wusste, warum die Frage nach ihm an der Rezeption nicht über ihre Lippen gekommen war, denn auf diesen Moment wollte sie sich nicht vorbereiten. Nein, sie konnte sich nicht vorbereiten. Es war verwirrend. Atemberaubend und verängstigend. Wie beim ersten Mal.
Er hatte sie nun auch gesehen und lächelte ihr schüchtern zu. Wahrscheinlich war auch er überwältig. Überrascht. Sie musterte ihn über den langen Gang, während keiner von ihnen ein Stück näher kam oder auf den Anderen zuging.

Sie musste schlucken. Er sah immer noch genauso aus wie vor einem Jahr. Eine blonde Strähne hing ihm über das schiefe Grinsen in seinem Gesicht und konnte trotzdem seine strahlenden Augen nicht verstecken. Ihr Blick schweifte hinunter zu seiner rechten Hand. Zwischen Mittelfinger und Daumen klaffte immer noch eine große Lücke, als kleines Kind wurde ihm der Finger abgenommen. Sie musste unwillkürlich an den Tag denken als er ihr davon erzählt hatte. Er hatte verletzlich gewirkt und ihr damals das erste Mal Einblick in seine Welt gewährt.
„Ich möchte anfangen hier zu arbeiten.“, brach sie die Stille mit zitternder Stimme, denn sie wusste wie schwer es damals gewesen war. Auch er hatte vor einem Jahr mit der Engländerin, dem Neuseeländer und ihr in dem anderen Hotel gearbeitet. Sie war damals gemeinsam mit ihrem Freund gereist, er war allein. Und auch wenn ihre Vernunft versucht hatte die Anziehung zu verbieten, konnte keiner die Intimität zwischen den Beiden leugnen.

„Kommt mit, ich zeige dir dein Zimmer.“ Er ging ein Stück auf sie zu und hielt ihr seine Hand entgegen. Sie nahm sie zögerlich und gemeinsam liefen sie den Gang entlang bis zum vorletzten Raum. Er öffnete die Holztür und Beide gingen hintereinander durch das Zimmer bis auf den Balkon. Die Sonne war schon langsam im Begriff dabei unterzugehen und der Himmel färbte sich lila, während er auf einem weißen Plastikstuhl platz nahm und sie sich auf die Rüstung setzte.

„Worüber möchtest du mit mir reden?“, platze der tiefsitzende Schmerz aus ihr heraus und lies ihn für einen Moment zweifeln. Doch es gab keinen Platz für Zweifel, nicht auf diesem Balkon.
„Ich habe dich vermisst.“
„Ich dich auch.“
Danach, Stille. Sie schaut ihm tief in die Augen und versuchte seine Gedanken zu erraten, aber er war wie damals undurchschaubar.
„Wie ist es dir ergangen? Ich meine, nachdem du mit den anderen Drei weitergereist bist. Nachdem du wieder zu Hause angekommen warst.“
Sie atmete tief ein. „Das ist eine lange Geschichte.“

Aber sie erzählte ihm die Geschichte. Sie erzählte davon wie schön die Reise begonnen hatte und wie mit der Zeit alles anfing zu zerbrechen. Wie sie angefangen hatte sich nur noch mit ihrem Freund zu streiten und immer unglücklicher wurde. Sie erzählte davon wie es war wieder nach Hause zu kommen, wieder den Alltag zu leben und sich weiterzustreiten. Wie sie in eine andere Stadt zog und ihr Freund fremdging. Sie erzählte über die schmerzhafte Trennung die gar nicht schmerzhaft war und sie kaum berührte. Über ihre alten Freunde deren Leben weiterging. Ohne sie.
„Möchtest du darüber reden?“, unterbrach er nach einer Weile ihren Redefluss. „Worüber?“, fragte sie und wusste, dass diese Frage überflüssig war. „Später.“, fügte sie hinzu und stand auf.
„Lass uns zusammen etwas essen gehen, unten im Hotel.“, sagte er schnell als wollte diese Begegnung noch nicht enden lassen.

Er wusste wie verletzlich und verwirrt sie in diesem Augenblick war und zog sie an sich. Da standen die Beiden und umarmten sich nach einem Jahr endlich wieder auf einem kleinen Balkon. Ihr stiegen die Tränen in die Augen, als sie sich immer fester an ihn klammerte. Behutsam nahm er ihr Gesicht in seine Hände und wischte ihre Tränen weg.
„Geh duschen und mach dich frisch. Wir treffen uns unten.“ Ein kurzer Kuss auf die Stirn und er war verschwunden. Wieder einmal.

Auf zitternden Beinen ging sie zurück in ihr Hotelzimmer und schaute sich das erste Mal richtig um. Es war wirklich nett eingerichtet, ein kleines Sofa, ein dunkler Holztisch und über dem großen Bett hing eine Fotografie. Sie legte ihren Rucksack auf das Sofa und versuchte klar zu denken. Ihr Kopf wollte das Geschehen noch nicht realisieren und nach einigen Minuten gab sie auf. Vielleicht würde eine kühle Dusche helfen.
Sie befolgte seinen Rat und kramte schnell eine Hose und einen Pullover aus ihrem Rucksack um sich frisch zu machen. In der Dusche angekommen drehte sie das Wasser auf die volle Stufe und versuchte ihren Kopf frei zu bekommen.

Sie lehnte mit ihrem Kopf an der Wand und lies kaltes Wasser über ihren Körper laufen. Nein, so hatte sie sich ihre überstürzte Reise nicht vorgestellt. Sie war zurück nach Hause gekommen um ihre Ruhe wiederzufinden und war stattdessen im Chaos versunken. Also packte sie kurzerhand ihren Rucksack um genau diesem Chaos wieder zu entfliehen. Und was begegnete ihr hier?
Die Tränen liefen ihr erneut über das Gesicht und sie wusste nicht mehr weiter. Sie wollte glücklich sein, das Gefühl einer neuen Liebe genießen und ihm endlich ihre Zuneigung zeigen. Aber ihre alte Trennung hinderte sie daran.
Ihre Beine zitterten stärker bei dem Gedanken daran und sie musste sich setzen. Sie dachte an ihren alten Freund und lies sich ihre Trennung immer wieder durch den Kopf gehen. Die Beiden hatten sich immer mehr gestritten und schließlich durch ihren Umzug auseinandergelebt, bis er eine neue Vertrauensperson fand. Was sie nicht schlimm fand, es war bloß unglaublich verletzend gewesen kein Wort davon zu erfahren. Sie fühlte sich nicht nur hintergangen, sondern fragte sich seitdem auch immer wieder warum sie nicht gut genug gewesen war. Was sie falsch gemacht hatte.

Die Selbstzweifel überrannten sie seit dieser Trennung und aus einem glücklichem Gesicht war das Lachen gewichen. Nicht nur einmal am Tag stand sie vor dem Spiegel und fragte sich unwichtige Dinge. Sie wurde wütend über ihre Figur und schämte sich eine Minute später für ihr Aussehen. Sie wurde ruhiger, zurückhaltender, schüchtern und schließlich war sie fast allein. Genau vor diesem Chaos wollte sie entfliehen. Sie hatte gehofft auf ihrer Reise neuen Menschen zu begegnen, Menschen die ihr zeigten was sie wert war und sie mit ihrer positiven Stimmung wieder aufbauten.
Aber seine Anwesenheit hatte all´ diese Gedanken wieder hervorgerufen. Die dunkle Kiste in ihrem Kopf, welche sie verschlossen halten wollte, wurde geöffnet und jetzt saß sie unter der Dusche und musste hemmungslos weinen. Ein tief sitzender Schmerz hat sie langsam von innen zerstört.

Sie drehte das Wasser etwas wärmer und stand auf. „Schluss jetzt!“, schrie ein Gedanke in ihrem Kopf und lies sie weitermachen. Sie trat aus der Dusche, wickelte sich in das flauschige Hotelhandtuch und nahm ihr Handy in die Hand.
„Hast du Lust auf Pizza und Rotwein auf dem Balkon?“, sendete sie ihm in einer Nachricht. Dann zog sie ihre Sachen an und trocknete sich die Haare.
5 Minuten später klopfte es an ihrer Tür und er stand mit zwei großen Pizzakartons vor ihr. Sie holte einen der überteuerten Weine aus der Minibar und gemeinsam setzten sie sich wieder auf den Balkon.

Die Beiden aßen ihre Pizza schweigend und nachdem die Pappkartons leer waren nahm sie einen großen Schluck aus der Weinflasche und schaute ihn an. Seine Augen wollten ihr Mut geben und er nickte ihr aufmunternd zu.
Sie redete erneut, aber diesmal erzählte sie ihm von ihrer Trennung. Die Details, ihren Schmerz und sie erzählte von ihrer Angst erneut hintergangen zu werden und kein Vertrauen mehr fassen zu können. Und als sie bei ihren Selbstzweifeln angekommen war schaute er sie traurig an.
Du fühlst dich nicht mehr wohl in deinem Körper?“
„Nein.“
„Erinnerst du dich an die Geschichte mit meinem Finger?“
„Ja.“
„Du weißt, dass du wunderschön bist?“
Ein schmerzvoller Blick entstellte ihr Gesicht.

Beide hatten mittlerweile etwas mehr Wein getrunken und vielleicht war das der Grund warum er sie bis auf die Unterwäsche auszog und in das Badezimmer führte. Sie standen gemeinsam vor dem Spiegel, sie vorn, er hinten und leise fragte er sie was sie an ihrem Körper nicht mag.
Sie blickte auf seinen fehlenden Finger an der rechten Hand. „Wie bist du damit umgegangen?“, fragte sie ihn und er schaute betrübt auf die klaffenden Lücke.
„Gar nicht. Man kann sich nicht daran gewöhnen, mir schaudert es bei dem Gedanken daran wie andere Menschen mich wahrnehmen. Als Krüppel. Nicht perfekt. Hässlich. Es ist schwierig seinen eigenen Körper zu akzeptieren, wenn man ihn nicht hübsch oder perfekt genug für andere Menschen findet. Und wenn diese Menschen einen seine Fehler auch noch spüren lassen, wie soll man selbst damit umgehen und glücklich werden? Jeder muss seine eigene Antwort auf diese Frage finden.“

Ihr wisst wie dieser Abend ausging, aber hinter dieser zufälligen Begegnung steckte tatsächlich mehr. Sie musste noch sehr lang über seine Worte nachdenken und immer wieder, wenn sie ihre Hand in seine Rechte legte, kamen Zweifel in ihr auf. Es reichte nicht, dass er sie perfekt fand und sie ihn, auch wenn seine Anwesenheit genau das war, was sie gebracht hatte.
Immer wieder stand sie nach dem Duschen vor dem Spiegel und musterte ihren Körper. Er hatte sie wieder aufgebaut, ihr neuen Mut und neues Selbstvertrauen gegeben, aber innerlich liebte sie sich immer noch nicht und in diesen Momenten vor dem Spiegel fragte sie sich, ob man diesen Zustand überhaupt erreichen kann. Sie hatte Tage an denen sie sich selbstbewusst groß machte und das Bad mit einem strahlenden Lächeln verließ, aber es gab auch Tage an denen sie sich nach der Dusche traurig in seinen Armen verkroch.
Der Aufenthalt mit den alten Freunden und einem neu gewonnenem, wieder gewonnenem Freund tat ihr unglaublich gut und sie lernte in vielen langen Gesprächen, dass es gar nicht darum geht seinen Körper bis in das kleinste Detail zu lieben. Das wäre nur Schein, genau wie der Schein ihrer alten Beziehung sie blind gemacht hatte und die Eifersucht überschattet hat. Es geht um die Mischung aus guten Tagen in denen man sich stolz und glücklich präsentiert und den schlechten Tagen an denen man an sich arbeitet.

Sie wusste nicht, wohin sie dieser neue Weg führen würde. Aber sie war froh in gemeinsam mit einem lachenden Gesicht mit einer blonden Strähne und leuchtenden Augen gehen zu können. Denn der Zufall trifft immer die richtigen Menschen und Entscheidungen.


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4 COMMENTS
Hanna

Liebe Katja,
ich mag deinen Blog und mir gefällt was du schreibst.
Ich würde dir jedoch wirklich raten diese Fotos in Unterwäsche wieder rauszunehmen.
Es ist immer noch das Internet, jeder Depp kann wer weiß was mit deinen Fotos anstellen.
Liebe Grüße,
Hanna

Hey, ich weiß worauf ich mich mit diesen Bildern eingelassen habe und es sind tatsächlich nicht die ersten Unterwäschebilder die hier erscheinen 🙂 Trotzdem weiß ich was du meinst, aber, auch wenn es ziemlich naiv ist, ich habe noch ein kleines Stück Vertrauen in die Menschen.
Liebst, Katja

Vielleicht bist du Naiv wegen den Fotos, vielleicht bin ich das auch, denn ich bin nicht der Meinung, dass man damit etwas anstellen kann, was dir schaden würde. Ich will dir nicht zu nahe treten oder dich angreifen, das auf keinen Fall, dennoch würde ich sagen, dass die Bilder eine Person zeigen, die in meinen Augen nicht Sexy ist, sondern besonders, zerbrechlich. Du wirkst auf mich wie ein selbst zweifelndes, unsicheres Mädchen und ich finde diese Bilder unheimlich schön und ausdrucksstark. Sie passen sehr gut zu dem Text. Du hast es wieder einmal geschafft ein rundes Gesamtpaket zu schnüren, das mag ich so an dir, an deinem Blog. Danke 🙂

So ähnlich, ich sehe darin eher ein Mädchen welche sich ziemlich unwohl fühlt und in den Fotos Zuflucht findet. Danke dir fürs Lesen!

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