Ich sitze am Küchentisch meiner Eltern und starre auf den Strauß Blumen direkt vor meinem Gesicht. Heute ist mein Geburtstag, aber ich komme wie jedes Jahr irgendwie nicht in die richtige Stimmung, in Feierlaune wie mein Umfeld sagen würde. Ich fühle mich nicht älter, nicht weiser, ich fühle mich überhaupt nicht anders als am gestrigen Tag.
Geburtstage sind nicht mein Ding, das stellte ich schon vor 2 Jahren fest. Damals, als ich 18 wurde und mich nicht besonders fühlte, weil ich jetzt volljährig bin. Damals, als ich ebenfalls nicht das Bedürfnis hatte groß zu feiern, um meine Person für ein paar Minuten ins Rampenlicht zu stellen und mich feiern zu lassen.

Eine kleine Fliege setzt sich auf das Rosenblatt vor meiner Nase und ich muss instinktiv an die letzten 20 Jahre denken. Der Tag heute fühlt sich für mich danach an, etwas in Erinnerungen zu schwelgen und vielleicht auch ein bisschen stolz zurückzublicken. Auf alles, was ich schon überstanden und erreicht habe, auf atemberaubende und glückliche Momente die ich erleben durfte. Genau dieses Gefühl möchte ich heute mit euch teilen. Eine kleine Zusammenfassung der letzten Jahre aus meinem Leben.

Uns allen zur Liebe überspringe ich die ersten Jahre, welche ich sabbernd in den Armen meiner Eltern und dem Kinderwagen verbracht habe. Ich bin in Dresden geboren und aufgewachsen, besuchte eine musikalische Früherziehung die ich gern als Auslöser für sämtliche Kreativität in meinem Kopf verantwortlich mache, fand mich irgendwann in der Schule wieder. Ich begann damit erst Keyboard, dann Klavier zu spielen und landete schließlich beim Kanu – kein spannender Lebenslauf wenn ihr mich fragt.
Aus den ersten Paddelversuchen wurde dann schließlich irgendwann Leistungssport und auch, wenn ich nicht unbedingt eine schöne Zeit hatte, blicke ich gern zurück und bin dankbar darüber. Nicht nur, weil ich es irgendwie geschafft habe zu überleben, sondern auch weil ich unglaublich viel über mich selbst gelernt habe. Auch wenn ich das erst jetzt, einige Jahre später erkennen konnte.

Mein Leben bestand im Prinzip daraus abwechselnd zur Schule und zum Training zu gehen und ich fand sogar für eine Weile richtig Spaß daran. Ich war im jungen Alter sehr erfolgreich (manchmal hat es Vorteile schneller zu wachsen) und fühlte mich auf dem Wasser wohl. Das Element hat immer noch eine sehr beruhigende Wirkung auf mich, kennt ihr diese Momente in denen man seinen Kopf untertaucht und von dieser unglaublichen Stille umgeben ist? Wenn auf einmal alles langsamer wird und man wirklich nur mit sich allein ist?
Wie auch immer, irgendwann wurde ich krank und dieser Situation ordne ich gern das Übel zu. Ich schlug mich mit dem Drüsenfieber herum, nach ein paar Monaten kam die nächste Krankheit – Lungenentzündung.

Vielleicht könnt ihr euch in mich hineinversetzen, vielleicht auch nicht. Am Anfang freute ich mich darüber nicht mehr trainieren zu können, ich musste ein komplettes Jahr aussetzen und wurde ständig von der Pulsuhr an meinem Handgelenk überwacht. Später aber, nach dem ersten Wettkampf, bereute ich alles und fing langsam damit an mich selbst fertig zu machen.
Ich kam nicht mehr an meine alten Leistungen heran und ich war nicht mehr erfolgreich. Ich möchte keine Schuldzuweisungen machen, da ich vor allem selbst Schuld an meiner Lage war und völlig falsch damit umgegangen bin, aber meine Trainingsgruppe gab mir den letzten Schubs in Richtung Selbstmitleid.

Immer wieder wurde gewitzelt und im Spaß darüber gesprochen, dass ich nicht mehr gut bin, keine Leistung mehr bringe und ich habe angefangen daran zu glauben. Ich hatte noch weniger Selbstwertgefühl als vorher, wollte nicht mehr zum Training gehen und überlegte mehr als einmal von der Schule zu gehen. Doch ich blieb bis zum Schluss, redete mir immer wieder ein, dass ich alles überstehen könnte und lernte in dieser Zeit unglaublich viel über mich selbst.
Da ich mich wieder in der Schule, noch beim Training richtig wohl fühlte und immer wieder selbst schlecht redete, lernte ich selbstständig zu sein. Ich eckte oft an und ließ mich davon trotzdem nicht unterkriegen, stattdessen zog ich Dinge in meinem eigenen Stil und Denken um. Auch, wenn das vielleicht nicht immer so gewirkt hat, habe ich versucht die Kommentare der Anderen auszublenden und einfach nur ich selbst zu sein. Mit Macken und Mängeln und Eigenheiten.

Ich fühlte mich damals schwach, allein und hatte keine schöne Zeit. Mein positives Denken über einige Situationen habe ich mir in den letzten Monaten hart erkämpft. Damals wollte ich nichts mehr, als endlich die Schule zu verlassen und meinen eigenen Weg zu gehen.
Das was mir eine Menge Halt gegeben hat, war diese kleine unscheinbare Internetseite. Ich hatte große Schwierigkeiten damit über meine Probleme zu reden, da mein fehlendes Selbstwertgefühl mir einredete, dass mir sowieso niemand zuhören würde. Hier konnte ich alles aufschreiben, verarbeiten und habe ZuhörerInnen gefunden. Darüber bin ich bis heute sehr dankbar, auch wenn ich diesen Blog mehr als einmal hinterfragt habe.

Mein Abi hätte ich durch die Paddelprüfung am Ende fast nicht bestanden, mein Durchschnitt macht mich bis heute nicht stolz. Aber ich habe überlebt, gelernt und bin schlussendlich meinen eigenen Weg gegangen – ans andere Ende der Welt.
Ich traue mich schon fast gar nicht mehr das Wort Neuseeland überhaupt in den Mund zu nehmen, weil ein Work&Travel Jahr wie der typische Plan nach dem Abitur klingt und weil ich schon so viel darüber geschrieben habe. In diesen 9 Monaten war ich abwechselnd überglücklich und am Boden zerstört, darüber könnt ihr hier genügend lesen. Auf dieser Reise habe ich mich noch besser kennen gelernt. Ich habe es geschafft mir selbst zu verzeihen und wieder an mich zu glauben.

Der Rückflug nach Deutschland hätte mir schwerer nicht fallen können, aber selbst darüber bin ich heute dankbar. Verrückt wie sich Momente damals wie ein Weltuntergang anfühlen und man erst mit der Zeit erkennt, wie viel Gutes selbst in Tränen stecken kann. Ich musste erkennen was wahre Freunde sind und was für Gesichter sich hinter einer Heuchelei verstecken, habe aber gleichzeitig erkannt auf wen ich wirklich zählen kann.
Vielleicht brauchte ich deshalb auch diesen kleinen persönlichen Neuanfang in Leipzig, um alte Geschichten hinter mir zu lassen und diesem selbstbewussten Ich etwas Raum zu geben. In Dresden kannte man mich in meinen alten Mustern und genau daraus wollte ich ausbrechen. Ich wollte stark sein, selbstständig und weiterhin meinen eigenen Weg gehen. Also hielt ich mich irgendwie mit Nebenjobs über Wasser und drehte meiner Heimatstadt ein weiteres Mal den Rücken zu.

Ich war euphorisch, ich wollte durchstarten und wurde ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Anfangs fühlte ich mich oft allein, ich hatte Heimweh und wollte doch nicht zurück. Dann fing das Studium an, ich hatte mich für Germanistik eingeschrieben, und war ebenfalls nicht das Richtige für mich. Ich habe nie richtig darüber geschrieben, warum ich abgebrochen habe, aber diese Entscheidung hatte mehrere Gründe, denen ich mir erst jetzt bewusst geworden bin.
Zum Einen war ich überfordert damit mich in dieser neuen Stadt zurecht zu finden und gleichzeitig nicht vor Nervosität in der Uni zu scheitern. Sie war viel zu groß und ich fühlte mich nicht wohl in dieser Masse. Im Endeffekt habe ich ihr aber auch nie eine richtig Chance gegeben, als ich schon in der 2. Woche anfing nicht mehr hinzugehen. Ich war überfordert, kam nicht richtig an und fühlte mich beobachtet. Follower auf Instagram zu haben kann schön sein, am Abend Fotos von sich selbst auf dem Campus zugeschickt zu bekommen eher nicht. Es schien als könnte ich dieses Gebäude nicht betreten ohne beobachtet zu werden und das stärkte mein Selbstbewusstsein nicht unbedingt. Also flüchtete ich.

Dieses Flüchten und Weglaufen vor Problemen zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben, auch wenn ich ihn mittlerweile ganz gut in den Griff bekommen habe. Immer wieder, wenn mich Situationen überfordern, nehme ich die Beine in die Hand und laufe so schnell ich kann. Wie schlecht diese Art von Lösungsvorschlag ist kann sich wohl jeder von euch denken.
Nach dem abgebrochenen Studium folgte eine Bewerbung an der HGB in Leipzig, ich wollte Fotografie studieren, wurde aber abgelehnt. Aber selbst damit kann ich mittlerweile ganz gut umgehen.
Viel schlimmer ist es für mich im Moment planlos zu sein, denn auch wenn es ein gutes Gefühl sein kann ohne Verpflichtungen zu leben, wird es mit der Zeit ziemlich anstrengend. Ich würde gern wissen, was ich später einmal machen möchte und in welchem Bereich ich mich selbst sehe. Das Thema beschäftigt mich gerade sehr und ich werde euch in nächste Zeit bestimmt noch mit dem ein oder anderen Artikel darüber nerven.

Aber hey, heute ist mein Geburtstag und ich wollte ihn als Anlass nehmen zurückzublicken. Denn ich bin gewachsen, an mir selbst und an meinen Problemen, ich bin schon lange nicht mehr das kleine schüchterne Mädchen, was kein Wort herausbringt. Manchmal muss ich mir das vor Augen führen, wenig vor einer neuen Wand des Ungewissen stehe und mich frage wohin mein Weg führen wird. Im Rückblick erscheint uns alles etwas kleiner, nicht wahr?
Dazu ist mir ein Satz von Momo im Kopf hängen geblieben. Sie musste fegen, oder Laub kehren, ich weiß es nicht mehr richtig. Auf jeden Fall stand sie auf der Straße und sagte sich, dass es besser ist zurückzublicken und stolz auf sich zu sein. Darauf was man erreicht hat, darauf was man schon hinter sich gebracht hat. Denn der Blick in die Weite nach vorn kann einschüchternd sein und man sollte ihn wirklich nur wagen, wenn man sich dazu bereit fühlt. Das Leben geht immer weiter, möchte ich ergänzen, auf die nächsten 20 Jahre.

Ein großes Danke an jeden Einzelnen von euch, fürs Lesen von diesem langen Text, für eure aufmunternden Worte, auch für die Kritik die mich weiterbringt und für das Verständnis. Ein Geburtstag ist eigentlich auch nur ein Tag wie jeder andere und ich möchte diese Gelegenheit deshalb nicht nur nutzen, um meine Geschichte zu erzählen, sondern auch um anderen Menschen zu helfen. Mehr dazu gibt es im neuen Video:

Outfitdetails
Brille: Take A Shot
Jacke: Second Hand
Pullover: Second Hand
Hose: Armed Angels
Schuhe: Dr. Martens
Uhr: Kerbholz

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KOMMENTARE

Ich muss weinen!

Ein sehr schöner Text. Erstmal alles gute zum Geburtstag (nachträglich)! Ich kann total verstehen wieso du diese nicht so magts oder jedenfalls nicht so sehr schätzt wie andere. Aber ich finde sie eben doch ganz schön, denn es ist ein guter Zeitpunkt mal auf sich stolz zu sein und sich bewusst zu werden was man schon alles geschafft hat. Manchmal frage ich mich ob man nicht doch zu viel an sich selbst herum kritisiert, klar es ist wichtig sich seiner Fehler und Macken bewusst zu sein, aber nicht alles muss verbessert werden, oder? Ich weiss auch nicht, aber ich hoffe dass du stolz auf dich bist denn das solltest du sein! Alles Liebe,
eine sehr begeisterete und inspirierte Leserin, Elena

https://outnaboutweb.wordpress.com

Alles liebe noch zu deinem Geburtstag :)!
Ich kann sehr gut mit dir fühlen, da ich auch mein Studium abgebrochen habe und auch überhaupt nicht weis in welche Richtung ich gehen will.. das zieht ein ganz schön runter. Ich werde im Sommer jetzt erstmal eine Ausbildung machen, welche ich verkürzen kann und danach werde ich vermutlich noch studieren, wenn ich dann weiß, wohin mich mein Weg führen soll!

Hallo Katja .
Ich bin durch „Zufall “ auf deine Seite aufmerksam geworden und mag die Art wie du schreibst.
Ich freue mich auf mehr 😊
LG Dani http://www.meinweginsglueck.de

Ich wünsche dir zuerst nachträglich alles Gute zum Geburtstag. Dein Text hat mich sehr berührt, wie ehrlich du über dein Leben schreibst. Ich hoffe, dass du mittlerweile deinen Weg in Leipzig gefunden hast und du dir wohl fühlst.

Ich wünsche dir auch nachträglich alles Gute zum Geburtstag. 🙂 Der Text ist richtig gut geschrieben und ich finde, dass du mit 20 Jahren schon viel erlebt und erreicht hast! Vielleicht magst du es ein wenig negativ sehen, aber grade die Tiefpunkte im Leben weisen einem den Weg, den man beschreiten sollte. Ich bin mittlerweile 22 Jahre und weiß immer noch nicht zu 100 % wo es beruflich hingehen soll, aber das sehe ich eher als Herausforderung, so dass ich so viel wie möglich ausprobieren möchte. Ich finds eher langweilig den schnurrgeraden Weg zu gehen: Schule – Ausbildung/Studium – Beruf. Wo bleibt da der Spaß?
LG, Svenja von mindful-discovery.com

Das sehe ich genauso und danke dir für die Glückwünsche!
Im Nachhinein bringen einen auch die negativen Seiten des Lebens weiter, man muss es nur lernen und akzeptieren. 🙂

Alles Liebe noch nachträglich von mir!
Geburtstage fühlen sich auch für mich immer seltsam an. Gut, diesen Tag zu nutzen, um mal zurück zu blicken.
Aber es ist kein Tag wie jeder andere. Denn vor 29 Jahren hast du das vielleicht anstrengendste deines Lebens gemeistert: du hast dich aus deiner Mutter ins Leben gekämpft! Das war anstrengend und unheimlich aufregend für dich und für deine Mama!
Ich finde, an Geburtstagen haben auch die Eltern Blumen oder so verdient. Es ist schön, diesen Tag irgendwie zu ehren. Ob nun als Feier, oder eben nur für sich.
Viel Freude und Zuversicht im neuen Lebensjahr für dich!

Danke dir 🙂
Die Eltern werden doch schon am Mutter- und Vatertag geehrt, oder nicht? Aber natürlich sollte man ihnen das gesamte Jahr über dankbar sein, dass sie einen aufgenommen und erzogen haben.

Ach, ich liebe es! Tolle Geschichte!

Keine Geschichte, mein Leben 😀