Apr
07
17

5 Schritte – So nah und doch so fern.

Traurig standest du vor mir. Deine Augen voller Unschuld. Wir waren allein, in diesem Moment, so wie wir schon immer allein gewesen waren. Und es war wundervoll. Ich streckte meine Hand nach dir aus. Versuchte ein Stück auf dich zuzugehen. Doch du bist zurückgewichen.
Die Abendstimmung hatte sich über das Feld gelegt und hätte man mich beobachtet, hätte man mich vielleicht für verrückt erklärt. Ich schwankte leicht hin und her, die Kälte lies mich frösteln. Trotzdem trug ich nur ein Kleid. Weil du es so mochtest.

„Nur 5 Schritte“, murmelte ich leise vor mich hin und zog die Arme näher an meinen Körper. „Das schaffe ich.“ Dann versuchte ich langsam ein Bein vor das Andere zu setzen. „1, 2, 3, 4, 5“, zählte ich langsam mit, bevor ich stockte. Ich konnte dich nicht erreichen. Es war, als hätte mein Versuch dir näher zu kommen eine größere Entfernung zwischen uns gebracht. Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte dich nicht aufgeben. „Nur noch 5 Schritte“, murmelte ich noch einmal und versuchte mich erneut zu überwinden.

Auf diese Weise trugen uns meine Schritte immer weiter in das Feld hinein. Berge türmten sich vor uns auf und die Abenddämmerung brachte einen eisigen Wind mit sich. Er wehte mich fast in eine andere Richtung, als wollte der durchsichtige Hauch mich vor etwas bewahren, doch ich hatte mein Ziel stur vor Augen. Und das warst du.
Meine Schritte wurden langsamer, schwerfälliger und meine kleine Pause dauerte immer länger, als würde meine Erinnerung schwinden. Als würde sich mein Ziel immer weniger lohnen und ich müsste meine Motivation zwischen all´den Gedanken und dem Chaos in meinem Kopf immer wieder suchen.

Einige Male zählte ich noch: „1, 2, 3, 4, 5,“ bevor ich in einer meiner stockenden Minuten zwischen den Schritten langsam auf die Knie sank. Aber weißt du was? Ich dachte nicht daran aufzugeben. Ich wollte dich nicht verlieren. Also raffte ich mich noch einmal auf und kroch auf eingeknickten Beinen weiter, bis sie anfingen zu bluten.
Mein Weg zu dir wurde immer wirrer und man könnte meinen, dass es unmöglich war dich zu erreichen. Du warst zu weit weg und als ich vor lauter Verzweiflung anfing deinen Namen zu rufen, hast du dich umgedreht und mich nicht angehört. Ich kroch unaufhaltsam weiter, bis ich endgültig zusammenbrach. Kopfüber kippte ich einfach um, als ich das letzte Mal murmelte: „Nur noch 5, das schaffst du schon.“ Nein, ich schaffte keinen einzigen Schritt mehr. Ich hatte verloren. Ich hatte dich verloren. Der Weg ist das Ziel, aber was passiert, wenn das Ziel durch den Weg unerreichbar wird?

Mein Anblick muss scheußlich gewesen sein, denn er brache dich das erste Mal dazu anzuhalten und dich besorgt nach mir umzublicken. Die Verfolgungsjagd hatte ein Ende. Und während ich das letzte Mal leise deinen Namen murmelte und unter großer Anstrengung meine Hand nach dir ausstreckte, bemerkte ich, dass du ebenfalls reglos auf dem Boden lagst. Tränen liefen mir über das Gesicht, als ich im kühlen Gras die Augen schloss.
Dieser Schmerz dich verloren zu haben – nichts dagegen tun zu können – macht mich immer noch fertig. Ich habe versucht dir zu helfen, doch du wolltest keine Hilfe. Du hast mich nicht gebraucht. Nicht auf diese Art die ich von dir brauchte. Ich weiß nicht einmal, ob du überhaupt gerettet werden wolltest.

Weißt du, in der dunklen Nacht machten sie sich an diesem Abend auf den Weg und suchten uns. Sie fanden uns auf einem kleinen Weg, 5 Schritte voneinander entfernt und legten mir eine warme Decke um, als sie mich sahen. Doch ich wollte sie nicht. Ich hatte doch das Kleid an, welches dir so gut gefiel.
Ein Schluck warmer Tee und viele beruhigende Worte brachten mich zurück in die Realität. Sie brachten mir dieses große schwarze Loch in mein Herz, als ich dich auf dem Boden sah. So verletzlich, so ruhig und doch so friedlich, lagst du da.

Und als die Anderen langsam wieder gehen wollten wusste ich, dass ich dich nicht einfach zurücklassen kann. Ich wartete ab, bis sie ein paar Meter gegangen waren und schaffte sie endlich. 1, 2, 3, 4, 5, diesmal konntest du nicht weglaufen. Ich strich langsam mit meiner kühlen Hand über deine kühlere Wange, bevor ich mein letztes Andenken an dich nahm. Seitdem bist du immer bei mir. Mein ständiger Begleiter. Denn ich trage seit diesem Abend deine Krone mit mir – dein Geweih. Und obwohl wir nicht mehr reden können weiß ich, dass du stolz auf mich bist. Denn ich habe dich nie aufgegeben.





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14 COMMENTS

So ein wunderschöner, trauriger Text. <3 Du bist ein unglaubliches Schreibtalent, Katja. Das ist bemerkenswert. <3
Und von deinen Fotos fange ich erst gar nicht an. Ich bin jedes Mal wieder baff, wenn ich deine Aufnahmen sehe.

Btw ich liebe deinen Blog wirklich. <3

Wishes, Kat

Oh danke dir so sehr <3
Liebst, Katja

Arabella

kann mich Kat nur anschließen. wieder mal ein richtig guter Text und seine Fotos sind ja eh immer perfekt, auch wenn du manchmal was anderes denkst 😉

wow… wahnsinnig trauriger aber schöner Text! Wirklich gut geschrieben und vor allem so bildlich. Ich hatte die ganze Zeit Bilder vor Augen und Gänsehaut dazu ö.ö
Die Bilder finde ich auch wirklich schön! Ich mag es, wie du so einen gleichbleibenden Stil beibehältst. Der Look auf deiner Seite funktioniert wirklich gut! <3

Toller Blog!

LG Lena

Tatjana K

Ein Schreibversuch. Eine Geschichte.

So lautete die Überschrift des ersten Textes den ich geschrieben hatte. Hier. Ein Text über Erinnerungen, über Zeit und vielleichts. Über Begegnungen, über ihn- uns kann ich irgendwie nicht sagen- und das wunderschöne Neuseeland. 4 Jahre kannten er und ich uns schon, und in ein 4 Wochen Abenteuer quer über die Nordinsel stürtze ich uns. Ja ich, mit dem spontanen Kauf eines Flugtickets zu ihm, zu ihm in das Land, das ich mir als Land meiner Träume ausmalte. Wobei es keinerlei Garantien und Sicherheit gab dass das überhaupt funktionieren würde. Aber das ist es irgendwie auch nicht gewesen worauf es ankommen sollte. Irgendwie. Am Ende lernte ich nicht nur das Land kennen, sondern auch ihn. In einer Umgebung wie sie schöner nicht sein könnte.

Liebe Katja, es sind wohl nicht die ganzen vielleichts auf die es ankommt. Die wagen Gedanken, die uns am Leben halten; die Emotionen die Verbindungen sichtbar machen und Handlungen die uns zeigen wo man steht.
Als ich deinen Instagram feed das erste Mal entdeckt habe, war das erste was ich tat den Link meiner besten Freundin zu schicken mit dem Emoji, der zwei Herzchen in den Augen hat. Aber hinter dir steckt so viel mehr als diese unglaublichen Bilder… Du schreibst so viele Gedanken in unfassbarer Wortwahl nieder. Da kann ich immer nur noch ‚I feel you‘ vor mich hin sagen wenn du wieder etwas niedergeschrieben hast. Du zeigst wie du lebst, mit allen imperfections und doch scheint diese kleine Welt in die man durch die Bilder und Texte eintauchen kann doch perfekt; perfekt wie sie ist. Perfekt unperfekt.
Eigentlich wollte ich einen Schreibversuch wagen, dich auch mal in die Welt eines anderen Neuseeland lovers einblicken lassen, dir irgendwie vielleicht was zurück geben zum lesen, bis mein Handy deinen Blog einfach so schloss und ich nun das hier schreibe. Ich danke dir.. dass du mich in diese Welt zurück geholt hast und uns alle mitgenommen hast. Ehrlich darüber geschrieben hast was passiert und keine heile Wlet vorgespielt hast wie es heutzutage leider die meisten Blogger, Youtuber etc tun. Ich danke dir; von Herzen.
Das Gewinnspiel, ja- ist eine tolle Möglichkeit tolle Produkte zu bekommen. Und irgendwie ist mir der Hashtag entfallen als ich versucht habe meine ganzen Gedanken in meinem Kopf zu ordnen. #heyhej ? Aber sollte auch nicht der Grund sein für meine Worte.
Alles Liebe, Tati 🌱🌻

tatjana.kaiser@fryka.com

Tatjana K

#sayhej
Jetzt hab ichs,- siehe erster Kommentar 😅😊 (tatjana.kaiser@fryka.com)

Leah

So schön geschrieben! Regt mich in jeglicher Hinsicht zum nachdenken an.

Liesbeth

Darf ich fragen wo du dieses tolle Kleid herbekomnen hast? Das ist ganz toll!

Das ist von olive clothing 🙂

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